Geschlechterforschung Teilzeit macht Papa unglücklich

Prof. Martin Schröder

»Die Vorstellung, wie ein moderner Vater oder eine moderne Mutter – egal wie man das jetzt moralisch bewertet – zu sein hat, scheint an den Vorstellungen oder Einstellungen der meisten Deutschen vorbei zu gehen.«
Prof. Martin Schröder, Uni Marburg: »Die Vorstellung, wie ein moderner Vater oder eine moderne Mutter – egal wie man das jetzt moralisch bewertet – zu sein hat, scheint an den Vorstellungen oder Einstellungen der meisten Deutschen vorbei zu gehen.«

Traditionelle Rollenbilder sitzen tiefer als gedacht. Das zeigt eine neue Studie des Marburger Soziologen Prof. Martin Schröder. Was bedeutet das für Trendthemen wie die gerechte Aufteilung von Arbeitszeiten oder MINT-Förderung von Frauen?

Markt&Technik: Herr Prof. Schröder, Sie haben Daten des „Sozio-oekonomischen Panels“ von 1984 bis 2015 ausgewertet. Was haben Sie herausgefunden?

Prof. Martin Schröder: Die Studie zeigt die Situation repräsentativer Deutscher in den letzten 30 Jahren. Männer und vor allem Väter sind besonders zufrieden, wenn sie sehr, sehr lange arbeiten, etwa 50 h pro Woche. Und auch die Lebenszufriedenheit ihrer Partnerinnen ist dann besonders hoch. Das widerspricht unserem Ideal, dass Familie am besten funktioniert, wenn Frauen und Männer sich Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Kindererziehung ungefähr gleich aufteilen. Die Ergebnisse widersprechen dem, wie wir die Welt gerne hätten.

Das ist starker Tobak. Kann es sein, dass die lange Zeitspanne seit 1984 die Ergebnisse verfälscht?

Das habe ich mich auch gefragt und daher den Zeitraum 2000 bis 2015 extra ausgewertet. Da zeigt sich dieser Effekt auch noch, übrigens auch unabhängig vom Bildungsniveau. Wertvorstellungen verändern sich viel weniger, als wir alle vermuten.

Was ich allerdings nicht sagen kann, ist, ob die Ergebnisse im Jahr 2014, 2015 oder sogar 2016 noch genauso wären, dazu ist die Datenlage zu dünn. Ich vermute aber mal, man würde die Tendenz selbst dann noch sehen, evtl. nicht mehr so stark wie Mitte der Achtzigerjahre.

Wohlgemerkt: Wir haben es hier nicht mit einer Geschlechterfrage zu tun. Denn der Unterschied zeigt sich zwischen kinderlosen Männern und kinderlosen Frauen nicht in dem Maße, er besteht vor allem zwischen Müttern und Vätern. Die Lebenszufriedenheit von Müttern reagiert zum Beispiel fast gar nicht auf deren Arbeitszeit. Sie kompensieren offenbar durch mehr Bestätigung im Job oder durch mehr Familienzeit, die Lebenszufriedenheit bleibt in beiden Fällen gleich. Bei Vätern jedoch scheint der Effekt „Ich bin zufrieden, viel zu arbeiten“ den Effekt „Ich bin zufrieden, Zeit mit meiner Familie zu verbringen“ deutlich zu dominieren.

Sind die Gene schuld? Oder ist das zu platt?

Das Problem: ich kann als Wissenschaftler nicht testen, ob das in unseren Genen steckt. Was man jedoch messen kann, ist, wie stark Leute traditionelle oder egalitäre Vorstellungen von Geschlecht haben, also das Rollenverständnis. Und hier zeigt sich: Der gemessene Effekt ist besonders ausgeprägt in Ländern, die traditionelle Geschlechtervorstellungen haben, und besonders schwach ausgeprägt, wo egalitäre Geschlechtervorstellungen vorherrschen. Das bedeutet, dass dieser Effekt wandelbar ist. Im Moment zeigt sich jedoch, dass in acht untersuchten Ländern unsere gemessene Geschlechtervorstellung dominiert.

Heißt das, es dauert noch länger als gedacht, bis wir nicht nur egalitäre Vorstellungen, sondern auch echte Gleichstellung haben?

