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Interview zur Kooperation Siemens IBM

MindSphere in lokalen Containern

09. April 2021, 10:29 Uhr   |  Ute Häußler

MindSphere in lokalen Containern
© IBM

Marilies Rumpold-Preining ist Director Red Hat Synergy bei IBM in der DACH-Region.

Siemens setzt für seine Industrie-4.0-Plattform MindSphere auf den offenen Hybrid-Cloud-Ansatz von IBM, der auf Red Hat OpenShift aufbaut. Das schafft neue Möglichkeiten für die Fertigung. Welche, erklärt Marilies Rumpold-Preining von IBM.

Markt & Technik: Frau Rumpold-Preining, welche Erwartungen knüpft IBM an die Partnerschaft mit Siemens MindSphere?

Marilies Rumpold-Preining, IBM: Zunächst einmal freuen wir uns sehr, dass wir mit Siemens MindSphere einen in IIoT und Industrie 4.0 sehr erfahrenen und angesehenen Partner gewinnen konnten. Wir versprechen uns von der MindSphere-Zusammenarbeit vor allem, dass die Kubernetes-Nutzung an Breite gewinnt.

Umgekehrt können auch Industriekunden, welche heute schon die Container-Technik und Mind­Sphere nutzen, nun mit einer Private Cloud arbeiten. Die OpenShift-Plattform läuft on-premise, der Kunde kann seine I4.0-Anwendung auf lediglich einer Plattform betreiben. Für bestehende MindSphere-Kunden hilft die sehr flexible lokale Verarbeitung gegen Latenzprobleme. Bei großen Datenmengen können sogar Kostenvorteile entstehen, wenn mit einer bestehenden internen Infrastruktur nicht alle Daten in die Cloud geschickt werden müssen.

Jene Kunden, die MindSphere bisher nicht nutzten, weil sie ihre Fabrik- und Maschinendaten nicht in die Public Cloud stellen wollten, haben jetzt die Möglichkeit, mit derselben Funktion und Flexibilität auf Container in einer Private Cloud zu setzen. Das ist der Punkt, von dem wir und Siemens uns vor allem im deutschen Mittelstand mit eigenen IT-Umgebungen eine erhöhte Akzeptanz und eine breitere Nutzung versprechen.

IBM unterhält aktuell 65 Hybrid-Cloud-Partnerschaften und ist bei Gaia X an Bord.

Wir arbeiten für ähnliche Branchenlösungen mit anderen Partnern zusammen, etwa in der Versicherungswirtschaft. In der Gaia-X-Partnerschaft ist IBM selbst, aber auch über Red Hat mit der Open-Shift-Technik eingebunden. Kubernetes-Container auf einer Edge-Plattform laufen zu lassen gibt Kunden die Möglichkeit, verschiedene Anwendungen wie Siemens MindSphere flexibel zu implementieren und einzusetzen. Gerade was MindSphere im IIoT-Umfeld betrifft, ist das besonders interessant, weil in einer automatisierten Fabrik riesige Datenmengen mit entsprechenden Latenzzeiten entstehen. Sollen die großen Datenmengen zur Analyse überhaupt alle in die Cloud gehen oder interessieren nur ausgewählte Ergebnisse? In dem Fall kann die Analyse jetzt direkt am Edge in der Fabrik stattfinden.

Haben Sie praktische Beispiele, welche erweiterten Einsatzmöglichkeiten durch die Kooperation für MindSphere-Kunden entstehen?

