Halbleiter-Vertrieb

Die neue Zwei-Klassen-Gesellschaft

18. Januar 2022, 10:00 Uhr | Von Georg Steinberger, Vorstandsvorsitzender des FBDi
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Die derzeitige Versorgungskrise bei Halbleitern und Bauelementen im Allgemeinen wirft ein Schlaglicht auf die zahlreichen Gräben, die sich durch die gesamte Branche ziehen.

Technisch ist der Halbleitermarkt gespalten in Topprodukte und -anwendungen und den Rest sowie kommerziell in einige große Plattformkunden und den Rest der Welt, der um seine Versorgung kämpft.

Zweifellos war 2021 ein starkes Jahr, trotz der Auswirkungen von Covid-19. Der europäische Distributionsmarkt für elektronische Komponenten wuchs im Durchschnitt um ca. 20 Prozent, mit geringfügigen Unterschieden zwischen den Ländern, auf insgesamt über 16Mrd. Euro. Der Gesamtmarkt selbst (einschließlich Direktgeschäft) wuchs sogar noch stärker. Nach den jüngsten Prognosen der World Semiconductor Trade Statistics (WSTS) schloss der weltweite Halbleitermarkt mit einem Plus von über 25 Prozent ab, so auch in Europa.

Ein riesiger Auftragsbestand, der auf massiven Buchungen beruht, und ein anhaltend guter Auftragsstrom aus allen Kundensegmenten bis Ende 2021 (und wahrscheinlich darüber hinaus) lassen vermuten, dass auch das Jahr 2022 sehr positiv – zweistellig – ausfallen wird. Es sei denn, wir sitzen auf einer Blase, die sich einfach auflösen wird. Klar ist, dass die Buchungen weit über das normale Auftragsfenster hinausgehen und eine konsolidierte Nachfrage darstellen, die sehr weit in die Zukunft reicht. Die Kunden, deren Rohwarenbestände (ja, Komponenten sind Rohwaren) im Jahr 2020 ziemlich niedrig waren, wurden durch die anhaltende Verknappung veranlasst, weit vorauszuplanen – und genau das zeigt sich uns.

Wird diese künftige Nachfrage in ein paar Monaten noch real sein? Auf jeden Fall. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie einfach verschwindet, und alle Faktoren, die das Verhalten derzeit bestimmen, ändern sich auch nicht über Nacht. Die Frage, die sich jeder europäische Händler und Kunde stellt, ist: Wann werden wir den Wendepunkt erleben? Der Wendepunkt ist in diesem Fall zu definieren als ein Rückgang von den derzeitigen Auftragsspitzen hin zu einer normaleren Situation, einem besseren Gleichgewicht zwischen Buchungen und Rechnungen (Bookings und Billings in Neudeutsch).

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Die FBDi-Statistik für das dritte Quartal 2021 spiegelt den allgemeinen Trend wider.
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Wie ernst die derzeitige Situation in der Lieferkette –der Mangel an Bauteilen – ist, zeigt sich daran, dass sogar in den Fernsehnachrichten darüber berichtet wird. Und jeder hat seine eigene Meinung dazu, wann der Wendepunkt erreicht ist, sprich: wie lange die Verknappung und die daraus resultierenden Preissteigerungen andauern werden. Die Spanne der Vorhersagen reicht von Ende Q1/2022 bis Mitte 2024, alle wahrscheinlich so gültig wie die einzelnen Bedingungen, unter denen sie geäußert wurden. Eine kürzlich durchgeführte informelle, anonyme Umfrage unter den Händlern ergab ein hohes Maß an Unsicherheit über diesen Wendepunkt im Zyklus, aber eine Zusammenfassung der Erwartungen auf „nach dem Sommer, gegen Ende Q3/2022“ würde wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl von Anhängern finden. Bis dahin könnte sich das Book-to-Bill-Verhältnis wieder auf annähernd 1 zubewegen (und nicht 1,7 wie im Moment) – das wäre für alle eine Erleichterung und würde eine viel bessere Planung ermöglichen.

Mit anderen Worten: 2022 ist nicht wirklich das Jahr, über das wir sprechen, das erscheint bereits „im Sack“. Die Frage ist eher, ob wir ein weiteres Wachstum von 20 Prozent sehen werden (wie es die Auftragsbücher vermuten lassen) oder ob es etwas moderater ausfallen wird, etwa 10 Prozent. Wovon hängt das ab? Nun, einerseits von der Verfügbarkeit von Schlüsselkomponenten, die derzeit knapp sind, andererseits von einer Aufholjagd auf den tatsächlichen Endmärkten der Kunden, die durch Covid-19 und die anschließenden Lieferkettenausfälle ins Stocken geraten sind. In Europa wären dies vor allem, aber nicht ausschließlich, die Automobilindustrie und die Industrie, und innerhalb der Industrie hoffentlich eine Welle von Investitionen in die Technologie der erneuerbaren Energien; schließlich von den üblichen Verdächtigen 5G oder IoT.

Die wichtigere Frage, die sich nach 2022 stellt, lautet: Wie wirkt sich diese Krise der Komponentenversorgung über das nächste Jahr hinaus aus? Wenn Sie zwei einfache Fakten betrachten, ohne zu urteilen, werden Sie sehen, was mit der obigen Aussage der „Zweiklassengesellschaft“ gemeint ist: Infineon eröffnete vor wenigen Wochen eine 300-mm-Waferfabrik in Villach/Österreich, die Leistungsbauelemente (u.a. für Automotive) produzieren soll. Kosten: 1,8Mrd. US-Dollar.  TSMC scheint seine Fab18 im südlichen Taiwan fertiggestellt zu haben, die modernste Logik und Prozessoren in 3-nm-Geometrie produzieren soll. Kolportierte Kosten: 18Mrd. US-Dollar.
In solchen Fabriken werden in der Regel besonders hochintegrierte und leistungsstarke Komponenten wie Mikroprozessoren, Grafikprozessoren und System-on-Chips hergestellt, die in großen Mengen nur von Data-Center-Riesen, Computer- und Smartphone-Giganten und nicht zuletzt von Herstellern von Spielkonsolen verwendet werden dürften. Das ist die Spitzenklasse.


  1. Die neue Zwei-Klassen-Gesellschaft
  2. "...eingestehen, dass man nur in der zweiten Liga spielt."

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