Ökosysteme und Allianzen statt Standards

»Wir revolutionieren die Kommunikation im Auto!«

14. November 2022, 14:30 Uhr | Heinz Arnold
Robert Kraus
Robert Kraus, CEO von Inova: »Jetzt ist tatsächlich Sensor Fusion möglich, was auf dem Weg zum autonomen Fahren sehr wichtig ist. Es gibt keine Grenzen mehr, einfach eine neue Dimension der Datenübertragung im Fahrzeug.«
© Inova Semiconductor

Endlich die Datenautobahn fürs Auto: Auf der electronica demonstriert Inova Semiconductors erstmals »ADXpress« – weit mehr als nur ein APIX-Nachfolger, »ein echter Hammer«, wie CEO Robert Kraus formuliert.

Markt&Technik: Was genau steckt hinter dem neuen Bus und warum heißt er nicht einfach »APIX4«?

Robert Kraus: Weil es sich um viel mehr als eine bloße Fortschreibung der APIX-Architektur handelt, wir sprechen hier von einem Daten-Massentransportsystem. Um auch nach außen klar zu kommunizieren, dass dies etwas ganz Neues ist, haben wir unser jüngstes Kind auf den Namen Automotive Data Express, kurz: ADXpress, getauft. APIX – der Automotive Pixel Link – ist in erster Linie als Display-Verbindung ausgelegt, ADXpress spielt dagegen in einer ganz anderen Liga und hat das Potenzial, das Thema Konnektivität im Fahrzeug zu revolutionieren.

Was steckt hinter dem neuen Bus? Warum hielt Inova es jetzt für erforderlich, wieder einmal völliges Neuland zu beschreiten?

Mit den ersten drei APIX-Generationen waren und sind wir sehr erfolgreich, immerhin haben wir zusammen mit unseren Lizenznehmern seit 2008 rund 170 Mio. APIX-Produkte im Feld, und unsere APIX3-Produkte sind schon auf Plattformen eindesignt, die dann ab 2025 in Serie gehen. Sogar mit unserem »alten« APIX2 mit 3 Gbit/s, der schon seit 2012 im Serieneinsatz ist, haben wir kürzlich ein Design bei einem großen japanischen OEM gewonnen. Die APIX-Story reicht damit alleine mit den aktuellen Produkten bis ins nächste Jahrzehnt.

Trotzdem fragen viele Kunden heute schon nach, wie es mit APIX weitergeht und wann denn APIX4 kommen wird. Unsere Ingenieure unter Leitung unseres CTO Roland Neumann hatten sich genau angeschaut, wie sie APIX auf die nächste Stufe bringen könnten – und kamen zu dem Schluss, dass sie das Gewohnte nicht einfach fortführen sollten. Denn die Architektur im Auto wandelt sich, sie wird zentraler, von nur wenigen Domains gesteuert. Es müssen also sehr viele Daten der unterschiedlichsten Art zwischen Sensoren, Aktoren, Steuergeräten und Bildschirmen mit hoher Geschwindigkeit quer durch das Fahrzeug übertragen werden, da sind ganz schnell 30 Gbit/s und mehr erforderlich. Analysten rechnen mit einem Datenaufkommen im Auto von 600 GB pro Tag, da sind dann hochperformante Datenverbindungen erforderlich.

APIX dagegen ist, wie der Name schon sagt, als Automotive Pixel Link primär für die Übertragung von Video-Daten konzipiert, auch wenn wir seit APIX2 zusätzlich auch schon 100-Mbit/s- Ethernet, Audio- und alle Arten von Kontrolldaten über den Link übertragen. Unser Ziel für den APIX-Nachfolger war es, künftig alle Daten im Fahrzeug völlig flexibel und mit bisher unerreichter Performance übertragen zu können und den Anwendern gleichzeitig ein sehr benutzerfreundliches System zur Verfügung zu stellen. Das ging nur auf Basis eines völlig neuen Konzepts – ADXpress.

Wie wird der neue Bus aussehen und was leistet er?

Jeder ADXpress-Baustein ist praktisch als Knoten zu sehen, der in beide Richtungen überträgt, also als Empfänger und Sender arbeitet, und sowohl als Datenquelle oder -senke fungieren kann, das ist beliebig konfigurierbar. Je nach Bedarf lassen sich bis zu 128 virtuelle Kanäle einrichten, und die Bandbreite kann entsprechend den jeweiligen Anforderungen gewählt werden. Die ADXpress-Architektur selbst ist dabei unabhängig vom Physical Layer (PHY); letztendlich entscheidet die benötigte Bandbreite, welcher Technologieknoten für den PHY benötigt wird. Wir etwa planen, das erste ADXpress-Produkt in Globalfoundries‘ hochmodernem 22FDX-Prozess zu fertigen, mit einer Übertragungsrate von 30 Gbit/s elektrisch oder 4 × 24 Gbit/s optisch.

