Schwerpunkte

Queere Menschen in der Technik

»Unternehmen verstehen nicht, auf welchem Potenzial sie sitzen«

22. April 2021, 15:04 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Unternehmen verstehen nicht, auf welchem Potenzial sie sitzen«
© Victoria Broßart

Victoria Broßart hat nach dem Abitur Elektrotechnik an der Dualen Hochschule studiert und arbeitet seit ihrem Abschluss als Ingenieurin für Fertigungs- und Testautomatisierung bei Physik Instrumente in Rosenheim.

Ihr Studium und die ersten Berufsjahre als Ingenieur lebte und arbeitete Victoria Broßart als Mann. Doch erst seit ihrer Transition wird sie auch so wahrgenommen, wie sie sich immer schon fühlte, nämlich als Frau. »Und da sind mir einfach Unterschiede im Umgang aufgefallen«, erklärt die 28-Jährige. 

»Gesund bin ich, nur falsch montiert« – so beschreibt es Ria Cybill Geyer, SPD-Mitglied, Bundestagskandidatin und trans Frau auf ihrem Twitter-Kanal. Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist Trans ein Oberbegriff für Menschen, die sich nicht beziehungsweise nicht nur mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Und aus diesem Grund zum Beispiel geschlechtsangleichende Behandlungen vornehmen lassen. 

Auch Victoria Broßart hat eine sogenannte Transition hinter sich. Die 28-jährige Ingenieurin berichtet, dass sich über die gesamte deutsche Bevölkerung hinweg etwa 8 Prozent als „queer“ einstufen. In den Großstädten liege der Anteil höher, bei 10 Prozent, ebenso unter Millenials (15 Prozent). »Hier trauen sich einfach mehr Menschen, sich zu outen«, erklärt Broßart, die nach dem Abitur Elektrotechnik an der Dualen Hochschule studierte und seit ihrem Abschluss als Ingenieurin für Fertigungs- und Testautomatisierung bei Physik Instrumente in Rosenheim arbeitet. In ihrer Freizeit engagiert sie sich u.a. bei den Grünen und kandidiert für die Partei in diesem Jahr bei der Bundestagswahl. 

Vielen Unternehmen sei noch gar nicht bewusst, dass auffallend viele queere Menschen einen technischen Background haben, »es gibt noch keine offiziellen Zahlen dazu«. Sie selbst aber kenne in ihrem Umfeld viele, die Informatik, Maschinenbau oder Elektrotechnik studiert hätten. Vielleicht, um die Spannung, als ungeoutete trans Frau gefühlt nicht zu den Männern zu passen, mit einem »besonders männlichen Beruf« kompensieren zu wollen. Aber das sei ihre subjektive Beobachtung, so Broßart.

Dennoch: »Die Unternehmen verstehen gar nicht, auf welchem Potenzial sie sitzen.« Wenn ein Unternehmen sich glaubwürdig als queerfreundlich präsentiere, würde sich das in der gut vernetzen Queer-Szene sehr schnell herumsprechen, »und dann hat man schnell auch viele Bewerbungen. Eben weil es noch nicht Standard ist«. Es gebe zudem in den Belegschaften »wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer von Leuten, die nicht geoutet sind und auch nicht darüber reden, weil sie Nachteile befürchten«.

Umgekehrt seien sich auch Arbeitgeber oft unsicher, wie offensiv sie das Thema angehen sollten, »weil man nicht einschätzen kann, wie die breite Bevölkerung dazu steht«, weiß Broßart. Auch sie selbst höre öfters Unbehagen bezüglich ihres offenen Umgangs mit Transsexualität, das sei doch Privatsache. »Vor solchen etwaigen negativen Rückmeldungen haben Arbeitgeber wohl Angst.« 

Broßart ist Expertin im Bereich Fertigungs- und Testautomatisierung, ihr Arbeitgeber Physik Instrumente ist mittelständischer Spezialist für hochpräzise Positioniersysteme mit Hauptsitz und Fertigung in Karlsruhe. Am Standort Rosenheim arbeite sie mit 30 Kolleginnen und Kollegen.

Ihre Aufgabe ist es unter anderem zu prüfen, inwieweit die Fertigung neuer Produkte von Physik Instrumente zumindest in Teilen automatisiert werden kann. Ohne gleich auf ganze Fertigungsstraßen zu setzen, »die sich bei unseren Stückzahlen nicht rechnen würden«. »Extrem interessant« und abwechslungsreich sei ihr Job, »bei uns wird noch vieles per Hand gemacht«. Sie selbst mache auch fast alles selbst, angefangen bei der Konzeption über die Hardware, die Schaltpläne und Layouts, »nur die Bestückung lasse ich machen«. Auch die hardwarenahe Programmierung und die Software macht sie selbst. »Alles aus einer Hand also, dafür muss man sehr vielseitig aufgestellt sein. Ich schätze an meinem Job die vielen Gestaltungsmöglichkeiten und dass ich viele Ideen ausprobieren kann.«

Nach ihrem Outing bei Physik Instrumente seien alle »super offen und freundlich« gewesen, wenngleich die Personalabteilung noch keine Erfahrung gehabt habe, welche rechtlichen Maßnahmen – neuer Arbeitsvertrag, Name, E-Mail-Adresse etc. – es in so einem Fall zu überwinden gilt. Auch dass es für trans Personen wie auch für homosexuelle Männer oft schwierig sei, in bestimmte Länder zu reisen, sei nicht immer bewusst, »darüber machen sich Arbeitgeber oft keine Gedanken«.

Seit sie offen als Frau lebt, werde sie manchmal nicht mehr als technisch kompetent wahrgenommen, berichtet Broßart. »Das merke ich, weil ich mich ja mit mir selbst vor ein paar Jahren vergleiche: dieselbe Person, derselbe berufliche Hintergrund, dieselbe Ausbildung.« Nur eben kein Mann mehr, sondern eine Frau. Oft seien es Kleinigkeiten, etwa wenn bei einem Messebesuch nicht ihr, sondern ihrem männlichen Kollegen die spezifischen Eigenschaften des Netzteils erklärt werden, obwohl sie eigentlich danach gefragt habe. »Und immer wenn das Gespräch dann zu Ende war, habe ich den Papierkram in die Hand gedrückt bekommen.« Als phänotypischer Mann habe sie diese Erfahrungen auf derselben Messe nicht gemacht. »Da wurden mir auf meine Anfrage hin sofort die Geräte vorgeführt, der Fokus galt mir.« 

Woran liegt das? »Ich finde es schwierig, hierfür einen Grund zu nennen«, sagt Broßart. »Es hat den Anschein, als ob Männer Frauen als weniger kompetent in technischen Berufen einschätzen.« Seit ihrer Transition werde häufiger über sie »als mit mir« gesprochen, ihre Kompetenz nicht mehr automatisch anerkannt – »nicht in meiner eigenen Firma, wohlgemerkt«. Dort habe man ihre Entwicklung von Anfang an »kollegial« begleitet, »die meisten kannten mich ja auch vorher schon«. Sie sei voll etabliert.

Gleichzeitig schlügen Vorurteile auf Kunden- oder Zulieferseite oft ins Gegenteil, in Bewunderung um, wenn man ihre Kompetenz erkenne. »Dann ist man manchmal plötzlich sogar sehr extrem im Mittelpunkt, als wäre man etwas Exotisches.« Offenbar gebe es einfach noch zu wenige Frauen in der Branche, »als dass sie als normal angesehen werden könnten«.

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