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»Ich war eine Risikobesetzung«

08. April 2021, 14:16 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Ich war eine Risikobesetzung«
© Würth Elektronik

Christa Gundermann arbeitet als Product Marketing Managerin bei Würth Elektronik eiSos.

Markt&Technik porträtiert Role Models aus der Elektronik: woran sie arbeiten und forschen, was sie antreibt, warum sie ihren Job mögen. Und was die Industrie tun könnte, um noch mehr Frauen für sich zu begeistern. Eins dieser Vorbilder ist Christa Gundermann von Würth Elektronik. 

Markt&Technik: Frau Gundermann, wie kamen Sie überhaupt zur Technik? 
Christa Gundermann: Ich war 14 oder 15 und auf der Realschule. Und nicht von Anfang an technikbegeistert so wie manche andere. Ich bin eher nach dem Ausschlusskriterium vorgegangen und wusste zumindest, was ich nicht will! Wie andere auch habe ich Praktika gemacht in typischen Mädchenberufen, beim Rechtsanwalt, in Versicherungen. Doch das war alles nichts für mich. So bin ich am Ende bei der Technik gelandet und begann eine Ausbildung bei den Stadtwerken München in der Starkstromtechnik – aufmerksam geworden durch eine Stellenanzeige in der Zeitung. 

Damals gab es noch keinen Girls Day? 
Ich bin heute 41. Vor 25 Jahren gab es den noch nicht, eigentlich überhaupt nichts in der Richtung. Große Firmen wie Siemens oder BMW waren zwar schon etwas weiter, wollten mehr Frauen in die Technik holen – nicht aber die kleineren Firmen. 

Und wie war das so, damals bei den Stadtwerken? 
Ich kam von einer reinen Mädchenrealschule und plötzlich unter lauter Jungs. In diesem Lehrgang waren wir drei Mädchen und an die hundert männliche Azubis. Ich habe mich gefühlt wie der sprichwörtlich bunte Hund. Für manche Jungs war ich so eine Art Maskottchen, andere haben sich herausgefordert gefühlt, nach dem Motto „dann zeig uns mal, was du drauf hast“. Einen „normalen“ Umgang mit uns gab es nicht. 
Nach der Ausbildung wurde ich dann übernommen und habe bei der Münchner U-Bahn angefangen zu arbeiten. Das war schwere körperliche Arbeit, ich musste dreimal am Tag warm essen. Das war manchmal auch ein Problem, zum Beispiel konnte ich keine Notstromaggregate über längere Strecken im Tunnel tragen. 

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Also wechselten Sie zu einem Elektronik-Bestücker. 
Und arbeitete dort im Prüffeld, dann noch bei einem weiteren Bestücker. Damals wuchs in mir der Wunsch, mich weiterzubilden, tiefer einzusteigen. Produktion, so hatte ich den Eindruck, ist nichts, was man ewig ausüben kann. Ich hatte zunehmend Probleme, mit den Männern körperlich mitzuhalten, etwa im Prüffeld große Motoren oder Ventilatoren mit 90 Kilo und 80 cm Durchmesser zu händeln – manchmal fehlt da schlicht die Armspannweite. Man war als Frau immer schwächer als der schwächste Mann, egal wie sehr man sich anstrengte. Heute gibt es dafür spezielle Hebesysteme, damals geschah einfach noch vieles über Muskelkraft. 

Also machte ich auf dem zweiten Bildungsweg meinen Abschluss als staatlich geprüfte Elektrotechnikerin und wechselte zum Ventilatoren-Hersteller Südelektrik, ein Tochterunternehmen von Ziehl-Abegg, in den technischen Vertrieb. Denn die Freude und das Geschick im Umgang mit Kunden hatte ich mittlerweile erkannt und sogar als eine Art USP von mir gesehen. Bei Südelektrik lernte ich meinen Mann kennen und bekam unsere Tochter. Ein Jahr blieb ich mit ihr zuhause. 

Die Rückkehr aus der Elternzeit klappte leider nicht so wie gewünscht und ich wechselte zu Avnet in die technische Administration. Dort kümmerte ich mich zum Beispiel um die zolltechnische Beurteilung von Bauteilen, die CE-Prüfung oder Anforderungen wie REACH in enger Zusammenarbeit mit der Logistik. Ich hatte das Glück, dort auf einen tollen Chef zu treffen, mit dem gleichen Werdegang wie ich und einer sehr positiven Einstellung gegenüber Frauen in der Branche. Obwohl ich mit 31 Jahren und erst einem Kind natürlich ein Risiko war, erneut auszufallen

