Interview mit Sven Gábor Jánszky »Am besten gleich in China gründen«

Sven Gábor Jánszky, 2b AHEAD ThinkTank GmbH
»Man spürt an jeder Ecke die konsequente Industriepolitik der Zentralregierung.«
Sven Gábor Jánszky, 2b AHEAD ThinkTank GmbH »Man spürt an jeder Ecke die konsequente Industriepolitik der Zentralregierung.«

Unternehmensberater und Trendforscher Sven Gábor Jánszky veranstaltet Business-Reisen für mittelständische Unternehmen in die Innovationsmetropolen wie Silicon Valley oder China. Wie können Unternehmer von der Gründer-Dynamik Chinas profitieren?

Markt&Technik: Herr Jánszky, zuletzt im Oktober waren Sie mit Unternehmern in China. Was war denn Zweck der Reise?

Sven Gábor Jánszky: Wir haben Technologieführer wie Tencent, Alibaba und Baidu und die chinesische Startup-Szene in Shenzhen und Shanghai besucht, um mehr über ihre Strategien zu erfahren und hinter die Kulissen zu schauen. Startups in China gibt es von ganz klein bis zur Milliarden-Bewertung für die sogenannten Unicorns.

Es geht bei unseren Reisen darum, sich mit eigenen Augen anzuschauen, was in diesen Technologie-Hotspots passiert, mit den Leuten dort zu reden und dadurch die Dynamik besser zu verstehen. Meiner Ansicht nach wird allgemein unterschätzt, mit welcher Dynamik sich China gerade jetzt in diesen Monaten und auf Jahre hinaus zum Technologieführer dieser Welt aufmacht. Und welchen Einfluss das auf Europa hat. Angesichts dieser Tatsache kann die Nachfrage noch als überschaubar bezeichnen. Ich glaube aber, dass das Jahr 2019 das sein wird, wo sehr vielen bewusst werden wird, was da gerade in China passiert.

Warum gerade in diesem Jahr?

Meine Prognose ist, dass in diesem und im nächsten Jahr eine Welle von chinesischen Unternehmen und Technologieführern sich nach Deutschland und Europa aufmachen wird, um europäische Büros aufzubauen, Produkte zu verkaufen oder weiterzuentwickeln. Man sollte diese mit offenen Armen empfangen und mit ihnen zusammenarbeiten, es geht schlicht um wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit. Denn die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr hoch, dass chinesische Unternehmen spätestens in ein paar Jahren in ihrem Bereich die weltweit beste Technologie haben werden. Das hat zum Beispiel damit zu tun, wie in China derzeit mit dem Thema Daten und Datenfreigabe umgegangen wird. Und mit der Geschwindigkeit, mit der das passiert. Wir sollten schleunigst aufhören, China nur als verlängerte Werkbank zu betrachten, so wie es viele deutsche Unternehmen gefährlicherweise noch tun. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, die Menschen in China könnten vor allem viel und billig arbeiten, hätten aber wenig Ahnung von Strategie und Entwicklung. Denn das hat sich längst völlig gedreht. Wer immer noch so denkt, zeigt, dass er nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Stattdessen sollten deutsche Unternehmen sich freuen, wenn sie mit chinesischen Unternehmen zusammenarbeiten dürfen. Denn dann werden sie künftig in vorderster Linie mitspielen und einen Wettbewerbsvorteil auf den europäischen und den Weltmärkten haben.

Die meisten produzierenden Firmen fertigen bereits in China oder haben dort eine Niederlassung.

Erstaunlicherweise haben diese nicht automatisch einen Wissensvorsprung, nein. Die, die permanent vor Ort sind, natürlich schon. Aber nach dem, was ich erlebe, heißt auch das nicht zwingend, dass auch die deutsche Geschäftsführung diesen Wissensvorsprung bzw. eine dazugehörige Strategie hat. China gilt häufig immer noch als eine Art Satellit, in dem man eben produziert oder verkauft. China als Entwicklungsstandort und Innovationsmotor wird unterschätzt, man nimmt China als Entwickler von disruptiven Technologien nicht ernst.

Wie war denn die Resonanz Ihrer Teilnehmer?

Zweigeteilt. Die Teilnehmer waren einerseits fasziniert, aber auch geschockt von der Dynamik und Konsequenz, mit der in China Technologien getrieben werden. Man spürt dort an jeder Ecke die konsequente Industriepolitik der Zentralregierung. Da werden potenzielle Weltmarktführer strategisch großgezogen. Sie bekommen zu diesem Zweck alles, was sie brauchen: Ressourcen, Daten, Geld. Drei der Unternehmen, die wir besuchten, haben uns konkret nach Tipps gefragt, weil sie eine Europazentrale aufmachen wollen, weil der innerchinesische Markt nicht mehr ausreiche. Diese Häufung war auffällig, daher glaube ich, dass dahinter eine von der Zentralregierung ausgegebene Strategie steckt: Dass die großen Technologieführer 2019 verstärkt nach Europa gehen sollen. Einige Teilnehmer haben Angst bekommen, überrollt zu werden, andere wiederum fanden das großartig, weil sie sich neue Kooperationsmöglichkeiten und Zugang zu Technologien erhoffen, um Kundenwünsche zu erfüllen. Kurz: es geht voran.