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Interview mit Thomas Rudel, Rutronik

»Distribution heißt, Kunden in allen Feldern zu bedienen«

09. März 2020, 09:53 Uhr   |  Karin Zühlke

»Distribution heißt, Kunden in allen Feldern zu bedienen«
© Rutronik

Thomas Rudel, Rutronik: »Wir können unseren Kunden bei einer erneuten Allokation nicht in dem Maße helfen, wie das noch 2018 bzw. 2019 der Fall war. Bedingt durch das Coronavirus sind unsere Möglichkeiten derzeit sowieso eingeschränkt, denn wir lassen unsere Mitarbeiter momentan nicht nach Asien reisen.«

Technologische Unabhängigkeit und eine gesunde Portion Realismus, das fordert Thomas Rudel, CEO von Rutronik, von Deutschlands Politik – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Ein Gespräch über die vielfältigen Herausforderungen der Distribution im makro- und mikroökonomischen Kontext.

Markt&Technik: Das letzte Jahr war turbulent. Experten sprechen für den Komponentenmarkt von einem Minus etwa um die 7 Prozent. Wie verlief das Jahr 2019 für Rutronik?

Thomas Rudel: 2019 war ein sehr schwieriges Jahr für die Distribution. Wir bei Rutronik waren im Umsatzbereich zufrieden, aber allgemein waren große Margenverluste zu verzeichnen und die Allokation der Widerstände und Keramikchipkondensatoren hat für uns einen enormen manuellen Aufwand nach sich gezogen. Wir sind uns bewusst, dass wir einen großen Marktanteil bei diesen Produktgruppen haben, und haben hier vielen Kunden mehr als außerordentlich geholfen. Unsere Mitarbeiter sind immer wieder nach Asien geflogen, um Bestände zu allokieren und zu sichern. Das ging sogar so weit, dass wir die Ziele im aktiven Bereich nicht erreicht haben, weil wir unsere Kunden dabei unterstützt haben, die Allokation im passiven Bereich abzumildern. Leider haben unsere Kunden dies nicht in dem Maße wertgeschätzt, wie wir uns das gewünscht hätten.

Welche Konsequenzen oder besser gesagt Lehren ziehen Sie daraus?

Wir können unseren Kunden bei einer erneuten Allokation nicht in dem Maße helfen, wie das noch 2018 bzw. 2019 der Fall war. Bedingt durch das Coronavirus sind unsere Möglichkeiten derzeit sowieso eingeschränkt, denn wir lassen unsere Mitarbeiter momentan nicht nach Asien reisen.

Welche Maßnahmen hat Rutronik aufgrund des Coronavirus eingeleitet?

Wir haben, wie gesagt, einen Reisestopp nach Asien ausgesprochen, und unsere Asienrückkehrer befinden sich zu Hause in Quarantäne. Die Umsetzung der Maßnahmen wird durch den Betriebsarzt unterstützt und beaufsichtigt.

Corona setzt den Lieferketten kräftig zu. Mit welchen Auswirkungen auf die Lieferkette rechnen Sie?

Zumindest im Widerstandsbereich rechnen wir auch weiterhin mit einer Allokation. Es gibt diverse Unwägbarkeiten, denn niemand weiß genau, wie sich die Situation um Corona weiter entwickelt. Zum einen haben die Hersteller ihre Kapazitäten heruntergefahren. Und auch wenn die Mitarbeiter nach den Chinese-New-Year-Ferien in den chinesischen Werken wieder erschienen sind, müssen sie sich in der Regel dort erst einmal 14 Tage in Quarantäne begeben. Ein weiteres Problem ist die Zollabwicklung, die ins Stocken geraten ist. Derzeit – Stand: Mitte Februar – sind von 15 Grenzpunkten zwölf geschlossen. Das bedeutet, selbst wenn man Ware bekommt, ist die Frage, wie schnell diese exportiert werden kann. Hinzu kommt, dass derzeit niemand weiß, ob und wie viele Zollmitarbeiter von Corona betroffen sind.

Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage der Industrie – tatsächlicher Abschwung oder Markt-, Preis- und Lagerkorrektur? Interessanterweise hat der DAX Ende Januar einen neuen Rekordwert seit 2018 verbucht – da fällt es doch schwer, an einen Abschwung zu glauben.

Die Niedrigzinspolitik treibt die Anleger an den Kapitalmarkt. Apple ist derzeit mehr wert als alle DAX-Konzerne zusammen. Aber unabhängig davon hat der Export natürlich, bedingt unter anderem durch die Zollstreitigkeiten und die Zollaufschläge, gelitten. Auch wir in der Elektronikindustrie waren bekanntlich mit 25 Prozent Strafzinsaufschlägen konfrontiert. Und die Diesel-Diskussion tut ihr Übriges. Sie schadet unserer Automobilindustrie sehr und damit auch uns, denn die Automotive-Branche ist für uns ein großer Umsatzbringer.

Der Handelskrieg zwischen den USA und China ist für die einen Fluch, für die anderen eine Chance. Wie beurteilen Sie die Situation?

Die USA und China haben sich ja inzwischen wieder angenähert und bilaterale Zollvereinbarungen getroffen, die für beide Seiten fair sind. Ich finde es durchaus richtig zu sagen, wenn jemand in einem Land Produkte verkauft, soll er auch entsprechend dort Steuern bezahlen. Der Vorteil für die Elektronikindustrie liegt vielleicht darin, dass in China infolgedessen viel Geld in die Hand genommen wird, um vor Ort eine eigene Elektronik- bzw. Komponentenindustrie aufzubauen. Dabei werden sicher auch neue Hersteller entstehen, die für uns interessant werden könnten und die wir unseren Kunden als neue Linien in unserem Portfolio zugänglich machen können. Ich finde es darüber hinaus gut, dass China aus der Subvention von Batterien ausgestiegen ist und sich stattdessen auf vielversprechende Technologien wie die Brennstoffzelle konzentriert.

A propos neue Linien: Was sagen Sie zur zunehmenden Monopolisierung, die einzelne Hersteller mit ihrem Distributionsmodell betreiben?

Für die Distribution ist das ein schwieriges Thema – auch wir haben aufgrund von Herstellerzusammenschlüssen die Franchises für Microchip und Renesas verloren. Solche Entscheidungen fallen von heute auf morgen und sind nicht vorhersehbar. Ich glaube persönlich, dass die Kernkompetenz der Hersteller darin besteht, Produkte mit OEMs zu entwickeln und auch diese OEMs direkt zu bedienen; aber der große Gesamtmarktbedarf anderer Serviceleistungen, die nur die Distribution ihren Kunden bietet: etwa Konsignationslager oder spezielle Logistiklösungen. Die Distribution ist als Dienstleister dafür da, die Kunden, die international tätig sind, auch international zu bedienen. Da ist die Distribution entschieden leistungsfähiger als die Hersteller. Deshalb arbeiten insbesondere in dieser Hinsicht die Hersteller auch gerne mit der Distribution zusammen.

Aber durch diese Monopolisierung, wie Sie es nennen, ergibt sich noch ein anderes Problem: Durch die Konsolidierung in der Bauelementeindustrie sind Deutschland und Europa komplett abhängig von Asien und den USA geworden. Außer Infineon und ams haben hierzulande nur noch Spezial- und Nischenhersteller ihr Hauptstandbein. Aber damit nicht genug. Die Abhängigkeit erstreckt sich auch auf Rohstoffe und Naturressourcen. Fakt ist: Wir in Europa könnten unsere Produktion nicht autonom aufrecht erhalten.

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2. "5G ist Herausforderung, die uns alle betrifft"
3. Distribution gut gerüstet für das neue Jahrzehnt

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