Vernetzung mit IQ »Die Vernetzung selbst wird intelligent«

Bruno Fankhauser, Vorstandsmitglied der Leoni AG: »Zunächst müssen Unternehmen das Vertrauen schaffen, dass die Daten sicher sind und nicht gegen den Kunden verwendet werden.«
Bruno Fankhauser, Vorstandsmitglied der Leoni AG und verantwortlich für den Unternehmensbereich Wire & Cable Solutions: »Zunächst müssen Unternehmen das Vertrauen schaffen, dass die Daten sicher sind und nicht gegen den Kunden verwendet werden.«

Leonis intelligente Kabeltechnologie LEONiQ ermöglicht Rückschlüsse auf den Zustand des gesamten Kabelsystems und dessen Steuerung. »Zum ersten Mal wird nicht nur das Vernetzte intelligent, sondern auch die Vernetzung selbst«, sagt Bruno Fankhauser von Leoni.

Markt&Technik: Herr Fankhauser, was ist das Besondere an LEONiQ?

Bruno Fankhauser: Grundsätzlich ist ein Kabel in der Anwendung ja zunächst eine Blackbox: Man installiert es und hofft, dass es funktioniert. Wie lange es funktioniert, weiß man normalerweise erst, wenn es das plötzlich nicht mehr tut. Mit LEONiQ gehen wir den Schritt weg von einem Blackbox-Kabel hin zu einem Dashboard: Das Kabel teilt uns mit, wie es ihm geht.

Die Idee eines „intelligenten“ Kabels ist ja nicht ganz neu.

Natürlich wurde in den vergangenen Jahren schon über „intelligente Kabel“ nachgedacht. Ich selbst hatte diese Idee bereits 2007, aber ich gebe zu, damals eher noch mit analogen Lösungsmodellen. Sie kennen bestimmt Strohhalme, die in Abhängigkeit von der Temperatur der Flüssigkeit ihre Farbe verändern. Genau das war die Idee dahinter: Ein Kabel, das je nach Situation und Belastung die Farbe ändert. Leoni hat zwar solche Lösungsfälle im Portfolio, aber der Mehrwert für den Kunden ist eingeschränkt, weil man das Kabel ja trotzdem noch visuell überprüfen muss. Mittlerweile stehen uns ganz andere Möglichkeiten offen, denn die Digitalisierung hilft uns, das Kabel auch aus der Distanz begutachten zu können. Um also zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Nein, die Idee, ein „intelligentes“ Kabel zu entwickeln, ist nicht komplett neu. Entscheidend ist, wie man sie umsetzt.

Und wie genau setzen Sie sie um? Inwiefern unterscheidet sich LEONiQ von anderen „intelligenten“ Kabeln?

Grundsätzlich basiert LEONiQ auf Sensorik im Kabel. Die Sensoren messen entlang des gesamten Kabels und auch das ist schon etwas ganz Besonderes: Auf dem Markt gibt es bereits Varianten, die zum Beispiel die Temperatur des Kabels messen können. Diese Kabel erkennen dann aber nur, dass es irgendwo entlang des Kabels zu warm ist. Man kann dabei nicht sagen, wo genau das Problem besteht.

Mit LEONiQ haben wir jetzt eine extrem miniaturisierte und günstige Technologie entwickelt, mit der wir kontinuierlich entlang des Kabels messen und auf den Punkt genau solche Hotspots identifizieren können. Die Informationen werden an eine intelligente Messelektronik übertragen, die am Ende des Kabels angehängt wird, abhängig vom Gesamtsystem zum Beispiel direkt am Stecker oder am Gehäuse. Die generierten Daten werden dann in eine Cloud geschickt. Momentan ist die Messelektronik etwa so groß wie ein USB-Stick – im Vergleich zum Wettbewerb schon sehr klein. Wir sind zuversichtlich, dass wir sie noch weiter miniaturisieren können.

Die Daten landen also in der Cloud. Was geschieht dort mit ihnen?

Der Kunde hat im Rahmen eines Dashboards Zugriff auf die strukturierten und übersetzten Daten, kann sie auswerten und entscheiden, was zu tun ist, oder bezieht diese Dienstleistung direkt von Leoni. Das intelligente System ist gestützt auf Algorithmen, die Leoni eigens entwickelt hat und dem Kunden zur Verfügung stellt. Wir unterstützen ihn bei der Auswertung und können aufgrund der Daten ermitteln, wann beispielweise sein Kabel voraussichtlich ausfallen wird. LEONiQ ermöglicht also Predictive Maintenance: Der Anwender betreibt nur dort und dann Unterhalt, wo es nötig ist.

Aufgrund aktueller Datenskandale sind viele Menschen mit der Weitergabe ihrer Daten ja eher zurückhaltend…

Ja, viele Menschen haben Angst davor, transparent zu sein. Aber ich sehe das so: Natürlich wird man transparent, aber zunächst transparent für sich selbst. Wir nutzen die Daten ja nicht für andere. Nur durch die Kombination aus den Daten des Kunden und unserem Wissen über das Kabel können wir sagen, ob es noch einwandfrei funktioniert oder schon zum Ausfall neigt. Und auch wir lernen hier laufend dazu, denn mit jeder Analyse und jeder Beeinträchtigung lernen wir mehr und können neue Algorithmen entwickeln.

Und ich glaube, zunächst müssen Unternehmen das Vertrauen schaffen, dass die Daten sicher sind und nicht gegen den Kunden verwendet werden. Es gibt zum Beispiel Studien, die zeigen, dass Daten mehr wert sind, wenn man sie teilt und sich das Wissen, das andere einbringen, gepaart mit den eigenen Daten auf ein viel höheres Level bringen lässt. Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, ob es kreativ und mutig ist und die Daten teilt oder eben nicht. Aber wenn das Unternehmen die Offenheit hat, die Daten zu teilen, entsteht Beschleunigung erst richtig. Und dann sprechen wir von einem digitalen Ökosystem.