ams kurz vor dem Ziel »Wir werden Osram übernehmen!«

Alexander Everke, CEO von ams: »Mit der Kombination aus Lichterzeugung und Sensorik können wir einen europäischen Champion aufbauen und ein wichtiges High-Tech-Feld für Europa nicht nur halten, sondern entscheidend ausbauen und neue Märkte schaffen.«

Für Alexander Everke, CEO von ams, steht der Übernahme von Osram nichts mehr im Wege, einen Plan B hätte er auch nie verfolgt.

»Lichterzeugung plus der optischen Sensorik – das ist die Zukunft«, sagt Alexander Everke. »Mit der Kombination aus ams und Osram können wir deshalb ganz neue Produkte entwickeln und neue Märkte erschließen.« Dass Lichterzeugung und optische Sensorik gut zusammen passt, so ganz neu ist die Erkenntnis nicht. »Aber wir sind die ersten, die diese gute Idee umsetzen. Das verschafft uns einen entscheidenden Zeitvorsprung.«

Schnell sollte die Übernahme also über die Bühne gehen. Deshalb hat ams die  Mindestannahmeschwelle des Angebots für Osram von 70 Prozent auf 62,5 Prozent gesenkt. »Wir sind sehr optimistisch, sie bis Ende Oktober zur Hauptversammlung zu überspringen«, so Everke. Einen Plan B gebe es deshalb nicht.

So stellt er sich den Zeitablauf vor: Bis Anfang Oktober muss die Schwelle genommen werden, Ende Oktober 2019 gibt die Hauptversammlung das ok und beschließt eine Kapitalerhöhung in Höhe von 1,5 Mrd. Euro, die für die Übernahme verwendet werden. Im ersten Halbjahr 2020 könne dann das Closing vollzogen werden. Weil die Firmen komplementär seien, sei nicht mit Schwierigkeiten durch Antitrust-Bestimmungen zu rechnen. Auf freiwilliger Basis werde auch ein CFIUS-Verfahren in den USA durchgeführt, auch hier seien keine Schwierigkeiten zu erwarten.

Dann hätten Osram und ams gemeinsam die Chance, einen europäischen Champion aufzubauen, eine hochprofitable große Firma, die neue Märkte mit neuen Produkten anvisieren könne, die jede der beiden einzeln für sich nicht entwickeln könne. »Endlich können wir hierzulande einen High-Tech-Sektor nicht nur halten, sondern ausbauen und zu einer führenden Größe in diesem Markt werden.«

Wie das geht, darin konnte ams laut Everke über die vergangenen Jahre üppige Erfahrungen sammeln. Denn das Unternehmen hat zahlreiche Übernahmen getätigt, immer nach demselben Muster: komplementäre Techniken und IP einkaufen, die ams bisher nicht im eigenen Hause hatte, die aber gut zur Sensortechnik passen und zu neuen differenzierten Produkten führt, die eine hohen Marge abwerfen. Das wäre auch für Osram gut, denn »die langjährige Spirale von Transformation und Restrukturierung kann durchbrochen und der Fokus endlich auf Wachstum gelegt werden.«

Das habe bei ams bisher hervorragend geklappt: Im Mobilfunkmarkt, der um rund 4 Prozent geschrumpft ist und im ebenfalls rückläufigen Automobilmarkt konnte ams über die letzten drei Jahre wachsen – nicht einfach um ein paar Prozent, sondern um nicht weniger als durchschnittlich 48 Prozent pro Jahr.  »Warum? Weil wir Produkte entwickelt haben, die es vor vier Jahren noch gar nicht gab und an die noch keiner gedacht hatte«, so Everke. »Deshalb erwarten wir auch in diesem Jahr weiterhin starkes Wachstum.«

Nach diesem Muster soll die Übernahme von Osram nun auch ablaufen. COO Dr. Thomas Stockmeier zählte nur einige Bereiche auf, in denen bedeutende Synergieeffekte zu erwarten seien, von Mikro-LED-Displays über Lidar, Sensoren für Vital-Parameter, Sensoren für Hautfeuchte und Fettgehalt bis zu Miniaturkameras und 3D-Erfassung von Gesichtern. Überall werde die Kombination aus Lichterzeugung und Sensorik neue Wachstumsmärkte öffnen.

Das habe auf der Roadshow, die ams über die vergangenen zwei Wochenhabe durchgeführt hat, die Investoren – bestehende wie neu hinzugekommene – überzeugt. Und schlussendlich habe ja nun auch der Aufsichtsrat von Osram die Zustimmung zur Übernahme durch ams gegeben. Deshalb ist sich Everke auch so sicher, den Kauf von Osram schnell über die Bühne zu bringen.

