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Manuel Tagliavini, Omdia zu MEMS

»Das erste Halbjahr 2020 war wirklich herausfordernd«

30. April 2021, 11:23 Uhr   |  Engelbert Hopf

»Das erste Halbjahr 2020 war wirklich herausfordernd«
© Omdia

Manuel Tagliavini, Omdia: »Covid-19 veränderte 2020 die üblichen Kauf- und Lagerzyklen der MEMS-Branche. Consumer Electronics und Automotive wählten dabei verschiedene Vorgehensweisen.«

Steigende Lieferzeiten und Preise? Für die MEMS-Branche Thema vor einem Jahr. Inzwischen ist Normalität eingekehrt, so Manuel Tagliavini, Senior Associate und Principal Analyst MEMS & Sensors bei Omdia.

Markt&Technik: Welche Auswirkungen hatte die Covid-19-Pandemie 2020 auf die Entwicklung des weltweiten MEMS-Marktes? Welche Marktsegmente waren besonders betroffen?

Manuel Tagliavini: Covid-19 hat 2020 vor allem die üblichen Kauf- und Lagerzyklen verändert. Im ersten Quartal erhöhten die Unternehmen im Verbrauchermarkt den üblichen Bestand an Komponenten, aus Sorge über mögliche zukünftige Unterbrechungen in der Lieferkette. Andere Märkte, wie der Automobilsektor, entschieden sich, die Wiederaufstockung der Komponenten zu verschieben, da für sie eine schwächere Fahrzeugnachfrage absehbar war.

Welche Konsequenzen ergaben sich aus diesen unterschiedlichen Handlungsweisen?

Das Automotive-Segment sah sich im zweiten und teilweise auch im dritten Quartal 2020 mit einem Rückgang konfrontiert, während die Erholung der MEMS-Nachfrage auf Hochtouren lief und nicht ausreichte, um die Nachfrage zu decken. Für die Unterhaltungselektronik wiederum hatten die weltweit ergriffenen Abschottungsmaßnahmen interessante positive Auswirkungen: Endprodukte, die zuvor stagnierten, bekamen dank intelligentem Arbeiten, Fernlernen und allgemein mehr zu Hause verbrachter Zeit eine neue Zugkraft. Beispiele sind Laptops, Tablets, Fernseher, Spielkonsolen, Headsets, Smart Speaker.

Wie sahen die Auswirkungen in den anderen Anwendungsbereichen aus?

In den Segmenten Medizin und Industrie war der Beginn einer Beschleunigung erweiterter Anwendungen zu beobachten: Es wird erwartet, dass vernetzte medizinische Geräte in den nächsten fünf Jahren an Bedeutung gewinnen, während die Verbrauchermedizin mit billigen Geräten wie Blutsättigungsmessern zur Covid-19-Früherkennung,einen vorübergehenden Nutzen hatte. Industrielle Sensoren werden in den nächsten fünf Jahren die Ergebnisse dessen zeigen, was im Jahr 2020 ausgelöst wurde: Es werden mehr MEMS und Sensoren benötigt, um die jüngst gewachsenen Anforderungen an Nachhaltigkeit zu erfüllen.

Ab dem zweiten Halbjahr 2020 hat sich gerade der Markt der Konsumelektronik massiv erholt. Gibt es bedingt dadurch Gewinner auf dem MEMS-Markt im Krisenjahr 2020?

Wir konnten eine weitere Konsolidierung der Top-5-Lieferanten feststellen, wobei Unternehmen wie ST von einem Portfolio an Komponenten profitieren, das mit einem ausgewogenen Ansatz die verschiedenen Marktsegmente abdeckt. Andere wie Infineon profitieren von der positiven Entwicklung der MEMS-Mikrofone in Ohrhörern und anderen Anwendungen. Die Nachfrage ist stark und es gibt Chancen auch für kleinere Unternehmen, besonders in letzter Zeit mit der Knappheit, die die Halbleiterindustrie betroffen hat.

Weltweit gibt es seit Monaten Lieferengpässe im Halbleiterbereich mit der Konsequenz steigender Lieferzeiten und Preise. Gilt das auch für den MEMS-Markt?

Omdia ist der Ansicht, dass die jüngsten Lieferengpässe in der Halbleiterindustrie hauptsächlich durch andere Komponenten und nicht speziell durch MEMS verursacht wurden. Die größte Herausforderung bestand darin, die gestiegene Nachfrage in der ersten Hälfte des Jahres 2020 zu befriedigen, als die Käufer von MEMS und Sensoren die angeforderten Mengen erhöhten, um mögliche zukünftige Störungen in ihren Produktionsabläufen zu begrenzen. Infolgedessen blieb der Preistrend für einen begrenzten Zeitraum wertstabil oder leicht ansteigend, jedoch mit begrenzten Veränderungen im Vergleich zu normalen Jahren.

Omdia geht von einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von 2,1 Prozent bis 2024 aus. Beinhaltet das den Umsatzrückgang von 8,7 Prozent 2020?

Ja, unsere Prognose beinhaltet bereits diesen Rückgang. Hätten wir ihn nicht berücksichtigt, würde die erwartete Wachstumsrate sogar noch höher ausfallen. Aber wir bevorzugen bei unserer Schätzung einen konservativen Ansatz für die begrenzte Sichtbarkeit der Dauer der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie.

Beim Blick auf die Top 10 der MEMS-Branche – hatte das Krisenjahr 2020 Auswirkungen? Wer ist abgerutscht, gab es eventuell auch Aufsteiger?

Das offizielle Update zu den Marktanteilen wird im Mai verfügbar sein, aber wir können schon jetzt vorwegnehmen, dass wir eine starke Konsolidierung der Hauptakteure erwarten, die in den vergangenen Jahren ihren Kundenstamm und ihr Produktangebot diversifiziert haben. Stattdessen sind andere Anbieter, deren Geschäft stärker von wenigen Kunden oder einem Nischenmarkt abhängig ist, in diesen turbulenten Zeiten stärker gefährdet.

Wie bereits erwähnt, sank das Umsatzvolumen 2020 um 8,7 Prozent. Gehen Sie davon aus, dass es bereits 2021 wieder über dem des Jahres 2019 liegen wird?

Wir erwarten spätestens in der ersten Hälfte des Jahres 2022 das gleiche Niveau wie 2019. Getrieben wird diese Entwicklung durch Makrotrends wie nachhaltige Mobilität, geringe Auswirkungen der Fertigung auf die Umwelt, Migration der Infrastruktur zu 5G, um nur einige zu nennen.

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