Man kann nicht einfach sagen, bei uns herrschen die falschen Geschlechtervorstellungen, die tauschen wir jetzt mal aus. So wünschenswert die Vorstellung ist, die Arbeitszeiten paritätisch auf 30 Stunden aufzuteilen: Es passt offensichtlich nicht zu den Geschlechtervorstellungen, die die Deutschen im Durchschnitt haben. Es passt nicht zu dem, wie die Menschen derzeit ihr Leben leben wollen.

Denken wir in Wahrheit also viel traditioneller, als man es angesichts des öffentlichen Diskurses meinen könnte?

Ja. Die Vorstellung, wie ein moderner Vater oder eine moderne Mutter – egal wie man das jetzt moralisch bewertet – zu sein hat, scheint an den Vorstellungen oder Einstellungen der meisten Deutschen vorbei zu gehen. Ich kann nichts darüber sagen, ob das in 10, 20 oder 30 Jahren immer noch so ist. Aber im Moment, auf Basis der Daten der letzten 30 Jahre, ist es so.

Rollenvorstellungen kleben an uns also wie Kaugummi? Selbst wenn der Verstand anders möchte?

Was auch wenig überraschend ist, weil es sich um sehr basale Einstellungen handelt. Was bin ich als Mann, als Frau? Das geht stark an den Kern der Identität vieler Menschen ran. Das kann man nicht eben mal kurz verändern per Fingerschnipp. Man kann noch eine philosophische Frage nachschieben: Wenn die Leute damit zufrieden sind, sollte man das dann ändern? Einerseits: Wer hat das Recht zu sagen, ihr dürft das jetzt nicht mehr? Andererseits wissen wir, dass das ein Stück weit eine Konstruktion ist. Daher sollten wir das verändern. Leider gibt es einen Widerspruch zwischen den beiden Zielen.

Rollenbilder haben einen direkten Einfluss darauf, ob Frauen Technik-Fächer studieren. Also auf den MINT-Nachwuchs. Was bedeuten Ihre Ergebnisse für die Forschung in diesem Bereich?

Ich habe selbst Erfahrung damit, weil ich ja selbst eine Professur innehabe, die Geschlechterforschung betreibt. Es gibt die einen, die die Realität zeigen, wie sie ist. Aber auch die, die aufzeigen wollen, wie die Gesellschaft gerechterweise sein könnte. Das Problem: das geht oft an der Realität vorbei. Der normative Bias in der Geschlechterforschung hat eine gewisse Berechtigung, macht aber einige Leute sehr wütend, weil sie sich bevormundet fühlen. Sie verlangen von Forschern, dass sie die Welt zeigen, wie sie ist, nicht wie sie sein könnte. Dieser Unmut mancher Leute begründet vielleicht die Kritik an der Gender-Forschung, die es da und dort gibt. Wohlgemerkt: Es gibt Benachteiligung von Frauen, in vielerlei Hinsicht! Aber nicht alle in der Gender-Forschung repräsentieren das Gros der Frauen heutzutage und sind repräsentativ.

Was bedeutet das für weiblichen MINT-Nachwuchs? Dass man einen sehr langen Atem braucht?
Ich denke, man muss sich damit auseinandersetzen, dass Geschlechtervorstellungen nicht von heute auf morgen zu ändern sind. Auch wenn wir das alle gerne anders hätten. Das Paradoxe ist ja, dass wenig gleichberechtigte Frauen in Entwicklungsländern relativ häufig MINT-Fächer wählen, um ihre Unabhängigkeit zu stärken. In Ländern wie Deutschland oder Schweden hingegen, bei höherer Gleichberechtigung und Wahlfreiheit, wählen Frauen seltener MINT-Fächer.

Für mich erfolgversprechend könnte daher der Ansatz sein, lieber die MINT-Fächer kompatibler zu machen, als die Frauen an MINT anpassen zu wollen. Hier sehe ich Spielraum: etwa stärker auf den Sinn abzustellen als etwa auf Verdienstmöglichkeiten. Auf typische Ziele von Frauen also, nicht auf wünschenswerte. Und dann klarmachen, warum technische Studiengänge mit diesen Zielen kompatibel sind. MINT, Ingenieursarbeit kann das Leben von Menschen verbessern. Das sollte im Vordergrund stehen.

Innovativ wäre auch ein Wertekodex, mit dem die Branche Vorreiter sein könnte in Deutschland.

Richtig. Angepasst an die Realität von Frauen.