Interview mit Christoph Neumann

Aufbruchstimmung bei KI-Plattformen

2. Mai 2022, 8:30 Uhr | Tobias Schlichtmeier
Christoph Neumann
Christoph Neumann ist Vice President Technology bei Kontron.
© Kontron

KI in industriellen Applikationen reicht von einfacher Spracherkennung bis hin zu komplexen neuronalen Netzen. Dennoch steckt die Entwicklung in vielen Unternehmen noch in den Kinderschuhen. Welche Vision Kontron hinsichtlich KI verfolgt, erklärt Christoph Neumann exklusiv im Interview.

Christoph Neumann ist Vice President Technology bei Kontron. Er hat an der TU Saarbrücken Elektrotechnik studiert und ist seit 2004 in verschiedenen Engineering-Management-Positionen bei Kontron beschäftigt.

Markt&Technik: Herr Neumann, künstliche Intelligenz dringt mehr und mehr in Applikationen in der Industrie vor. Gerade die Anwendungsentwicklung steht im Fokus vieler Unternehmen. Wie stellt sich Kontron auf, um hier Fuß zu fassen?

Christoph Neumann: Jede erfolgreiche KI-Anwendung im Edge-Bereich setzt eine kostenoptimierte und exakt zur Anwendung passende Hardware voraus. Hier sind wir zunächst als Hardware-Spezialist gefordert und gewährleisten, dass der Kunde genau das von uns bekommt. Hierzu gibt es von uns die passenden Treiber und die Einbindung in das Betriebssystem – typischerweise in Form eines Yocto Layers.

Dazu bauen wir unser Service-Angebot weiter aus, indem wir unseren Kunden beispielsweise mit Performance-Vergleichen helfen, für das jeweilige Projekt die passende Hardware zu finden. Zudem wollen wir unsere Kunden mittlerweile auch in der Trainingsphase, beim Umsetzen der trainierten neuronalen Netze auf die Hardware sowie bei der Applikation selbst durch Service-Angebote unterstützen. Zudem verstärken wir unsere Softwareteams zunehmend mit Data Scientists. Wir wollen den KI-Bereich weiter stärken, abhängig von der Nachfrage.

Mit der Hailo-Partnerschaft möchten Sie verstärkt KI-Rechen-Power in Ihre Boards integrieren. Wie hoch ist die Nachfrage nach diesen Boards?

Unsere beiden neuen KI-Plattformen auf Arm- und x86-Basis mit dem Hailo-8-Beschleuniger-Chip erfreuen sich regen Interesses und werden für Trials bereits stark nachgefragt. Für entsprechende Serienanläufe ist es jedoch noch zu früh – das kann noch einige Monate dauern.

Sie bieten in einigen Applikationen außerdem Googles Coral-Chip an. Welche Features bietet er?

Unser Angebot ist ein skalierbares Portfolio für KI am Edge. Sprich: wir bieten neben den KI-Fähigkeiten unserer Intel-x86- und Arm-Plattformen zusätzlich die Integration von Beschleuniger-Technologie an. Mit skalierbar meine ich hierbei, dass wir im Entry-Level-Bereich kostengünstig eine Applikation bereitstellen können. Hier bietet sich die Google Edge Tensor Processing Unit (TPU) an, die bei Applikationen mit geringeren Performance- und Umweltanforderungen ihren Preisvorteil ausspielen kann. Die Edge TPU ist überdies leicht verfügbar und bietet eine gute Softwareunterstützung sowie Beispielapplikationen frei verfügbar im Netz.

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KBox A-150-WKL-AI-H8
Der Hailo-8-KI-Beschleuniger ist in Kontrons x86-basiertem Box-PC »KBox A-150-WKL-AI-H8« mit einer Reihe von Intel-Core-i-Prozessoren wie 8365UE (früherer Codename Whiskey Lake) und dem Arm-basierten 2,5“-SBC »pITX-iMX8M-AI-H8« nahtlos integriert.
© Kontron

Machine, Deep und Reinforcement Learning – die Gebiete der KI sind vielfältig. Welchem schreiben Sie den größten Nutzen zu?

Das ist in dieser Form eine schwer zu beantwortende Frage. Sicherlich hat jedes der genannten Gebiete seine spezifischen Vor- und Nachteile, und speziell das Deep Learning ist – was die praktische Anwendung am Edge betrifft – noch in der Startphase. Die Antwort ist, dass sich die Gebiete gegenseitig ergänzen und so zu neuen und optimierten Applikationen führen.

Auch sogenannte neuronale Netze sind ein Teilgebiet der KI, dem sich derzeit viele Entwickler widmen. Inwieweit spielen diese in Ihrer KI-Strategie eine Rolle?

Kontrons DNA ist das Entwickeln und Vermarkten von industriellen Computing-Plattformen. Mit dem Aufkommen der neuronalen Netze ist eine neue Klasse von Compute-Chips entstanden, die für die Aufgabe der Berechnung dieser Netze optimiert, also »purpose-built« sind. Hierdurch erreichen diese Chips eine sehr gute Rechenleistung bei minimaler Leistungsaufnahme und erlauben damit KI-Echtzeit-Applikationen am Edge. Viele der Applikationen waren bisher lediglich in der Cloud umsetzbar. Wir sind überzeugt von dieser Technik und wollen mit ihr für unsere Kunden maßgeschneiderte Plattformen entwickeln und auf den Markt bringen – wir verfolgen die weitere Entwicklung mit großem Interesse.

Um KI-Applikationen zu entwickeln, braucht es eine starke Entwicklungsabteilung und viele Software-Experten. Der Ingenieurmarkt ist jedoch gerade sehr dünn. Finden Sie noch genügend Entwickler?

Es ist derzeit nicht einfach, die richtigen Leute zu finden, und das nicht erst seit kurzer Zeit. Zum Glück hat sich Kontron als Teil der S&T-Gruppe mit guten Akquisitionen im Software-Bereich verstärkt. Auch von den Universitäten und Fachhochschulen können wir sehr gut qualifizierte Absolventen gewinnen – gerade im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Bei allen Diskussionen um KI steht die Frage der Ethik oft an erster Stelle. Welche Schritte sind nötig, um eine »ethische KI« zu entwickeln?

Aus meiner Sicht ist es wie überall in der Computertechnik: Solange wir keine personenbezogenen Informationen massenhaft verarbeiten, die in die falschen Hände gelangen können, ist die Sache unproblematisch. Hierauf ist jedoch penibel zu achten.

Gibt es Gefahren, die Ihrer Meinung nach von KI ausgehen?

KI per se ist natürlich nicht gefährlich, sondern wie bei allen neuen digitalen Technologien gibt es ein Potenzial für Missbrauch. Politik und die Verbände müssen darauf achten, dass KI-Applikationen zum Beispiel im Bereich Video Analysis nicht dazu führen, dass Persönlichkeits- und Freiheitsrechte untergraben werden und der Nutzen im Vordergrund steht.

Viele Menschen scheinen Angst vor der sogenannten starken KI zu haben. Wie können Sie solche Ängste nehmen?

Angst ist ein natürliches Gefühl und schützt uns davor, uns in Gefahr zu begeben oder unvorsichtig zu agieren. Oft haben Menschen besonders Angst vor Dingen oder Themen, mit denen sie (noch) nicht vertraut sind. Wir sollten die positiven Seiten und die Möglichkeiten der KI aufzeigen und die möglicherweise unerwünschten Folgen klar und offen kommunizieren, diskutieren und konsequent entgegenwirken. Mit einem wachsenden Verständnis für die Technologie sollten die Ängste zunehmend abnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Neumann.


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