Was tut sich bei DDS und RTI Connext?

»Verteilte Systeme als Einheit arbeiten lassen«

22. April 2022, 11:52 Uhr | Andreas Knoll
TechnipFMC
Für seine unter Wasser eingesetzten Remotely Operated Vehicles (ROVs) nutzt TechnipFMC RTI Connext DDS als Connectivity Framework.
© TechnipFMC

Reiner Duwe, bisher Sales Manager EMEA beim Software-Framework-Anbieter Real-Time Innovations (RTI), ist Ende März in den Ruhestand gegangen. Im Interview zieht er Bilanz seiner Jahre bei RTI, beschreibt die Entwicklung der Unternehmensstrategie in dieser Zeit und erläutert die aktuellen Trends.

Markt&Technik: Welche Strategie verfolgt RTI derzeit in Deutschland und Europa, und was hat sich daran in den vergangenen Jahren geändert?

Reiner Duwe: An unserer Strategie hat sich in den vergangenen Jahren nichts Wesentliches geändert. Wir haben uns fokussiert auf die Märkte Automotive, Transportation/Railway, Medizintechnik/Healthcare sowie generell auf alle Arten von autonomen Systemen. Als Änderung oder Evolution betrachten lässt sich, dass wir uns höher auf der Systemebene bewegen. Es geht uns also nicht mehr so sehr darum, auf der Protokollebene Dinge voranzutreiben. Als unsere Hauptzielgruppe sehen wir Kunden, die komplexe, verteilte, autonom agierende Systeme aufbauen und betreiben, in welchem Markt auch immer. Auch Aerospace & Defense ist nach wie vor wichtig für uns, denn im Blick darauf ist der DDS-Standard als darunter liegende Technologie ursprünglich entstanden. Das DDS-Middleware-Framework mit den entsprechenden Protokoll- und API-Standards wird ja bereits seit einem Jahrzehnt von der OMG (Object Management Group) betreut und dort von uns maßgeblich weiterentwickelt.

Wie schlägt sich die Unternehmensstrategie in der Umsatz- und Mitarbeiterentwicklung nieder?

Unser Strategieansatz trägt Früchte: Wir verzeichnen ein dynamisches Wachstum und erzielen inzwischen jährlich weltweit mehr als 50 Millionen Dollar Umsatz. Nach wie vor sind wir zu 100 Prozent im Privatbesitz, seit Jahren profitabel und finanzieren unser Wachstum selbst – das ist ein Beweis dafür, dass unsere Strategie weltweit so realisiert werden kann und richtig ist. Insofern werden wir sie auch weiterverfolgen.

Ebenfalls stark gewachsen ist unser Mitarbeiterstamm. Wir beschäftigen derzeit in Europa mehr Mitarbeiter, als RTI bei meinem Start vor sieben Jahren weltweit hatte. Insgesamt sind wir knapp über 250 Mitarbeiter, wir stellen weiterhin weltweit ein, und in Europa gehören mehr als 80 Mitarbeiter zu uns, die sich auf Entwicklungsstandorte in Spanien und Polen und natürlich auf Vertrieb, Support und Consulting verteilen. In Asien sind wir inzwischen mit einer eigenen Niederlassung in Singapur vertreten und bauen auch dort weiter aus.

Handelt es sich bei den autonomen Anwendungen auch um Industrieanwendungen wie etwa Automated Guided Vehicles (AGV), fahrerlose Transportfahrzeuge?

Das kann alles Mögliche umfassen – nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Maschinen, die autonom agieren. Autonomes Agieren kann auch heißen, Daten in komplexen Industrie- oder Medizin-Anwendungen bereitzustellen, wo mithilfe von Daten autonome Entscheidungen getroffen werden können oder Entscheidungen unterstützt werden. Das ist also nicht auf Fahrzeuge oder fahrzeugähnliche Systeme beschränkt.

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Reiner Duwe, RTI: »Wir haben uns vor allem auf komplexe, verteilte, autonom agierende Systeme fokussiert.«
© Real-Time Innovations

Was bedeutet in diesem Zusammenhang »autonom«?

Autonomie lässt sich hier daran festmachen, ob in einem System Algorithmen der KI involviert sind. Denn wenn KI involviert ist, müssen meist riesige Datenmengen mit spezifischen Bereitstellungs-Anforderungen hin und her bewegt werden. RTI Connext ist das geeignete Connectivity Software Framework, um solche verteilten Systeme als eine Einheit arbeiten zu lassen.

Sehen Sie außer der Unterstützung durch KI-Algorithmen weitere Kriterien für autonome Systeme?

Ja, als autonom betrachten wir auch Systeme, die in ihrer Tätigkeit keine Verbindung zur Außenwelt oder zu Bedienpersonal haben. Denken Sie an Unterwasserdrohnen, zum Beispiel Forschungsdrohnen, die den Ozean vermessen und erkunden, aber dort keine oder nur eine sehr eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeit haben. Auch diese Form von Autonomie unterstützt RTI. Aktuell betreuen wir aber viele Projekte im Umfeld der KI.

Das Unternehmen hat sich auf bestimmte Fokusbranchen konzentriert, aber ist seine Technologie nicht prinzipiell unabhängig von bestimmten Branchen und Anwendungen?

Doch, auf jeden Fall. RTI Connext und der darunter liegende DDS-Standard sind ja zunächst generisch. Wir ergänzen dann aber die generische Herangehensweise, die Prinzipien der Data Centricity, um anwendungsspezifische Komponenten und Module. So haben wir Connext Drive als Produktvariante auf den Markt gebracht, um dem besonderen Geschäftsmodell der Automobilindustrie Rechnung zu tragen, aber vor allem auch die Zertifizierung für funktionale Sicherheit nach ISO 26262 zu implementieren. In der Medizintechnik dagegen spielen die spezifischen Aspekte für die funktionale Sicherheit nach ISO 26262 keine Rolle – auch deshalb war es sinnvoll, ein marktspezifisches Lösungspaket für die Automobilindustrie zu schnüren.

Eine spezielle Produktvariante bieten wir auch für die Safety-Zertifizierung gemäß DO-178C im Bereich Aerospace & Defense an; wir haben sie sogar schon länger im Portfolio als die Automotive-Variante, aber nicht mit einer solch prägnanten Produktbündelung wie Connext Drive. Connext Anywhere ist ebenfalls eine spezifische Erweiterung, und zwar, um besonders stark verteilte Systeme abzubilden. Auch künftig werden wir hier den Anforderungen bestimmter Marktsegmente Rechnung tragen und vielleicht ein Connext Healthcare oder Connext Robotics entwickeln, für Roboter in der Medizin oder der Industrie. Nicht immer muss es sich dabei um technische Anforderungen handeln, sondern es können auch Anforderungen an unterschiedliche Geschäftsmodelle sein.


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  2. "Spezialisten mit fachlicher Tiefe müssen ans Werk"

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