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Exklusiv-Interview zur Sensor+Test

»Die Zukunft ist hybrid«

29. April 2021, 17:24 Uhr   |  Nicole Wörner

»Die Zukunft ist hybrid«
© AMA Service

Holger Bödeker, AMA Service GmbH: »Es ist ein funktionierendes Hybrid-Konzept vorhanden, das wir auch in diesem Jahr bereits gerne zum Einsatz gebracht hätten und das wir jetzt weiter entwickeln werden.«

Wie bereits im vergangenen Jahr findet die Sensor+Test 2021 rein digital statt. Das Konzept ist gut, doch die Sehnsucht nach zumindest teilweisen Präsenzveranstaltungen wächst. Holger Bödeker, Geschäftsführer des Messeveranstalters AMA Service GmbH über das Heute und Morgen der Sensor+Test.

Markt&Technik: Herr Bödeker, ursprünglich sollte die Sensor+Test in Nürnberg parallel zur PCIM und zur SMTconnect stattfinden, um damit Querinteressen zu heben. Letztere ist nun komplett abgesagt. Wäre dies auch für Sie eine Option gewesen?

Holger Bödeker: Nein, das wäre für uns keine Option gewesen. Unser Auftrag im AMA-Verbund ist es, unserer Branche eine Kontaktplattform zu bieten. Wenn wir das als Präsenzveranstaltung nicht können oder dürfen, dann gehen wir es eben digital an und finden andere Wege, unsere Aussteller besser sichtbar zu machen und ihre Innovationen zu den Kunden zu transportieren.

Wie sehen die Ausstellerzahlen aktuell aus? Und welche Erwartungen hegen Sie in Bezug auf die „Besucherzahlen“? Immerhin dürften wir mittlerweile alle an virtuelle Messebesuche gewöhnt sein…

Das sind wir natürlich, ich bin mir aber nicht sicher, ob diese Gewöhnung die Motivation hebt. Alle rein virtuellen Messen waren bisher kleiner als ihre realen Pendants und diesem Trend kann sich auch die Sensor+Test nicht entziehen. Mit aktuell bereits mehr als 160 Ausstellern können wir zwar nicht zufrieden sein, aber diese Größe liegt im Bereich des realistisch Erwartbaren. Viele Unternehmen haben für dieses Jahr von vorneherein alle Messen gestrichen, andere lehnen digitale Formate ganz ab, und die bei uns immer sehr stark vertretenen internationalen Aussteller konzentrieren sich in diesen Zeiten zumindest nach unseren Erkenntnissen lieber auf ihre Heimatmärkte.

Eine Besucherzahl korrekt einzuschätzen, ist schon für eine Präsenzmesse selbst mit jahrzehntelanger Erfahrung sehr schwer, für das digitale Format wäre dies reine Spekulation. Wir sind zufrieden, wenn unsere Teilnehmer zufrieden sind. Und die – das wissen wir sicher – schätzen auch bei einer digitalen Messe die Qualität ihrer Kontakte höher als die Quantität.

Zu den wichtigsten Aspekten einer Messe zählt die Vernetzung. Welche Möglichkeiten dafür bieten Sie Besuchern und Ausstellern?

Dazu gibt es mehrere Wege. Zunächst werden beim Eintritt in die neue Plattform die Interessen und Ziele aller Teilnehmer erfragt und daraus Kontaktvorschläge abgeleitet. Dann gibt es überall Möglichkeiten für die direkte Kontaktaufnahme per Text- oder Video-Chat: auf dem Ausstellerprofil oder den Produktinnovationen, im Zusammenhang mit Messepräsentationen, Foren- oder Kongressvorträgen. Ob als Einzelgespräch oder als großes Meeting, spontan oder nach Terminvereinbarung sind viele Möglichkeiten der Vernetzung gegeben, die für alle Teilnehmer flexibel nutzbar und voll in die Messeplattform integriert sind.

Die Aussteller und Besucher sparen Reisekosten und Zeit. In wirtschaftlich angespannten Zeiten – gibt es Stimmen, die für rein digitale Veranstaltungen plädieren? Vor allem für Kongresse ist das doch eine effiziente Methode des Wissenstransfers…

Digitale Veranstaltungen haben unbestreitbare Vorteile auf der Kostenseite. Wer zukünftig nur Kongressvorträge sehen und hören will, ist sicher mit einer digitalen Veranstaltung gut bedient. Auch bei Messen werden die ökologischen und ökonomischen Hürden für eine Reisegenehmigung zukünftig sicher höher werden. Wir gehen davon aus, dass zukünftig nur noch die Personen vor Ort sein werden, die wichtige persönliche Gespräche zu führen haben. Das ist aber keine neue Entwicklung, denn es gibt sie schon seit der Erfindung von Telefon und Internet. Aber selbst in Corona-Zeiten bleibt es dabei, dass wichtige Entscheidungen nicht digital, sondern von Angesicht zu Angesicht gefällt werden. Und Effizienz hin oder her: Ich gehe davon aus, dass es nach Corona zu einer Rückbesinnung auf das Menschliche kommen wird, auch im Veranstaltungswesen.

Spüren Sie in der Branche eine gewisse Sehnsucht nach Präsenzmessen? Oder liegt die Zukunft doch eher in rein digitalen Formaten?

Die Sehnsucht ist groß und schlägt uns von allen Seiten entgegen. Es ist eines der raren Highlights in dieser Zeit, dass die Wertschätzung der persönlichen Begegnung enorm gestiegen ist. Das gibt Hoffnung für die Zukunft der Messen, denn solange die Erinnerung an die Zeit der Entfremdung und Entbehrung hält, wird der zuvor manchmal spürbare Messeüberdruss nicht so schnell wieder zurückkehren. Das gilt allerdings nur für Präsenzmessen. Reine Digitalmessen haben aus meiner Sicht eine wichtige Funktion in dieser Zeit, können den persönlichen Austausch von Mensch zu Mensch aber nicht dauerhaft vollwertig ersetzen.

Ist es für einen Messeveranstalter überhaupt möglich, mit einer digitalen Messe auf Dauer tragfähigen Umsatz zu generieren? Wie meistern Sie diese Situation?

Digitale Messen gibt es seit mehr als zwanzig Jahren. Wenn sie Ausstellern und Veranstaltern mehr Erfolg bieten würden, hätten sie lange vor Corona bereits die Präsenzveranstaltungen verdrängt. Aus meiner Sicht haben sie wirtschaftlich nur dann eine Chance, wenn reale Veranstaltungen dauerhaft verboten bleiben. Wer eine Welt, in der das so ist, für lebenswert hält, wird dann sicher auch ausreichend Umsatz mit digitalen Veranstaltungen generieren können.

Wie sehen Sie die Zukunft für die Sensor+Test – digital, live oder hybrid?

Wir gehen davon aus, dass die Zukunft ebenso wenig in einer Präsenzmesse ohne digitale Kommunikationselemente liegt, wie in einer reinen Digitalmesse. Daher planen wir für die Zukunft Hybrid. Dieses Format hätten wir auch in diesem Jahr gerne bereits zum Einsatz gebracht. Es ist also ein funktionierendes Konzept vorhanden, das wir jetzt weiter entwickeln werden. Die ersten positiven Erfahrungen sind gemacht und jetzt warten wir auf die Chance, all dies umzusetzen. Hoffentlich schon 2022, und zwar in Nürnberg und online. 

Das Interview führte Nicole Wörner.

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