Kommentar: Joe Kaeser und Twitter Die Aufgaben eines CEO

Frank Riemenschneider Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.
Frank Riemenschneider Chefredakteur Elektronik, Elektronik automotive und Elektronik Neo.

Per Twitter hat Siemens-CEO Joe Kaeser jüngst US-Präsident Trump abgewatscht. Man kann Kaesers Meinung inhaltlich teilen, eine ganz andere Frage ist, ob er seine Meinung äußern sollte und überhaupt äußern darf. Meine Meinung: Er darf es nicht.

Wenn ein Familienunternehmer wie Martin Herrenknecht seine Sicht auf die »Performance« der Bundesregierung mit deutlichen Worten adressiert – »Die Energiewende ist eine riesige Flickschusterei« – oder ein Reinhold Würth der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer die notwendige Kompetenz abspricht, dann ist das nicht nur in Ordnung, sondern sehr begrüßenswert.

»Haudegen« wie Herrenknecht und Würth stehen für den Aufstieg Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg, sie kennen keine 40-Stunden-Woche und haben ihr Leben ihrem Unternehmen und der Schaffung von Arbeitsplätzen gewidmet – auf eigenes Risiko und mit eigenem Geld.

Siemens-CEO Joe Kaeser ist dank seines üppigen Gehaltes ebenfalls Multimillionär, hat aber sonst wenig mit Herrenknecht und Würth gemeinsam. Er ist kein Unternehmer, der sein eigenes Geld riskiert. Er ist Angestellter und verwaltet Geld, das ihm nicht gehört, nämlich die Einlagen der Aktionäre. In seiner Job-Beschreibung steht, er möge Geld vermehren und den Aktienkurs steigern. Ob dort steht, er soll oder darf sich per Twitter zu politisch kontrovers diskutierten Themen äußern, wage ich zu bezweifeln.

Per Twitter hat Kaeser jüngst US-Präsident Trump abgewatscht. Man kann Kaesers Meinung inhaltlich teilen, eine ganz andere Frage ist, ob er seine Meinung äußern sollte und überhaupt äußern darf. Siemens gehört mehrheitlich Ausländern, von denen zumindest einem Teil die politischen Sichtweisen Kaesers im besten Fall egal sein dürften.

Im Worst Case hat er den Unternehmensinteressen geschadet, nämlich dann, wenn er amerikanische Aufträge verlöre, die 2018 über 16 Mrd. Euro in die Kassen gespült haben. Wenn sich jemand wie Joe Kaeser öffentlich äußert, dann wird er als Siemens-Chef und nicht als Privatperson wahrgenommen.

Schon immer gab es die Frage, ob man mit Ländern Geschäfte machen sollte, die unseren Anforderungen an Demokratie, Menschenrechte und Wertvorstellungen nicht genügen. Am Ende haben Umsatz und Arbeitsplätze mehr gezählt und Siemens weiß das nur allzu gut. Selbst mit dem Iran, einem Land, das Israel das Existenzrecht abspricht, hat man immer gerne Geschäfte gemacht. Schließt nicht Siemens den Deal, macht es eben ein anderer Konzern aus Ländern mit geringeren Moralansprüchen.

Den aktuellen Quartalszahlen zufolge könnte sich der Siemens-CEO auch außerhalb seines Twitter-Accounts betätigen: In der Sparte »Gas und Power« sank der operative Gewinn um 37 %, bei der Industrieautomatisierung sank der Gewinn um gut ein Viertel. Insgesamt sackte der operative Gewinn um 12 % auf 1,9 Mrd. Euro ab. Während der DAX seit dem 1.1.2019 bis zum 1.8.2019 um 15,8 % geklettert ist, sank der von Siemens um 3,1 %.

Wie man jenseits von moralisierenden Twitter-Botschaften diskret Geschäfte macht und Arbeitsplätze schafft, zeigt Infineons CEO Dr. Reinhard Ploss in China: Bei mehr als einem Viertel von Infineons Gesamtumsatz werden einfach gute Produkte geliefert und öffentliche Regierungskritik vermieden.

Offensichtlich hat dies mittlerweile sogar Keaser begriffen: Auf der aktuellen China-Reise mit Bundeskanzlerin Merkel, zu deren Wirtschaftsdelegation neben anderen DAX-CEOs sowohl Kaeser als auch Ploss gehören, wurde Kaeser von der BILD-Zeitung gefragt, was er denn zu den Protesten in Hongkong sagen wolle. Seine Antwort “wir verstehen als deutsche Wirtschaft nicht hundertprozentig, wie die Dinge in Hongkong wirklich sind, wir sehen das nur im Fernsehen” klingt zwar auch wenig überzeugend, aber immerhin noch besser, als eine erneute Regierungskritik.

Von Dr. Ploss ist übrigens zum Thema Hongkong kein Zitat übermittelt, das erscheint mir einmal mehr der weiseste Weg zu sein, um Umsatz und Arbeitsplätze im China-Geschäft zu erhalten.