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5G-Netzausbau

Sicherheitsrisiko ohne Huawei?

11. November 2020, 08:30 Uhr   |  Markus Haller

Sicherheitsrisiko ohne Huawei?
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Führt ein Ausschluss von Huawei am 5G-Netzausbau zum Sicherheitsrisiko? Deutschlandchef David Wang brachte diese Sichtweise beim Gespräch mit der Fachpresse neu ins Spiel und wirbt für einen offenen Markt.

Am 14. September lud Huawei Vertreter der Fachpresse an seinen Standort in Ismaning bei München ein. Zu besprechen gab es einiges, technisch und auch politisch. Den Auftakt machte Huaweis Chefrepräsentant für Deutschland, David Wang (Bild 1).

David Wang, Chef von Huawei Deutschland: »Als privat geführtes Unternehmen können wir keine politischen Probleme lösen.«
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Bild 1. David Wang, Chef von Huawei Deutschland, sieht sein Unternehmen als Opfer von politischen Umständen: »Als privat geführtes Unternehmen können wir keine politischen Probleme lösen.«

In Bezug auf den diskutierten Ausschluss von Huawei am 5G-Netzausbau aufgrund von möglicher Spionagetätigkeit für die chinesische Regierung sprach er von haltlosen Vorwürfen: »Aus meiner Sicht sind alle Anschuldigungen gegen Huawei aus der Luft gegriffen. Wir sind das einzige Unternehmen, das seinen Quellcode für das BSI zur Inspektion geöffnet hat und die Prüfer haben nichts beanstandet.«

Neue Sicht auf Sicherheit

Ein Sicherheitsproblem in der Mobilfunkinfrastruktur werde man auf lange Sicht gerade durch einen Ausschluss von Huawei bekommen. Die Argumentation: Sicherheit sei auch eine Frage von hochwertigen Produkten, die am besten durch die Konkurrenz auf einem offenen Markt entstünden, ohne regulative Eingriffe wie den gezielten Ausschluss eines Wettbewerbers. Die aktuellen Beziehungen zur Bundesregierung beschrieb Wang als hoffnungsvoll. Deutschland sei bisher das einzige Land, das mit Blick auf die Sicherheitsbedenken beim 5G-Netzausbau eine »pragmatische Lösung« angeboten hätte. »Wir sind zuversichtlich, dass unsere Produkte den Nachweis auf Konformität erbringen werden, wie sie es auch schon seit über zwanzig Jahren tun.«

Huawei sieht sich in der aktuellen Debatte als Opfer von US-Handelsinteressen. Die auferlegten Restriktionen in der Zusammenarbeit mit Google haben das Unternehmen getroffen, genauso wie der Lieferstopp von Chips aus den USA und Taiwan. Und die Frage nach gleichwertigem Ersatz ist auch laut Wang eine, die sich kurzfristig nicht so leicht beantworten lasse. Er gab aber zu bedenken, dass sich auch die USA einen langfristigen Handelskrieg mit China nicht leisten könnten. Neben zahlreichen Großkunden, die wie Huawei regelmäßig Großbestellungen bei US-Firmen wie Intel und Qualcomm platzieren, befindet sich auch ein relevanter Teil der weltweiten Halbleiterproduktion in China.

Umsatz auch ohne Google

Die Geschäftsentwicklung ist für Huawei trotz aller Schwierigkeiten aktuell positiv. Für 2019 weist der Geschäftsbericht ein Umsatzwachstum von 19,1 Prozent auf rund 123 Mrd. US-Dollar aus und einen Nettogewinn von rund 9 Mrd. US-Dollar. Der Kurs setzt sich laut den offiziellen Zahlen auch 2020 fort. Im 2. Quartal 2020 lieferte Huawei trotz Google-Bann, der dem Unternehmen untersagt, Google-Dienste in seine Produkte zu integrieren, insgesamt 55,8 Mio. Smartphones aus. Damit war der Konzern erstmals weltweit der größte Smartphone-Lieferant vor Samsung (54,2 Mio.) und Apple (37,6 Mio.). Getragen wird Huawei dabei vom heimischen Absatzmarkt in China, auf dem die Google-Software keine so große Rolle spielt. Offen bleibt die Frage, wie sich die US-Sanktionen auswirken, die auf die Hardware abzielen: Seit dem 15. September werden von Auftragsfertiger TSMC auf Druck der US-Regierung keine Kirin-SoCs mehr ausgeliefert, die Huawei für seine Oberklasse-Smartphones nutzt. Ein Wechsel zu einem anderen Halbleiterfertiger ist laut Analysten ein steiniger Weg.

Huawei Geschäftsbericht 2019: 59 Prozent des Konzernumsatzes werden in China erwirtschaftet. Über die Hälfte des Umsatzes wird mit Konsumelektronik erwirtschaftet, die 2019 um 34 Prozent zulegte
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Bild 2. Huawei Geschäftsbericht 2019: 59 Prozent des Konzernumsatzes werden in China erwirtschaftet. Über die Hälfte des Umsatzes wird mit Konsumelektronik erwirtschaftet, die 2019 um 34 Prozent zulegte.

