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Automatisierung aus dem App Store

Werden Maschinenbauer zu Software-Schmieden?

13. April 2021, 08:30 Uhr   |  Ute Häußler

Werden Maschinenbauer zu Software-Schmieden?
© Bosch Rexroth

»Maschinenbauer werden nicht morgen zu reinen Software-Schmieden, aber der Schwerpunkt ihrer Innovation wird sich dorthin verschieben«, erklärt Philipp Guth von Bosch Rexroth.

Maschinenbau goes digital: Software-Zentrierung ist mehr denn je einer der Automatisierungstrends 2021. Was bedeutet der neue Entwicklungsfokus für Automatisierer und wie können sie den Wandel aktiv gestalten und nutzen?

Bosch Rexroth verbindet mit der offenen ctrlX-Automation-Plattform die Automatisierungssteuerung mit nativer IT-Technik wie Software, Apps und IoT-Funktionen. Zur Hannover-Messe sprachen wir mit Philipp Guth, Leiter Business Unit Automation & Electrification Solutions bei Bosch Rexroth.

Markt&Technik: Herr Guth, welche Vorteile bringt der Software-Fokus für Automatisierer?

Philipp Guth, Bosch Rexroth: Gute, sichere und einfach zu bedienende Software entsteht auf IT-Seite, wie etwa die vielen Web-Anwendungen, die privat oder im Büro gar nicht mehr wegzudenken sind. Diese basieren auf anderen Programmierkonzepten, beispielsweise Mikro-Services und Apps. Was in unserem Alltag schon Normalität ist, war in der Automatisierungstechnik bisher nicht zugänglich – diese Brücke wollen wir auch auf der Steuerungsseite schlagen. CrtlX Automation bringt nahtlos in einem Gerät die Vorteile der OT (Anm. d. Red.: Operational Technology), also die Maschinensicherheit, den Determinismus und das Erzeugen von Bewegungen in der physischen Welt, mit den Vorteilen der IT zusammen. Im Bereich der IT geht es um Datensicherheit, Usability, die Administrierbarkeit von Endgeräten und Updates. Ein simples „Dranflanschen“ klappt hier nicht. Es funktioniert nur dann nahtlos, wenn der hybride Ansatz tief im Gerät und in der Architektur verankert ist – damit sind wir am Markt immer noch die Ersten.

Werden klassische Maschinenbauer oder Automatisierer also zu Software-Schmieden?

Der Trend geht in diese Richtung. Früher konnte eine etwas schnellere Maschine begeistern, heute sind solche Hardware Skills eine Basisanforderung. Eine Differenzierung im Stahl und Öl der Maschine wird immer schwieriger. Die Anforderungen der Kunden gehen in Richtung Konnektivität, ERP- und MES-Einbindung und Datenanalysen – das sind alles Software-Aspekte. Die Automatisierer wollen auch eigenes Software Know-how in die Steuerung einbringen. Dazu braucht es eine entsprechende Architektur, die diese IPs einbinden kann und welche Co-Creation – also Zusammenarbeit in einem Partnernetzwerk – ermöglicht und fördert. Wenige Maschinenbauer werden das gesamte benötigte Know-how bei sich verorten können, um eine vernetzte Maschine in der komplexen I4.0-Welt zu entwickeln. Maschinenbauer werden nicht morgen zu reinen Software-Schmieden, aber der Schwerpunkt ihrer Innovation wird sich dorthin verschieben.

Wie können mögliche Zukunftskonzepte für Fertigungskunden aussehen?

Der Betreiber der Maschine möchte das Gesamtgebilde seiner Produktion gut kontrollieren und optimieren. Im Up-Stream liefern möglicherweise AGVs (Automated Guided Vehicles, automatisierte Fahrzeuge) Material zu, im Mid-Stream wird verarbeitet und im Down-Stream wird verpackt und entsorgt. Die gesamte Kette muss und wird noch viel stärker orchestriert und damit automatisiert. Der Endbetreiber muss sich Konzepte überlegen, die ihn einzigartiger und produktiver als seine Mitbewerber machen.

