Belastbare Organisation

»Einen fertigen Lösungsansatz für Resilienz gibt es nicht«

20. Januar 2023, 12:12 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Diplom-Psychologin Manja Zedler zufolge haben resiliente Unternehmen weniger Probleme mit Krisensituationen. Auch Ressourcenmangel wie fehlende Fachkräfte meistern sie besser. Das Gute: Jedes Unternehmen könne sich nach innen stärken und dadurch belastbarer werden.

Markt&Technik: Frau Zedler, viele Unternehmen leiden aktuell darunter, dass sie ihre Stellen nur unter größeren Anstrengungen besetzen können. Die sogenannten weichen Unternehmensfaktoren rücken bei dieser zunehmenden Konkurrenz der Arbeitgeber zwangsläufig in den Fokus, die Ansprüche der Bewerber diesbezüglich steigen. Sie raten zu einer resilienten Haltung und Stärkung der Ressourcen – was heißt das und was bringt das?

Manja Zedler: Ich denke, dass wir in erster Linie von dem Fokus weg müssen, weiche Faktoren in den Vordergrund zu stellen, genauso wie von der Haltung, Ansprüche zukünftiger Mitarbeitender mit Zuckerstückchen bedienen zu müssen, um sie für unser Unternehmen zu gewinnen.
Viel wichtiger ist es aus meiner Sicht, die Begeisterung und Motivation zukünftiger Mitarbeitender für das eigene Produkt oder die Dienstleistung zu fördern. Zukünftige Mitarbeitende dürfen den Sinn finden, warum sie ein Produkt oder die Dienstleistung eines Unternehmens mit voranbringen möchten. Dazu braucht es den Fokus auf die Bedarfe im eigenen Unternehmen und die Beantwortung der Frage: Was braucht das Unternehmen, um sein Produkt bzw. seine Dienstleistung erfolgreich auf den Markt zu bringen? Ein Unternehmen möchte doch Mitarbeiter, die hier Verantwortung übernehmen wollen. Das funktioniert langfristig nur mit intrinsischer Motivation.

Klar ist aber auch: Weiche Faktoren gehören zu einem modernen Unternehmen dazu, weil sie die Flexibilität und die Whole-Life-Balance der Mannschaft stärken und zur Beweglichkeit des Unternehmens beitragen. Sie sind aus meiner Sicht Hygienefaktoren und sollten nicht im Vordergrund stehen, da sie als Motivationsfaktoren bei den Mitarbeitenden schnell verpuffen, wenn sie sie erst haben. Außerdem sind sie wenig stabil, weil sich Situationen von Menschen oder das Umfeld ändert, und damit die Ansprüche auf diese Faktoren.

Langfristig gesehen ist daher ein stabiler Faktor stets das Unternehmensziel, und es gilt, Mitarbeitende zu finden, die motiviert sind, dieses zusammen mit dem Unternehmen zu erreichen.
 

Zedler Manja
Manja Zedler ist selbstständiger Coach und Trainerin und hat zuvor als Entwicklungsingenieurin in einem Automobilkonzern gearbeitet.
© Manja Zedler

Unter anderem geht es um Unternehmenskultur, transparente Werte und Sinnentwicklung. Können Sie das näher erläutern vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels?

Um Fachkräfte zu gewinnen, braucht es vonseiten eines Unternehmens die Schärfung und Kommunikation eines stabilen Ankers – ein glaubwürdiges Leitbild, entwickelt aus der Unternehmenskultur. Gelebt werden transparente Werte, mit denen sich Fachkräfte identifizieren können. Dann braucht es noch eine klare Zielausrichtung und eine klare Abgrenzung zu den Wettbewerbern. Was genau macht das eigene Unternehmen so besonders? Fachkräfte möchten stolz auf das sein, was sie erarbeiten bzw. entwickeln und darauf, wo sie arbeiten.