Die nötigen Fertigungsprozesse sind rar gesät und bei den wenigen verbleibenden Optionen ist man, wie im Fall von TSMC, auch dann vom Wohlwollen der US-Regierung abhängig, wenn das Unternehmen nicht in den USA ansässig ist. Entsprechend gehen Analysten davon aus, dass die Sanktionen ab 2021 deutliche Spuren in Form von Umsatzrückgängen im Geschäftsbereich Konsumelektronik hinterlassen. Eine mögliche Kursänderung durch den – noch inoffiziell – neu gewählten US-Präsident Joe Biden ist alles andere als sicher. Die Konsumelektronik macht bei Huawei rund 55 % des Konzernumsatzes aus und war 2019 der größte Wachstums­treiber. Bild 2 zeigt einen Auszug aus Huaweis Geschäftsbericht.

Offene technische Fragen

Das zweite große Standbein für Huawei ist das Carrier-Business mit rund einem Drittel des Konzernumsatzes. Hier ist die Entwicklung der 5G-Mobilfunkausrüstung angesiedelt. Zu den aktuellen technischen Fragestellungen gehört die Steuerung von Massive-MIMO-Antennen in Echtzeit. Für das Beamforming, das mit dem 5G-Mobilfunkstandard neu eingeführt wird, will man Antennen-Arrays mit bis zu 192 einzeln ansteuerbaren Antennen einsetzen. Für die Steuerung solcher Arrays in Echtzeit entwickelt Huawei eigene ICs. Kommerziell verfügbare Prozessoren und FPGAs erfüllen die Anforderungen an die Steuerung nicht, sagt Walter Haas, CTO und CSO von Huawei Deutschland. Der hohe Aufwand zur Antennensteuerung schlägt sich in der Stromaufnahme nieder. Damit schließt sich laut Haas die nächste offene Frage an: Wie sieht die Stromversorgung von 5G-fähigen Basisstationen aus? Hinzu komme, dass sich die Netzbetreiber auf deutlich höhere Stromkosten einstellen müssten.

Ein 5G-Mobilfunknetz erfordert den Aus- und Umbau der Basisstationen. Ein Punkt: Die Notstromversorgung ist nicht auf alle Typen von Active Antenna Units (AAUs) ausgelegt, die für die Massive-MIMO-Technik benötigt werden
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Bild 3. Ein 5G-Mobilfunknetz erfordert den Aus- und Umbau der Basisstationen. Ein Punkt: Die Notstromversorgung ist nicht auf alle Typen von Active Antenna Units (AAUs) ausgelegt, die für die Massive-MIMO-Technik benötigt werden.

Allgemein ist die Umrüstung von Basisstationen auf 5G-Technik mit hohem Aufwand verbunden (Bild 3). Zum einen sind mehr Basisstationen zur Versorgung der Mobilfunkteilnehmer nötig, sodass am Errichten neuer Stationen kein Weg vorbei führt, und zum anderen sind laut Haas die bestehenden Basisstationen bei Statik und Stromversorgung nicht darauf ausgelegt, Massive-MIMO-Antennen aufzunehmen. Hinzu kommt, dass für die Beamforming-Technik neue Mechanismen nötig sind, um die Einhaltung von Immissionsgrenzwerten sicherzustellen. Methoden dazu werden bereits eingesetzt oder befinden sich in der Entwicklung. Die Umsetzung stellt höhere Anforderungen an die Antennensteuerung als es bei LTE oder der 4G-Technik der Fall ist.

Geschäftsmodell offen

Beim Blick auf die Landkarten von Netzbetreibern zum 5G-Ausbau werde auch leicht vergessen, dass 5G in erster Linie eine Industrietechnik sei. Sie wird sich zu einem hohen Anteil auf Campus-Netzen abspielen. Haas sieht den Markt zu zwei Dritteln in der Industrie und zu einem Drittel im Heim- und Privatbereich. Huawei befindet sich dabei als Infrastrukturausrüster zwar an einer zentralen Stelle, hat damit aber noch lange nicht den größten Anteil an der Wertschöpfung. Haas schätzt, dass etwa 15 Prozent der Wertschöpfung bei der Infrastruktur liegt, der Rest sei Sache der Fabrikbetreiber, Automatisierer und deren Partner. Wie genau die neuen Anwendungsfälle und vor allem die Geschäftsmodelle mit 5G aussehen
sollen, ist dabei noch weitestgehend unbe­kannt – egal ob man dazu nach Deutschland, in die USA oder China und Korea schaut (Bild 4).

Walter Haas, CTO & CSO für Huawei Deutschland: Eine noch offene Frage bei 5G ist, wie sich die Technik auf Geschäftsmodelle abbilden lässt, die für alle Beteiligten attraktiv sind.«
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Bild 4. Walter Haas, CTO & CSO für Huawei Deutschland: »Eine noch offene Frage bei 5G ist, wie sich die Technik auf Geschäftsmodelle abbilden lässt, die für alle Beteiligten attraktiv sind.«

Geklärt werden solche Fragen laut Haas am besten im Wirtschaftsökosystem aus Fabrikbetreiber, Zu­lieferer, Automatisierer und Netzbetreiber, also in Gremien wie der 5G-ACIA (Alliance for Connected Industries and Automation) des ZVEI, zu der auch Huawei gehört.

Die Campus-Netze werden nicht allein mit 5G-Technik arbeiten. Für die Latenz- und Zuverlässigkeitsanforderungen in der Fabrikhalle eigenen sich andere Funktechniken zum Teil noch besser. Haas schätzt, dass neben 5G auch der WiFi-6-Standard eine weite Verbreitung im industriellen Umfeld finden wird.

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