Hängt Erfolg von Frauen also auch davon ab, wie aufgeschlossen ein Unternehmen gegenüber Familien ist? 
Das ist absolut so. Und dass mein Chef mir damals überhaupt die Chance gegeben hatte. Bei männlichen Bewerbern mit 32 würde man so ein Ausfallrisiko ja nicht sehen, zumindest damals noch nicht. Damals sprach ja noch niemand von Elternzeit auch für Männer. Aber ich empfand mich mit meinem einjährigen Kind als „Risikobesetzung“, die unausgesprochene Frage nach dem zweiten Kind war der rosa Elefant im Raum. Das habe ich dann übrigens auch noch bekommen, dabei Vollzeit weitergearbeitet. Mein Chef hat immer versucht, mir so gut es geht Freiräume zu verschaffen. Sein Verständnis war da. Schwierigkeiten hatte ich stattdessen manchmal mit meinem gesellschaftlichen Umfeld, etwa wenn ich mal wieder zu spät zur Abholzeit im Kindergarten kam. Karrierefrau, Rabenmutter, wir alle kennen die Schlagworte. Den verschiedenen Erwartungshaltungen immer gerecht zu werden als berufstätige Mutter, das war nicht immer einfach. 

Wie ging es weiter? 
Ich bin dann zu Avnet Abacus und habe den Teamlead Quote Center übernommen, mit Personalverantwortung für neun Leute. 

Später dann habe ich mich ein weiteres Mal entschlossen, mich weiterzubilden. Dieses Mal soll es die Fachrichtung technischer Betriebswirt sein. Daran arbeite ich noch im Moment, parallel zu meiner Tätigkeit bei Würth Elektronik, wo ich letzten November im Produktmarketing für Kondensatoren und Widerstände gestartet bin. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sitzen in Berlin, auch mein Chef. Aber auch in Waldenburg oder im Homeoffice, so wie ich im Moment. Für meine Akzeptanz – auch beim Kunden – ist mein technischer Background schon wichtig. 

Wie lief das Onboarding bei Würth Elektronik, das fiel ja mitten in die Corona-Zeit? 
Das klappte tatsächlich noch vor Ort in Präsenz, aber natürlich war auch da schon aus Abstandsgründen nicht mehr die komplette Belegschaft vor Ort in Waldenburg. Dieser persönliche Kontakt zu den KollegInnen fehlt mir schon. Auch der Wechsel an sich, aus einem amerikanischen Unternehmen zu einem großen deutschen Mittelständler, war anfangs ungewohnt. Heute aber bin ich sehr zufrieden. Man kann hier sehr viel bewegen, sich kümmern, das ist schön. Frauen erlebe ich bei Würth als sehr fokussiert und strukturiert, als junge Firma. 

Was würden Sie sich von der Branche insgesamt wünschen, um für Frauen noch attraktiver zu werden? 
Man trifft in der Elektronik noch immer in Top-Führungspositionen mehrheitlich auf Männer, schwer zu sagen, woran das liegt. Hier könnte man vielleicht noch mehr fördern. Wenn ich mir als Frau einen Job aussuche, dann frage ich mich, ob ich dort Karriere machen und erfolgreich sein kann. Wenn ich dann in der anvisierten Branche nur Männer wahrnehme und keine oder nur wenig Frauen als Vorbilder, dann gibt das zu denken. 

Es wäre also gut, wenn sich mehr Vorstände oder Top-Manager als Mentoren zur Verfügung stellen und die eine oder andere Türe öffnen würden. Jemanden nach vorne schieben, von der man denkt, sie könnte es. Gerade weil viele Frauen sich manchmal etwas zu sehr zurücknehmen und dann nicht wahrgenommen werden. Durch mehr Frauen in Führungspositionen würden auch ganze andere Skills zum Tragen kommen, analytische und kommunikative. 

Wie steht denn Ihr jetziger Chef zum Thema Frauen? 
Er sagt selbst gern, dass er ja mit zwei Schwestern aufgewachsen ist. Die Wertschätzung merkt man ihm auch an. Er hat zum Beispiel Verständnis dafür, wenn das Leben im Homeoffice mit zwei kleinen Kindern im Moment nicht immer ganz einfach ist, und sucht dann nach Lösungen. Und versucht stets, alle im Team gleich zu behandeln. 

Wie könnte man noch mehr Frauen für die Elektronik begeistern? 
Gerade in der heutigen Zeit, in der die Themen Umweltschutz und Klimawandel so entscheidend sind, bin ich davon überzeugt, dass man die Probleme nur unter naturwissenschaftlicher Betrachtung, durch Forschung und Innovation lösen wird. An Innovationen beteiligt zu sein, das liebe ich so an unserer Branche. Für mich werden hier ganz viele Dinge angesprochen, die mir wichtig sind in meinem Beruf. Ich könnte mir vorstellen, dass man auch andere Frauen damit motivieren könnte, weil sie etwas ändern können bzw. daran beteiligt sind. Man bekommt tatsächlich einen Einblick, was in der Welt passiert, wer sich Nachhaltigkeit nur auf die Fahnen geschrieben hat und wer wirklich danach handelt. Und hat bis zu einem gewissen Grad die Möglichkeit, das auch mit zu steuern. Dieses Zukunftspotenzial sollte man mehr in den Vordergrund stellen. 

(Gespräch: Corinne Schindlbeck) 
 

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