Der Maschinenbauer selbst zehrt eher davon, Technologien geschickt zu kombinieren. Beispielsweise indem er mit der Nutzung von vorhandenen Bausteinen seine Engineering-Kosten klein hält und diese schnell und einfach einbindet. Sein Wettbewerbsvorteil ist neben reduzierten Entwicklungskosten vor allem eine verkürzte Time to Market.

Was raten Sie Kunden, die den Großteil der Automatisierung noch vor sich haben?

Automation ist mehr denn je eine Herausforderung über mehrere Einzeldisziplinen hinweg. Es wird nicht mehr den einen Zulieferer für das Gesamtpaket „smarte Fabrik“ geben. Eine offene Automatisierungsplattform, die Mikro-Services nach Bedarf aufnimmt und mit der eine Zusammenarbeit über mehrere Partner und Disziplinen möglich ist, ist essenziell für eine langfristige und mitwachsende Lösung. Für die ersten Schritte hilft ein erfahrener Partner wie Bosch Rexroth.

Im zweiten Schritt müssen die Firmen ihr internes Wissen ausbauen und die richtigen Leute einstellen. Es gibt immer weniger fundiert ausgebildete Automatisierungsingenieure, aber durchaus einen großen Pool an Leuten, die sich mit IT, Software und digitalen Technologien auskennen. CtrlX Automation macht genau diesen IT-Fachkräften die Automatisierung zugänglich – spezifisches Know-how bleibt wichtig. Bei einigen unserer Kunden halten sich Soft- und Hardware-Entwickler bereits jetzt die Waage, langfristig könnte der Prozentsatz der Software-Profis auch in der Automatisierung auf bis zu 70 % steigen. IT-Fachkräfte anzuheuern ist schon jetzt eine Herausforderung.

Über den ctrlX Automation App Store können Kunden und Drittpartner direkt zusammenarbeiten. In welcher Rolle sieht sich Bosch Rexroth als Anbieter, Partner und Mittler?

Wir stellen eine grundsolide Automatisierungsplattform zur Verfügung, vor allem aber ein Framework, auf dem sich andere integrieren können. Bosch Rexroth wird immer Basisfunktionen wie Motion-Kompetenz, zyklische Abarbeitung, das ctrlX-Core-Betriebssystem und Konnektivität bereitstellen. Auch Branchenspezifika nehmen einen wichtigen Platz ein. Doch all die Technologien und Anbieter, die im Automatisierungskonzert eine Rolle spielen, werden wir niemals selbst abdecken können. Möchte ein Kunde jedoch eine spezifische Technik, etwa eine Lichtfeldkamera, in seine smarte Fabrik einbinden, haben wir mit etwa HD Vision den richtigen Partner. Er kann via Standard-Schnittstelle und ohne Integrationsaufwand direkt vom Kunden angebunden werden. Wir lassen außerdem Wettbewerb zu, nicht nur zwischen den Partnern, sondern auch zu uns selbst – nur so ist der offene Ansatz glaubwürdig. Das ist ein aktiver Prozess, wir lernen jeden Tag dazu und die Plattform entwickelt sich stetig weiter. In Summe heben wir mit dem offenen Plattformansatz die Produktivität der Entwicklung. Ebenso senken wir für Maschinenbauer die Engineering-Kosten allein dadurch, dass neue Funktionen mit ein paar Mausklicks erreichbar sind.

ctrlX Automation ist kurz vor der weltweiten Pandemie an den Start gegangen. Wie hat die Corona-Pandemie die Nachfrage verändert?

Das Thema Automatisierung hat nochmals an Dynamik gewonnen, weil man nicht mehr viele Menschen an vielen Stellen gleichzeitig in den Fabriken haben möchte. Fertigungsbetriebe müssen ihre Prozesse weiter digitalisieren, um ihre Produktionsabläufe effizient und die Lieferfähigkeit aufrecht zu erhalten. Das Thema Automatisierung erfährt gerade eine Sonderkonjunktur.

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