Auch braucht es aus meiner Sicht vor allem eine zugewandte Haltung des Managements. Die Selbstwirksamkeit jedes einzelnen Mitarbeitenden zu stärken und zu fördern erhält die Motivation. Fachkräfte brauchen immer wieder die Erfahrung, einen eigenen Beitrag leisten zu können. Konsequent zu tun, was man sagt, fördert zudem die Authentizität und damit das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mannschaft. So können Fachkräfte langfristig gebunden werden. Um Fachkräfte zu finden, die zu einem passen, sollten Unternehmen fortlaufend alle Möglichkeiten nutzen, die sich bieten, um mit potenziellen InteressentInnen in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Erst zu suchen, wenn Bedarf besteht, und dann zu hoffen, dass sich schnell jemand findet, führt langfristig in eine Sackgasse.

Sie empfehlen geistreichen statt blinden Aktionismus. Was meinen Sie damit?

Blinder Aktionismus ist eine Werbung für Fachkräfte, wie sie gerade vom öffentlichen Dienst durchgeführt wird. Darin heißt es wörtlich: »Die Vorzüge des öffentlichen Dienstes genießen.« Was meinen Sie wohl, welche Fachkräfte Sie damit motivieren, sich zu bewerben? Geistreicher Aktionismus wäre, sein klares Ziel und die Werte zu vermitteln, für die das Unternehmen steht, und dies von innen heraus zu schärfen. Es sollte eine Werbung sein für das, was das Unternehmen braucht und sucht. Und wenn das Unternehmen dann auch noch hält, was es verspricht, weil es tut, was es sagt, wird es Fachkräfte an sich binden, die leistungs- und zielorientiert sind und sich nicht bewerben, weil sie »genießen« wollen.

Sie sind ehemalige Leistungssportlerin und haben zwei Kinder im Leistungssport, außerdem sind Sie Expertin für Zeitmanagement. Alles Attribute, die Führungskräfte gerne hören dürften. Wie bekommt man resiliente und leitungsbereite Mitarbeiter, die gesund und motiviert bleiben?

Das bekommt man sehr schnell und vor allem, indem Manager bereits eine resiliente Haltung vorleben, strukturierte Ziele kommunizieren und die Mannschaft so steuern, dass diese »auf dem Weg« bleibt. Herausforderungen gibt es nicht erst in Krisenzeiten zu meistern, sondern täglich und auch nicht nur im Job. Eine resiliente Haltung bedeutet, fortlaufend Situationen so zu steuern, dass in erster Linie die Ziel- und Lösungsorientierung erhalten bleibt. Dabei hilft eine durchgehende Kommunikation, Commitments zu schließen und die Organisation der Arbeitszeit sowie funktionierende Prozesse zu etablieren.

Übrigens auch privat: Zeitmanagement erreichen wir etwa durch das aus der Agilität stammende klassische Timeboxing. Meine Kinder nutzen auch die Pomodoro-Technik – eine Zeitmanagement-Methode –, um in einem fix vorgegebenen Zeitfenster von 15 bis 25 Minuten Hausaufgaben zu erledigen. Sie tun dann nichts anderes als die abgestimmte Aufgabe. Auch das Handy ist in dieser Zeit passé. An dieses Commitment halten sie sich, damit sie schneller zum Training können. Wenn Zeiten so sehr getaktet sind wie bei uns, viele Wochenenden durch Wettkämpfe geblockt sind, braucht es einen Ausgleich als Balance, denn wir sind Menschen und keine Maschinen, die nur funktionieren. Prozesse zu optimieren hat daher aus meiner Sicht Grenzen, und das ist ein Grund, weshalb ich die organisationale Resilienz befürworte, denn der eigene Energievorrat kann und muss regelmäßig durch die bewusste Aktivierung vieler natürlicher Ressourcen wieder aufgeladen werden. Wir Menschen brauchen eine Balance zwischen Anstrengung und Erholung, Festhalten und Loslassen, Kämpfen und Akzeptieren usw. Als Ausgleich haben wir daher zu Hause bewusste Me-Time-Zeiten, in denen es keine Pflichten und Zeitvorgaben gibt und jeder machen kann, was er will – z. B. sich gedankenverloren langweilen oder ein Buch lesen.


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  2. "Unverhoffte Krisen können Unternehmen sehr unbeweglich machen..."

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