Begriffsdefinitionen hinterfragt

Was ist eigentlich »Stand der Technik«?

4. Februar 2019, 16:00 Uhr | Von Dr. Ralf Pfeifer

Fortsetzung des Artikels von Teil 2

Maßnahme: intensives Anforderungsmanagement

Der Zulieferer sollte durch intensives Anforderungsmanagement eine genaue und eindeutige Beschreibung der Produkteigenschaften aufbauen, damit ungeklärte Details nicht mit eigenen Annahmen oder Standards beschrieben werden müssen. Dies gilt besonders, wenn sich der Automotive-Kunde unklar ausdrückt.

Hier ein paar Beispiele für Anforderungen aus Kunden-Lastenheften, die zwar nicht alle sicherheitsrelevant sind, die aber ein schönes Beispiel für die Schwammigkeit einer Aufgabenstellung liefern:

  • Der Unterschied zwischen gutem NVH und schlechtem NVH ist immer subjektiv geprägt, eine Kunden-Anforderung wie »Wertiges Geräuschbild« bringt dies mit nur zwei Worten auf den Punkt.
  • Fahrdynamik: An ein »sicheres Fahrverhalten im Grenzbereich« sind bei einem Sportwagen sicher großzügigere Maßstäbe anzulegen, als bei einem gewerblich genutzten Fahrzeug.
  • Cyber Security ohne Limit: »Der Lieferant muss Maßnahmen gegen alle invasiven und nicht-invasiven Seitenkanal-Attacken einbauen.«

Bei diesen Anforderungen bleibt jeweils offen, wie das Annahmekriterium aussehen könnte, d.h. wie beide Seiten unabhängig messen können, ob das Geforderte erreicht wurde. Zudem wirken manchmal andere Komponenten, auf die der Zulieferer gar keinen Einfluss hat. Beispielsweise verändert oder verstärkt die Karosserie Schall oder der Motor regt Schwingungen an. Selbst wenn ein »wertiges Geräuschbild« messbar wäre, ließe es sich nicht bei Vertragsabschluss vorhersehen, weil am Gesamtfahrzeug geprüft werden muss – Korrekturen könnten nur sehr spät einsetzen.

Maßnahmen sollten vor allem das Ziel haben, am Ende eines Projektes Nachforderungen des Kunden zu vermeiden, insbesondere wenn sie überzogen erscheinen. Dem geht man nur mit klaren Vereinbarungen aus dem Weg.
Als Zulieferer sollten Sie die Zahl der Anforderungen reduzieren, bei denen Sie selbst einen »Stand der Technik« interpretieren müssen. Da hilft ein solides Anforderungsmanagement, welches die objektive Prüfbarkeit jeder Anforderung mit dem Kunden klärt. Finden Sie Anforderungen, deren Erfüllung nicht bewertbar ist und machen Sie Ihrem Kunden Vorschläge, wie man eine gemeinsame Bewertung möglich machen könnte.

Das Änderungsmanagement ist also ein weiterer Baustein, mit dem sich Zulieferer absichern können. Dabei soll verhindert werden, dass unspezifische Anforderungen zu einem späteren Zeitpunkt in die Entwicklung einfließen, beispielsweise über geänderte Werksnormen des Kunden.

Priorität: Entwicklung eines sicheren Produktes

Der Beitrag sollte helfen, die Begriffe rund um den »Stand der Technik« besser einzuordnen. Eine einfache Checkliste, die den richtigen Weg für die Produktentwicklung vorgibt, wird es kaum geben. Darum formuliert auch der Gesetzgeber seine Rechtsnormen so, dass sie einerseits nicht veralten und andererseits Richtern und Anwälten immer wieder neue Forschungsaufgaben einbringen. Der Stand der Technik und seine beiden verwandten Begriffe müssen immer wieder und je nach Produkt / Streitgegenstand neu ausgelotet werden. Insofern bleibt den Entwicklern und Unternehmern das gewisse »Kribbeln im Bauch«, wenn sie sich fragen, ob sie noch zu wenig getan haben oder ob das Produkt ein wenig zu teuer wurde.

