Kommentar

Warum verlässt Finanzvorstand Dominik Asam Infineon?

21. November 2018, 13:30 Uhr | Ralf Higgelke
WEKA Fachmedien, Ralf Higgelke
Ralf Higgelke, Leistungshalbleiter-Experte bei DESIGN&ELEKTRONIK, kommentiert das Ausscheiden des CFO Dominik Adam von Infineon.
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Wie berichtet, wird Dominik Asam, CFO von Infineon, zu Airbus SE wechseln. Dabei hatte Infineon dessen Vertrag erst Anfang des Jahres bis 2023 verlängert. Das wirft einige Fragen auf.

Bei Infineon läuft’s gerade richtig gut. Umsatz und Gewinn sind im abgelaufenen Geschäftsjahr stark gestiegen. Und für die nächsten Monate seien die Auftragsbücher prall gefüllt. Gleichzeitig hat der Weltmarktführer bei Leistungshalbleitern die Weichen in Richtung künftiges Wachstum gestellt.

Für 1,6 Milliarden Euro baut das Unternehmen am Kärntner Standort Villach eine nagelneue 300-mm-Waferfab, die Anfang 2021 in Betrieb gehen soll. Und auch beim Zukunftsthema Siliziumkarbid hat Infineon kräftig investiert. Anfang des Jahres hat es mit der Wolfspeed-Mutter Cree einen langfristigen Liefervertrag für SiC-Rohwafer in dreistelliger Millionenhöhe geschlossen. Und Anfang letzter Woche hat Infineon für 124 Millionen Euro das Dresdner Start-up Siltectra gekauft, mit dessen Technologie sich teure SiC-Wafer in zwei dünnere aufspalten lassen. So weit so gut.

In all die Freude platzte nun die Nachricht, dass der Finanzvorstand Dominik Asam das Unternehmen verlässt, um bei Airbus anzuheuern. Warum denn das? Denn erst im März, also vor etwas mehr als einem halben Jahr, wurde sein im Dezember 2018 auslaufender Vertrag bis 2023 verlängert. Dass Airbus mit einem zu verlockenden Angebot an Asam herangetreten ist, ist demzufolge höchst unwahrscheinlich. Das legt den Schluss nahe, dass es zu einem Zerwürfnis von Asam mit einem oder mehreren seiner Vorstandkollegen oder mit dem Aufsichtsrat gekommen sein muss.

Vielleicht wollte Asam die Investitionen im gerade begonnenen Geschäftsjahr von bis zu 1,7 Milliarden Euro in Fabriken, neue Maschinen und moderne Software nicht mittragen. Immerhin sind das 20 Prozent vom prognostizierten Umsatz und damit mehr als viele Marktbeobachter erwartet hatten. Auch die Börse scheint diesen auf langfristiges Wachstum angelegten Kurs von Ploss nicht zu goutieren. Obwohl das Unternehmen glänzende Zahlen präsentierte, ist der Aktienkurs unmittelbar nach deren Bekanntgabe um acht Prozent eingebrochen. Gerade so, als steuere Deutschlands größter Chiphersteller ungebremst auf den Abgrund zu. Wie es scheint, fliehen vor allem die kurzfristig orientierten Anleger.

Hinzu kommt, dass jederzeit eine große Wirtschaftskrise hereinbrechen könnte oder der Konjunkturmotor in China zu stottern beginnt, wie einige angesichts von Trumps Strafzöllen befürchten. Dann könnte sich diese langfristige Wachstumsstrategie mit den hohen Investitionen als fatal herausstellen. Dies könnte Asam angemahnt haben. Wie sich allerdings nach der Finanzkrise 2008 zeigte, kann der Markt auch gleich wieder anspringen. Damals mussten viele Halbleiter-Unternehmen, die kurzfristig dachten, ihre Wafer-Fabs erst wieder anfahren und erfahrene Chipdesigner einstellen. Das hat zu großen Verzögerungen und Engpässen geführt.

Ein weiteres mögliches Szenario für den Abgang von Asam könnte hausgemacht sein: Er galt in Expertenkreise als möglicher Nachfolger von CEO Ploss, der Anfang Dezember 63 Jahre alt wird und dessen laufender Vertrag im Herbst 2020 endet. Angesichts der Wichtigkeit des China-Geschäfts könnte sich der Aufsichtsrat als Nachfolger für Ploss für einen Vorstandskollegen eher jemanden vorstellen, der in China besser vernetzt ist, beispielsweise Dr. Helmut Gassel. Gassel ist nicht nur zuständig für das Chinageschäft, sondern auch promovierter Elektrotechniker, hat also ebenfalls einen technisch fokussierten Hintergrund wie Dr. Ploss. Asam dagegen begann seine berufliche Laufbahn bei der Investmentbank Goldman Sachs.

Jedenfalls hoffe ich, dass der Infineon-Aufsichtsrat weiter die langfristige Wachstumsstrategie von Dr. Reinhard Ploss unterstützt und nicht der Versuchung einer kurzfristigen Gewinnoptimierung erliegt. Solch weitsichtige Manager wie Ploss gibt es leider viel zu selten. Und ich wünsche Dominik Asam, dass er Airbus finanziell ebenso gut aufstellt wie Infineon.


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