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Elektromobilität in der EU

Wo steht Deutschland mit den Ladesäulen?

29. Juni 2021, 17:23 Uhr   |  Ute Häußler

Wo steht Deutschland mit den Ladesäulen?
© Stockwerk-Fotodesign/stock.adobe.de

Elektromobilität

Adé Reichweitenangst? Deutschland erreicht 2020 mit 44.538 Ladepunkten EU-weit den dritten Platz. Doch reicht das? Für den Autofahrer ist bei leerer Batterie der nächste Ladepunkt im Umkreis wichtig. Die Elektronik automotive hat nachgerechnet, wo Deutschland steht.

Die viel gerühmte Reichenweitenangst sollte in Europa längst kein Thema mehr sein. Die Zahl der neuzugelassenen Elektroautos steigt von Quartal zu Quartal, vor vielen Supermärkten sind mittlerweile Ladesäulen zu finden, Wallboxen sind quasi Lifestyle-Konsumartikel geworden. Was bleibt also übrig von der Angst, nicht ans Ziel zu kommen?

Der Verband der europäischen Autobauer ACEA und der Verband der deutschen Autonindustrie VDA haben einen Blick auf die reinen Zahlen geworfen und kommen zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen. Doch was zählt für die Autofahrer?

Der ACEA stellt zunächst ein großes Ungleichgewicht fest; es befinden sich 70 Prozent aller europäischen Ladepunkte auf nur 23 Prozent des Flächenanteils. Das führende Dreigestirn bilden die Niederlande auf Platz 1 mit 66.665 Ladepunkten, gefolgt von Frankreich mit 45.571 und Deutschland mit 44.538 Ladepunkten (Stand 2020). Deutschland verfügt damit über rund 20% aller europäischen Ladesäulen. Und danach folgt lange nichts.

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© ACEA

Verteilung der Ladesäulen über die EU-Länder

Schwächere EU-Staaten scheinen abgehängt

Den vierten Platz nimmt weit abgeschlagen Italien mit 13.073 Ladepunkten ein, was nur 5,8 Prozent Anteil in Europa entspricht. Schlusslichter der 31 Plätze umfassenden Liste sind Zypern (70), Malta (96) und Litauen (174) - selbst Rumänien, ein sechs Mal so großes Land wie die Niederlande verfügt nur über 493 Ladepunkte, was einem 0,2 Prozent kleinen Anteil entspricht. Dieses Mißverhältnis verdeutlicht, wie asymmetrisch die Verteilung der Ladegeräte ist.

Der zweigeteilte Ausbau der Infrastruktur entwickelt sich zwischen reicheren EU-Mitgliedsstaaten in Westeuropa und Ländern mit einem niedrigeren Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Ost-, Mittel- und Südeuropa. Länder mit einer beträchtlichen Landmasse, aber einem niedrigeren BIP, wie Polen (0,8 % der EU-Ladegeräte) und Spanien (3,3 %), scheinen ins Hintertreffen zu geraten, warnt der ACEA und fordert sofortige und die Balance herstellende Investitionen.

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© VDA

Anzahl Ladesäulen pro PKW im europäischen Vergleich.

Wieviele Ladesäulen gibt es pro PKW?

Eine andere Perspektive auf die gleichen Zahlen, allerdings schon Stand Q1 / 2021, hat der VDA eingenommen, dessen Auswertung setzt die Anzahl der Ladepunkte zu den zugelassenen PKW ins Verhältnis. »Je mehr öffentliche Ladepunkte es gibt, desto attraktiver ist es für den Verbraucher, auf Elektroantrieb umzusteigen,« teilt der Verband mit. Auch mit dieser Betrachtungsweise steht die Niderland ganz oben auf dem Ladeinfratstrukturstreppchen, dort gibt es einen Ladepunkt pro 109 Autos.

Auf den Plätzen 2 und 3 liegen Norwegen und Schweden, selbst kleine Länder wie Luxemburg und Island landen mit 377 bzw. 551 Autos pro Ladesäule unter den Top 6. Im europäischen Durchschnitt inklusive Großbritannien sind es 887 Autos pro Ladepunkt. Hildegard Müller, Präsidentin des VDA, sagt dazu: »Eine europaweite Ladeinfrastruktur ist derzeit nicht vorhanden, der flächendeckende Ausbau liegt leider in weiter Ferne.« Deutschland liegt mit 1014 Autos pro Ladepunkt auf Platz 12 und deutlich unter dem europäischen Schnitt.

»Wenn die EU-Kommission überlegt, Neuwagen künftig nur noch mit Elektroantrieb zuzulassen, muss sie für ein flächendeckendes Ladenetz überall in Europa sorgen. Hierzu muss die EU-Kommission jetzt für alle Staaten verbindliche Ausbauziele festlegen. Dazu gehören Ladepunkte am Wohnort, am Arbeitsplatz, im Handel und auf öffentlichen Straßen,« so Müller weiter.

Was interessiert die Autofahrer?

Fahrer eines Elektroautos wollen möglichts bequem und schnell an ihr Ziel kommen, wie mit konventionell angetriebenen Fahrzeugen auch. Der alternative Antrieb soll im Alltag und auch auf Reisen möglichst keinen Unterschied machen oder verständlicherweise keinen Mehraufwand verursachen - sonst wäre ein Elektroauto keine echte Alternative. 

Wenn die Batterieanzeige noch 20 Kilometer anzeigt und den Fahrer eines Elektroautos offensiv auffordert, bald zu laden, ist es schlichtweg egal, auf welchem Platz Deutschland in der EU liegt oder wie hoch die Ladesäulendichte pro PKW ist. Was in diesem Moment zählt ist, dass im näheren Umkreis schnellstmöglich ein Ladepunkt angefahren werden kann und die Batterie wieder auf 100 % kommt. Der beste Indikator dafür ist die Anzahl der Ladepunkte pro Quadratkilometer. 

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© EK auto (uh)

Die Anzahl der Ladepunkte pro Quadratkilometer in Europa.

Auch in dieser Statistik führt die Niederlande weit und mit großen Abstand zu Luxemburg und Belgien. Mit fast 2 Ladepunkten pro Quadratkilometer stehen den Elektroautofahrern im orangen Nachbarland mehr als 15 Mal so viele Ladepunkte wie in Deutschland zur Verfügung. Das traditionelle Automobilland erreicht mit einer Anzahl von 0,13 Ladesäulen pro Quadratkilometer den siebten Platz im europäischen Vergleich.

Die Forderungen nach einem offensiveren Ausbau der Ladeinfratstruktur sind damit nicht nur in den schwächeren EU-Ländern mehr als gerechtfertigt. Allein wenn Deutschland den jetzigen Stand der Niederlande erreichen will, werden noch über 659.000 öffentliche Ladesäulen benötigt, um der Reichweitenangst den Garaus zu machen.

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