Mit Blick auf die immer noch verkaufsfähigen Flugmotoren aus den 1940er Jahren sollte man sich auch fragen, ob die Anpassung eines sicherheitsrelevanten Produktes an den neuesten Stand nötig ist. Priorität muss die Entwicklung eines sicheren Produktes sein, und nicht, einem technischen Niveau hinterherzulaufen, um damit Gerichtsverfahren zu gewinnen.

Als Ingenieur ist man bei allem, was man tut, auf sich alleine gestellt und man muss zahlreiche nationale Regelungen im Blick behalten. Es wird daher nicht verwundern, dass der Autor und sein Arbeitgeber keinerlei Haftung für die Richtigkeit oder Vollständigkeit dieses Beitrages geben möchten. (Dieser Beitrag ist abgeleitet aus einem Vortrag, der vom Autor im Jahre 2017 auf dem von WEKA Fachmedien in Sindelfingen abgehaltenen Forum Safety & Security gehalten wurde).

 

Literatur
[1] »James Bond‘s gadgets copied by CIA«, Sean Coughlan (BBC) www.bbc.co.uk/news/education-23346632
[2] »Die Spezialeffekte ihrer Majestät«, Carolin Ströbele auf Zeit-Online vom 12.10.12, www.zeit.de/kultur/film/2012-10/james-bond-gadgets-siegfried-tesche
[3] Bubb, Bengler, Grünen, Vollrath: »Automobilergonomie«, Abschnitt »6.4.3 X-by-Wire«, Springer Fachmedien Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-8348-1890-4.
[4] General Motors: M Hummer H2, Tank für 32 US-Gallonen (121 Liter) Ottokraftstoff.
[5] www.bfr.bund.de/de/rechtliche_grundlagen_im_bereich_pflanzenschutzmittel-70203.html und Volker Kaus, »Stand von Wissenschaft und Technik«, Beitrag in »Gesunde Pflanzen« Jahrgang 69 (2017), S. 15–19.
[6] Patentgesetz der Bundesrepublik Deutschland, §3.
[7] Australisches Patent #2001100012, nach Erteilung wieder zurückgezogen. Das Rad darf also in Australien wieder lizenzkostenfrei eingeführt, gebaut und verkauft werden! Der Spott für diese amtliche Leistung gipfelte in der Verleihung des Ig-Nobelpreis 2001 auf dem Gebiet Technik.
[8] Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren (Atomgesetz) in §4 (2), §7d.
[9] Kalkar-Entscheidung; BVerfG, Beschluss vom 8. August 1978, Az. 2 BvL 8/77 (Schneller Brüter, Kalkar I).
[10] Prof. Dr. Thomas Wilrich, »Was bedeutet ‘Stand der Technik?«, CE-Info Nr. 05, 05/2010.
[11] Handbuch der Rechtsförmlichkeit, 3. Auflage, Abschnitt 4.5.1, Webseite des Bundesjustizministeriums http://hdr.bmj.de/page_b.4.html
[12] BGH, 16.06.2009 - VI ZR 107/08 zum Schlaganfall wegen einer Fehlauslösung eines Seitenairbags.
[13] BGH Urteil vom 14.05.1998, VII ZR 184/97, nachzulesen unter www.jurion.de/urteile/bgh/1998-05-14/vii-zr-184_97/
[14] Der BGH hat die Frage selbst nicht geklärt, sondern der Vorinstanz zur weiteren Prüfung aufgegeben.

 

Der Autor

Dr-Ralf-Pfeifer vom ZF Friedrichshafen
Dr. Ralf Pfeifer von ZF.
© ZF Friedrichshafen

Dr. Ralf Pfeifer
studierte Maschinenbau am Institut für Kraftfahrwesen (ika) der RWTH Aachen und promovierte am Institut für Biomechanik an der Deutschen Sporthochschule Köln.
Dr. Pfeifer war bis Februar 2011 zehn Jahre als Programm Manager bei GKN Driveline im Entwicklungszentrum Lohmar tätig. Seit 2011 ist er für ZF Friedrichshafen im Geschäftsbereich Electronic Interfaces für Funktionale Sicherheit und inzwischen auch für Cyber Security zuständig.


  1. Was ist eigentlich »Stand der Technik«?
  2. Schwammige Begriffe präzisieren
  3. Maßnahme: intensives Anforderungsmanagement

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