Siemens hat MindSphere bisher in verschiedene Public Clouds eingebunden. Der Edge-Einsatz von Kundendaten inklusive Hardware und IT in der Fabrik war nicht möglich. Mit der Anbindung an IBM und Red Hat und damit OpenShift sind die Daten jetzt zusätzlich auf einer Private Cloud vor Ort nutzbar, sie können lokal vorverarbeitet und selektiert werden. Machine Learning ist ein gutes Beispiel, dort fallen sehr große Datenmengen an, die nicht per Cloud geteilt, sondern lediglich lokal benötigt werden. Hier kann eine Private Cloud Informationen schneller am Edge verarbeiten und zur Verfügung zu stellen. Im zweiten Schritt hilft die Cloud-Anbindung, selektierte Daten mit anderen Systemen zu verknüpfen oder über verschiedene Entitäten zu vergleichen.
Zusätzlich sind Kunden nicht auf einen Cloud-Anbieter festgelegt, sondern können ihre Daten dort hosten, wo es ihnen technisch am besten passt, am günstigsten ist oder am sichersten erscheint. Dem Kunden ist völlig freigestellt, ob er in einer Public Cloud, in einer Private Cloud oder einer kombinierten Form arbeitet. Beispielsweise könnten kleinere Werke oder Fabriken direkt an eine Public Cloud angebunden werden, bei größeren Fabriken könnte MindSphere in einer zwischengeschalteten Private Cloud mit anderen Funktionen und Systemen außen herum laufen. Der Vorteil der OpenShift-Technik mit MindSphere offenbart sich vor allem Unternehmen, die starkem Wandel unterliegen. Mit Kubernetes läuft die I4.0-Anwendung auf einer standardisierten Container-Plattform. Sie ist quasi auf Knopfdruck auf weitere oder neue Standorte übertragbar oder skalierbar – selbst wenn sie bisher noch nicht in ein I4.0-Projekt eingebunden waren.

Das passiert ohne große Installation oder Programmierung über zusätzliche Knoten, die überwacht und um Datenverarbeitung erweitert werden. Die Container-Umgebung lässt sich über API-Schnittstellen sehr leicht an MindSphere andocken, auch der Datentransport und das Einspielen von Analyseergebnissen in ein SAP-System oder eigene Software funktioniert einfach und flexibel. Melden beispielsweise Sensoren ein Temperaturproblem in der Fabrik oder Erschütterungen an Maschinen, kann die Information über MindSphere hinaus in weiteren Systemen eingebunden sein.

Wie steht es um die Cybersecurity bei der Anbindung von Mind­Sphere an das IBM-Universum?

Abgesehen von grundlegenden Security-Anforderungen können MindSphere-Kunden mit der neuen Partnerschaft deutlich einfacher auf eine moderne I4.0-Cloud umsteigen. Sie müssen nicht mehr zwingend gleichzeitig in eine Public Cloud mit deren potenziellen Risiken gehen. MindSphere kann jetzt lokal betrieben werden, ohne zusätzlichen Sicherheitsaufwand. Sollte ein Public-Cloud-Provider gehackt werden, ist das immer noch eine andere Nummer, als wenn Firmendaten hinter einer Firewall im eigenen IT-System liegen. Viele Industrieunternehmen in Deutschland legen Wert darauf, ihre Daten lokal direkt an der Maschine oder zumindest per Edge Computing in der Fabrik zu verarbeiten. Diese Kunden können ihre Daten weiter vor Ort und ohne Latenzzeiten verarbeiten sowie on top die Vorteile einer Cloud-Vernetzung und Container-Infrastruktur nutzen. Das Deployment und das Anzapfen der Daten über verschiedene Standorte wird deutlich flexibler, ohne dabei den Schritt in die Public Cloud gehen zu müssen.

Wie verändert sich die Cloud-Edge-Integration für Industriekunden durch den kürzlich vorgestellten IBM Cloud Satellite?

Unsere Datenbanken und zugehörige Dienste waren bisher lediglich über die IBM Public Cloud verfügbar. Mit Satellite können Kunden jetzt ihre eigenen kleinen Private-Cloud-Inseln mit denselben Funktionen aufbauen, am Edge an einem beliebigen Standort. Damit können auch Kunden in der Schweiz IBM-Cloud-Dienste nutzen und ihre Daten im Land behalten. Auch in Gegenden mit schwacher Anbindung oder entsprechender Latenz kann Satellite die gewünschten Funktionen lokal anbieten. OpenShift läuft standardmäßig auf Satellite, dementsprechend kann ebenso Siemens MindSphere sowohl über die Public Cloud wie auch über Satellite in einer Private-Umgebung laufen. Wer also aus rechtlichen oder unternehmenspolitischen Gründen seine Daten nicht aus der Firma, dem Land oder einer bestimmten Umgang herausgeben möchte, muss das nicht mehr.

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