Corona - Zeit für Weiterbildung? »Vielleicht sogar ein zusätzliches Geschäftsfeld«

Frank Schabel, Hays AG.
Frank Schabel, Hays AG: "Lebenslanges Lernen ist zwar längst ein geflügeltes Wort, aber es gibt großen Nachholbedarf in den Unternehmen".

Wenn Lieferketten zerbröseln und Teile für die Produktion fehlen, wenn Entscheidungen und Budgets auf ein später verschoben werden, dann müssen sich Führungskräfte Alternativen überlegen. Eine davon heißt Weiterbildung.

Bei Glaub Automation und Engineering in Salzgitter etwa haben alle 66 Mitarbeiter in den vergangenen zwei Monaten teamweise im Workshop „Gefährdungsbeurteilung“ zusammen mit einem externen Coach Aktionspläne entwickelt. Es ging vor allem darum, wie sie künftig ihren Arbeitsalltag stressfreier gestalten können. So befindet sich das Büro des Qualitätsmanagers jetzt an einem zentraleren Ort, so dass alle Beteiligten direkter miteinander kommunizieren können. Trotz oder wegen Corona: „Einige Bereiche sind weiterhin gut ausgelastet“, berichtet Geschäftsführerin Andrea Glaub, „doch andere verzeichnen einen Umsatzrückgang zwischen 30 und 50 Prozent“. 

„Uns war wichtig, dass wir die machbaren Vorschläge schnell umsetzen“, erzählt die 42-jährige Diplom-Betriebswirtin, die zusammen mit ihrer Schwester Claudia und ihrem Mann Niko den Familienbetrieb führt. Fortsetzungen des Workshops sind geplant: Einerseits soll geprüft werden, ob die umgesetzten Maßnahmen tatsächlich eine Verbesserung sind. Anderseits soll dieser Prozess weiterlaufen. „Uns liegt an guten Arbeitsbedingungen und dass die Mitarbeiter an der Entwicklung beteiligt sind“, so die Verantwortliche für Marketing, Vertrieb und Qualitätsmanagement.

Glaub denkt aktuell voraus und setzt auf seine Kompetenz als Automationsspezialist. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Unternehmen in den kommenden Monaten Mitarbeiter entlassen werden“, sagt Andrea Glaub. Es werde dann vor allem das gering qualifizierte Personal treffen.

Deshalb hat das Unternehmen in den vergangenen Wochen ein Qualifizierungskonzept erstellt. Zum einen für Produktionshelfer, die mit Robotik und Automatisation bisher überhaupt nichts zu tun hatten. Denen sollen dann in mehrstündigen bis mehrtägigen Veranstaltungen die Grundbegriffe und ein erstes Praxistraining vermittelt werden. „Das werden wir mit einem Bildungsträger umsetzen“, freut sich die Geschäftsführerin.

Zum anderen will Glaub künftig anderen Unternehmen Weiterbildungen für ihre Fachkräfte in puncto Robotik anbieten, die ganz gezielt auf deren Bedürfnisse eingeht. „Wenn das funktioniert, entwickeln wir mit Weiterbildung gerade ein zusätzliches Geschäftsfeld“. 

Laut HR-Report, den das Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) Anfang des Jahres im Auftrag der Hays AG erstellt hat, bewerten Führungskräfte und Mitarbeiter die Relevanz von Weiterbildung unterschiedlich hoch: Auf einer Skala bis 100 liegen die Führungskräfte bei 77, die Angestellten dagegen nur bei 59. Im Gegensatz dazu liegt die Verantwortung für lebenslanges Lernen laut den knapp 1000 Befragten direkt bei den Mitarbeitern (61 Prozent) und nur jeder Fünfte sieht sie bei den Führungskräften.

Die entscheiden allerdings vor allem über die finanziellen Mittel fürs Lernen. „Lebenslanges Lernen ist zwar längst ein geflügeltes Wort, aber es gibt großen Nachholbedarf in den Unternehmen“, urteilt Frank Schabel. Der Hays-Kommunikationschef findet, wenn Teams immer agiler und autonomer handeln, müsse dies auch für deren Weiterbildung gelten: „Mehr Freiraum für Mitarbeiter und weniger Bürokratie machen die Unternehmen zielgerichteter und schneller“. Immerhin gewährt bereits jedes achte Unternehmen seinen Mitarbeitern ein eigenes Lernbudget. 

So weit geht der IT-Dienstleister Easysoft nicht, dort entscheiden ganz traditionell die Führungskräfte über die Weiterbildung. Allerdings kann sich Geschäftsführer Andreas Nau nur an wenige Ablehnungen von Bildungswünschen erinnern: „Wenn es plausibel ist, genehmigen wir das unbürokratisch“. Dazu übernimmt der Entwickler von Ausbildungs- und PE-Software sämtliche Kosten inklusive Anfahrt und Hotel. „Uns ist wichtig, dass alle mal aus dem Unternehmen rauskommen und wir uns Impulse von außen holen“, hebt er eine Motivation für die externe Weiterbildung hervor. 

Gerade in der dynamischen und komplexen Industrie leben Unternehmen von der Kreativität besonders ihrer Ingenieure und Entwickler. Gibt es neue Strategien oder Tools, sind schnell Webinare und ähnliche Angebote im Internet zu finden. Dagegen hinken Präsenzseminare zeitlich hinterher. Um ungestört an den neuen Themen zu arbeiten, können sich die Techniker von Easysoft in eines der sogenannten Focusbüros zurückziehen. Damit ist das Metzinger Unternehmen, wahrscheinlich die gesamte IT-Branche anderen Berufszweigen voraus, denn laut der Studie findet das Gros der Weiterbildung immer noch außer Hause in Seminaren und auf Tagungen statt (53 Prozent).

Immerhin nutzen mehr als ein Drittel der Befragten diverse Onlineangebote. Während neuere Lernformate wird Gamification, Virtual und Blended Learning kein Zehntel ausmachen. Allerdings prognostizieren die Studienteilnehmer, dass der Bildungsmarkt digitaler wird: Künftig werden Webinare (42 Prozent) und Lernvideos (36 Prozent) die Präsenzveranstaltungen (29 Prozent) ablösen. Diese Entwicklung wird durch das Corona-Virus sicherlich nochmals beschleunigt.