Und deshalb stünden auch keine Arbeitsplätze zur Disposition, wie von Gewerkschaftsseite wegen der Zerschlagung von Osram befürchtet. Im Gegenteil, es würden neue Ingenieure eingestellt werden. Allerdings werde die Einheit Digital Lighting von Osram, die immerhin ein Viertel des Umsatzes erwirtschaftet, nicht übernommen, weil sie nicht ins Portfolio Lichterzeugung und Sensorik passt. Diese Einheit werde ams an einen strategischen Investor verkaufen, Interessenten hätten sich bereits gemeldet, Gespräche könnten aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht stattfinden. Großen Wert legt er darauf, dass ein neuer Eigentümer der Digital-Lighting-Sparte weiter investiere, »diese Firma wäre ja dann auch ein interessanter Kunde für uns«, so Everke.

Die Finanzierung der Übernahme von Osram sei ebenfalls kein Problem. »Wir haben einen starken Cash-Flow, das hat der Wettbewerber um die Osram-Übernahme aus dem Private-Equity-Branche nicht, ihm bliebe nur der Cash-Flow von Osram alleine. Dazu macht er folgende Rechnung auf: »Wir hatten eine Nettoverschuldung zu EBITDA von 5 und können sie innerhalb von zwölf Monaten bis Ende 2019 auf unter 2 drücken. Ab dem Closing nach der Übernahme von Osram hätten wir einen Verschuldungsgrad von um die 4x Nettoverschuldung. Schon nach zwei Jahren  können wir sie dann wieder auf den Faktor 2 drücken, wir stünden also zwei Jahre nach dem Closing schon wieder dort, wo wir Ende 2019 als ams alleine angekommen sein werden. Das zeigt, dass wir in der Lage sind, das Projekt durchzuführen.« Die Zinsbelastung läge dabei bei unter 4 Prozent, viel geringer also als bei einer Private-Equity-Firma. Zu dem immer wieder geäußerten Verdacht, dass ein chinesischer Investor hinter der Übernahme steht, erklärte er klipp und klar: »Es ist kein chinesisches Unternehmen involviert.«

Auf der anderen Seite stünden 300 Mio. Euro an Synergieeffekten pro Jahr, die ams sowie externe Berater identifiziert hätten. 60 Mio. Euro pro Jahr ergäben sich daraus, dass die Verkaufsorganisationen beider Firmen komplementär sein. Gemeinsam könnten sie also mehr Umsatz erwirtschaften. 120 Mio. Euro ergäben sich aus den existierenden Fertigungen. Beide hätten über die vergangenen Jahre kräftig investiert, gemeinsam könnten sie nun die Werke besser auslasten.

Einen Synergieeffekt in Höhe von 120 Mio. Euro pro Jahr erwartet sich ams auch in R&D und der Verwaltung. Hier würden einige Hundert Stellen abgebaut.

Ein Widerspruch zum angeblich anvisierten Ausbau weiteren Ausbau der Arbeitsplätze? »Nein«, antwortet Everke, in Summe werde ams nach der Übernahme die Zahl der Ingenieure weiter steigern. Der R&D-Sektor des Digital Lighting werde voraussichtlich mit veräußert, so dass die Überlappung im R&D-Sektor bei unter 5 Prozent läge.

Doch genau das ist es, was die IG Metall befürchtet: Dass doch Arbeitsplätze abgebaut werden. Deshalb will die Gewerkschaft eine Übernahme von Osram durch ams verhindern. Das Konzept der Investoren Bain Capital und der Carlye Group überzeugt sie mehr, die Osram nicht zerlegen wollen und deren Versprechen zur Erhaltung von Arbeitsplätzen sie offenbar mehr Glauben schenken. Für den Aufsichtsrat von Osram gab denn auch der höhere Preis von 38,50 Euro, den ams gegenüber Bain und Carlyle bezahlen will den Ausschlag zur Zustimmung, weniger das Konzept von ams insgesamt. Everke zeigt sich aber zuversichtlich, durch beständigen Dialog auch die Skeptiker überzeugen zu können.

Nun hat sich der CEO von Osram, Olaf Berlien, öffentlich ebenfalls wenig überzeugt vom Konzept von ams gezeigt. Doch auch dadurch fühlt sich Everke nicht wirklich angegriffen: »Ein wenig Theaterdonner gehört zu so einer Übernahme dazu.«