Anwender können ihr Zielsystem aber schon – ganz ohne Silizium – vollständig am Rechner konfigurieren und simulieren und dann in einem ersten Schritt in einem FPGA umsetzen. Genau das, was auch wir jetzt machen: Unser erstes ADXpress-Demosystem, das wir auf der electronica zeigen werden, basiert auf einem leistungsfähigen FPGA.

Im Auto mit seinen vielen Sensoren kommt es darauf an, dass die Latenzzeiten möglichst gering gehalten werden …

… und deterministisch sind. Roland Neumann hatte zu Beginn seiner Karriere viel Erfahrung in der Telekommunikation gesammelt, was ADXpress jetzt zugute kommt: Anders als bei IP (Internet Protocol) können wir genau, also deterministisch, festlegen, welchen Weg die Datenpakete durch das Netzwerk nehmen und wann sie ankommen. Darüber hinaus werden bei ADXpress die Datenpakete nicht per Software, sondern via Hardware-Paketierer im Chip selbst geschnürt. Und das geht extrem schnell vonstatten – Thema Latenzzeit.

Auf dem Stand von Inova auf der electronica können sich die Besucher ADXpress bereits anschauen?

Ja, wir präsentieren auf unserem Stand einen Demonstrator auf Basis eines Hochleistungs-FPGA, mit dem wir die Leistungsfähigkeit des ADXpress-Konzepts zeigen werden. Etwa – nur um ein Beispiel zu nennen – Daten verschiedenster Sensoren, egal ob Radar, Lidar oder Kameras, an verschiedene CPUs schicken oder sie auch woanders abspeichern, um sie später nochmals auszuwerten. Aber auch um etwa SOCs über ihre PCI-Schnittstellen zu verbinden, um effektiv Daten miteinander auszutauschen. Dazu all die vielen Display-Verbindungen – die Anzahl von Anwendungsmöglichkeiten für ADXpress lässt sich beliebig fortsetzen. Es stehen insgesamt 128 virtuelle Datenpfade in beide Richtungen zur Verfügung, die sich zudem beliebig konfigurieren lassen – eben ein Massentransportsystem. Es gibt praktisch keine Grenzen, wir sehen ADXpress als ein revolutionär neues Konzept für die Konnektivität im Auto von morgen.

Bedeutet ADXpress, dass APIX langsam abgelöst wird?

Keinesfalls. APIX ist nach wie vor unser Arbeitspferd: Wir haben erst kürzlich unseren ersten japanischen Automotive-Kunden gewonnen, der sich – wie bereits erwähnt – für die zweite APIX-Generation mit 3 Gbit/s entschieden hat. APIX « mit 12 Gbit/s läuft jetzt auf den neuen Plattformen erst so richtig hoch; wir werden mit APIX noch bis ins nächste Jahrzehnt auf Wachstumskurs sein.

Für wie wichtig halten Sie Standards?

Grundsätzlich sind Standards essenziell wichtig: 5G, 6G und jetzt die Ladestecker für die E-Autos – ohne Standards würde vieles nicht funktionieren. Aber wenn es um Innovationen im Auto geht? Die Anforderungen wachsen ständig, und das sieht Inova als seine Chance: Unser erstes Automotive-Produkt APIX hat bereits sehr erfolgreich in die Autos rund um die Welt Einzug gehalten und wächst ungebremst weiter. Dann haben wir mit ISELED die digitale LED erfunden und 2016 auf der electronica vorgestellt, die jetzt ebenfalls mit enorm hohen Wachstumsraten glänzt.

Auch unser 2021 vorgestellter »ILaS«-Bus (ISELED Light and Sensor Network) stößt bereits auf sehr starkes Interesse, BMW etwa setzt ihn bereits ab 2025 mit Einführung ihrer neuen Klasse und einer hochinnovativen Domain-Architektur in allen künftigen Modellen ein. Und auch ein großer chinesischer OEM hat bereits bei uns angeklopft.
ILaS ist aus der Idee entstanden, die ursprünglich nur auf kurze Entfernungen ausgelegte LED-Ansteuerung über ISELED auf das gesamte Auto auszudehnen und neben den LEDs auch Sensoren und Aktoren in das Netz zu integrieren. Wenn die bisherigen Standards die Anforderungen erfüllt hätten, bräuchten die Anwender ISELED und ILaS ja nicht. Wir müssen also etwas richtig gemacht haben mit unserer Philosophie, Ökosysteme und Allianzen rund um all unsere Technologie-Innovationen aufzubauen.

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+

  1. »Wir revolutionieren die Kommunikation im Auto!«
  2. "Wir wollen eine Art De-facto-Standard schaffen"

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

INOVA Semiconductors GmbH