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Interview mit Merck

»In diesem Segment geht zukünftig die Post ab«


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

liviFlex

Geht es Ihnen mit liviFlex darum, ganz neue Anwendungen zu ermöglichen?

Heckmeier: Nein, zumindest nicht kurzfristig. Mit den Materialien adressieren wir zuerst die Nachteile, die bei der ersten Generation von falt- und rollbaren Anwendungen auftauchen, also Dicke, Härte für ausreichenden Kratzschutz und langlebige Verkapselung auch unter mechanischer Belastung. Mit der Technik können auf längere Sicht aber ganz neue Anwendungen ermöglicht werden, z.B. Freiform-Displays im Fahrzeug. Dort gibt es ja heute kaum mehr eine plane, rechteckige Fläche, und Interieurdesigner wünschen sich schon lange Freiform-Displays.

Der Wechsel auf ein neues OLED-Material ist immer aufwändig für den Display-Hersteller. Warum sehen Sie das nicht als großes Hindernis für ihre Kunden?

Schroth: Zum einen, weil das Material sehr viele Vorteile gegenüber dem Wettbewerb bietet, und zum anderen, weil wir hier ein ganz neues Anwendungsfeld bedienen, für das die Herstellungsprozesse noch nicht festgelegt und eingespielt sind. Ein Materialwechsel ist in der aktuellen Phase, in der Hersteller viel ausprobieren und nach neuen Ansätzen suchen, noch sehr gut möglich. Gerade für Spieler wie uns ist jetzt ein sehr guter Zeitpunkt, um den Markt zu adressieren. Und man muss auch sehen, dass nicht jeder Hersteller gleich produziert. Der eine nimmt z.B. eine weichere kratzfeste Schicht in Kauf, wenn er dafür dünnere Schichten fertigen kann, was je nach Design des Produkts für andere Hersteller nicht infrage kommt.

Relevante Anbieter

Schroth_Dieter
Dieter Schroth, Senior Director für Displays und Smart Antenna innerhalb der Geschäftseinheit Display Solutions: »Wir suchen bei einer Display-Anwendung nach den funktionsentscheidenden Problemen und entwickeln bzw. optimieren dafür Materialien.«  
© Merck

Wir haben bisher ausschließlich über flexible OLED-Displays gesprochen, aber es gibt auch Bestrebungen, die Flexibilität mit den bewährten Flüssigkristall-Displays umzusetzen. Wie schauen Sie auf diesen Ansatz?

Heckmeier: Aus meiner Zeit in der Flüssigkristall-Forschung erinnere ich mich noch gut, dass flexible LCDs schon lange der große Traum der Forschungsabteilungen waren. Und es gab auch erste Produktentwicklungen. Zum Durchbruch hat es aber nicht gereicht, und das hat unter anderem damit zu tun, dass es sehr schwer ist zu verhindern, dass sich beim Biegen und Falten die Dicke der Flüssigkristallschicht ändert. Das ist für den Anwender direkt in der Bilddarstellung sichtbar und für Produktentwickler nicht tragbar. Ein zweiter Aspekt bei LCDs ist, dass auch das Backlight flexibel sein muss. Daher haben viele Hersteller auf OLED umgeschwenkt, sodass sich die Forschungsaktivitäten bei flexiblen Displays fast ausschließlich auf OLEDs konzentrieren.

Die OLED-Materialforschung ist im Geschäftsbereich Display Solutions angesiedelt, das im Q1 2021 um organisch 7,1 Prozent Umsatz eingebüßt hat. Wie passt das mit der massiven Nachfrage für flexible OLEDs zusammen?

Heckmeier: Das liegt an mehreren Faktoren. Die minus 7,1 % sind der Vergleich mit einem starken Vorjahresquartal, aber zu einem noch größeren Teil erklärt sich die Entwicklung daraus, dass der Bereich Display Solutions aus drei Teilbereichen besteht: Flüssigkristalle, OLED-Material und Material für Fotolithografie. Der Bereich OLED wächst tatsächlich sehr stark, und das haben wir auch im Umsatz des ersten Quartals gesehen. Das immer noch deutlich größere Geschäft mit Flüssigkristallen ist jedoch aufgrund von Preisdruck bei den LCDs und auch aufgrund von neuen Anbietern, die um Marktanteile kämpfen, rückläufig. Dies stellt für uns aber keine Überraschung dar. Wir beschreiben diese Entwicklung schon seit einigen Jahren.
Schroth: Deshalb haben wir uns strategisch auch so aufgestellt, dass wir unabhängiger vom LCD-Geschäft werden.

So haben wir auch neue Anwendungen der Flüssigkristall-Technologie wie smarte Fenster und smarte Antennen auf den Markt gebracht. Diese Bereiche sind keine klassischen Display-Segmente, aber in Summe helfen sie, den Rückgang aus dem LCD-Geschäft teilweise zu kompensieren. Ein wichtiger anderer Wachstumsbereich bei Electronics liegt im Bereich der Halbleitermaterialien. Daher können wir bei Electronics auch in Summe mit einem attraktiven Wachstum planen.

Transformation bei Merck Electronics
Mit dem Geschäftsbereich Electronics bedient Merck die Marktsegmente Halbleiter- und Display-Lösungen als Materialzulieferer. 2018 wurde als Reaktion auf das rückläufige Geschäft mit LCDs das Transformationsprogramm „Bright Future“ gestartet, mit dem sich der Geschäftsbereich stärker auf zukunftsfähige Elektronikmaterialien ausrichtet. Rund drei Jahre nach Beginn des Transferprogramms sieht sich der Konzern auf einem guten Weg. Neben dem Segment Flüssigkristalle für Dispalys, auf dem Merck nach wie vor Weltmarktführer ist, bedient Electronics neue Wachstumsmärkte, mit denen man das rückläufige LCD-Geschäft nach Ansicht von Merck mehr als kompensieren könne.

Zu den Wachstumsmärkten gehören OLED-Materialien, Display-Strukturierungsmaterialien und neue Anwendungen für die Flüssigkristall-Technik, u.a. in intelligenten Antennen und zur Steuerung der Lichttransparenz in Fenstern. Der größte Wachstumstreiber für den Bereich Electronics ist die Geschäftseinheit Semiconductor Solutions, die auch den meisten Umsatz generiert. Hier werden Materialien, Zuführsysteme und Dienstleistungen für die Halbleiterindustrie entwickelt. Als Ziel für den gesamten Unternehmensbereich Electronics hat sich Merck ein Umsatzwachstum gesteckt, das deutlich über dem Durchschnitt der Spezialchemie-Branche liegt.


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