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»Wir brauchen mehr Menschen, die gut programmieren können«

02. Februar 2021, 11:42 Uhr   |  Dr. Stefan Sigg, Chief Product Officer und Mitglied des Vorstands der Software AG

»Wir brauchen mehr Menschen, die gut programmieren können«
© Software AG

Stefan Sigg, CPO Software AG.

Die akademische Praxis an den Hochschulen und damit die Ausbildung von InformatikerInnen entspreche nicht immer dem, »was wir in Unternehmen brauchen«, meint unser Autor. Angesichts des Mangels an Software-Entwicklern sei die Gefahr im Mittelstand groß, sich bei Technologie-Themen zu verzetteln. 

Wenn wir über den Fachkräftemangel in Deutschland sprechen, dann reden wir vor allem über den Mittelstand, der zu Recht als Rückgrat unserer Volkswirtschaft gilt und über 90 Prozent aller Betriebe in unserem Land stellt.

Der Mangel manifestiert sich auf vielen Ebenen, aber die IT-Berufe spielen dabei eine zentrale Rolle: EntwicklerInnen, ProjektleiterInnen, DatenspezialistInnen, IT-Pros. Spätestens in diesem pandemischen Jahr haben auch die Letzten gemerkt, wie wichtig Digitalisierung für die Business Continuity ist. Und die Versprechen der digitalen Technologien, die Zukunft zu gestalten, sind auch nach der Krise noch gültig. Innovation ohne digitale Technologien (= Software) sind praktisch nicht mehr denkbar.

Wir brauchen die IT-Profis, die sich mit Hard- und Software auskennen, die entwickeln und programmieren können und die Nutzung von IT auf allen Ebenen vorantreiben. Die meisten IT-SpezialistInnen kommen von den Hochschulen und Universitäten des Landes. Und auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass nur dort gute IT’ler ausgebildet werden, möchte ich doch eine Lanze für Informatik als Studienfach brechen: Ich halte es als Praktiker für notwendig, die Grundlagen der IT nach wissenschaftlichen Kriterien zu lernen.

Ausbildung von InformatikerInnen entspricht nicht immer den Anforderungen der Praxis

Allerdings entspricht die akademische Praxis an den Hochschulen und damit die Ausbildung von InformatikerInnen nicht immer dem, was wir in Unternehmen brauchen. Wir stellen bei der Software AG beinahe täglich InformatikerInnen ein, und darüber bekomme ich valide Einblicke in den akademischen Betrieb, in dem ich selbst über viele Jahre hinweg InformatikerInnen ausgebildet habe. 

Dort wird meiner Überzeugung nach zu viel Gewicht auf Metathemen gelegt, auf Modelle, Szenarien und Methoden. Das für die Arbeit guter EntwicklerInnen unverzichtbare Handwerkszeug, das Coden, aber auch die Entwicklung von Algorithmen und Datenstrukturen, hat oftmals nicht die beste Reputation. Dabei handelt es sich hier um einen sehr kreativen Akt, der daraus besteht, aus nichts etwas zu schaffen, nämlich eine funktionierende Software. 

Früher® 

Früher war nicht alles besser, aber es war vieles anders: Zu Anfangszeiten der Software AG, also in den frühen 70er Jahren, haben wir mit dem Adaptable Database System Adabas und der zugehörigen Programmiersprache Natural ein Produkt an unsere Kunden ausgeliefert, das aus einer Datenbank und einer Programmiersprache bestand. Die Anwendungen und damit die für sie maßgeschneiderten individuellen Lösungen haben unsere Kunden dann selbst entwickelt. Adabas & Natural gehören noch immer zu den wichtigsten Produkten unseres Hauses und bieten allen Kunden unseres Unternehmens die Option, die Software an ihre eigenen Bedürfnisse anzupassen. 

Erst vorproduziertes Essen, dann Fünf-Sterne-Menü?

Die Standardisierung von Software ist ein wichtiger Trend, weil sie zu einer Demokratisierung von IT führt: Groß- und mittelständische Unternehmen verwenden aus der Cloud dieselben Lösungen und begegnen sich damit auf Augenhöhe statt in einem hierarchisch streng gegliederten und auf Ewigkeit angelegten System. Und auch aus funktionaler Sicht benötigt nicht jedes Unternehmen und erst recht nicht jedes Anwendungsszenario selbst erstellte Applikationen. 

Andererseits beobachten wir seit einiger Zeit wieder eine große Renaissance von Eigenentwicklungen, insbesondere im Bereich IoT. Die Transformation von neu gewonnenen Daten (z.Bsp. über Sensorik) in Mehrwert-stiftende Services ist auf absehbare Zeit noch sehr industrie- und in den meisten Fällen sogar kundenspezifisch.

Der bekannte „Omnisoph“ Gunter Dueck, der früher unter anderem als Chief Technology Officer bei IBM Deutschland tätig war, hat das mal mit einem schönen Bild kommentiert: Das sei, wie wenn man in der Küche verlernt habe zu kochen und nur noch vorproduziertes Essen aus der Mikrowelle anbiete. Und wenn dann mal jemand käme, der sich ein Fünf-Sterne-Menü wünscht, dann stehe man ziemlich plötzlich ziemlich blank da. 

Einfachheit nützt nur, wenn sie auch Probleme löst. 

Standard-Software, die nicht mehr oder nur noch wenig programmiert werden muss deckt eben nicht jedes neue Anwendungsszenario ab. Der neu entdeckte (aber schon lange bekannte) Trend von Low/No-Code Umgebungen erleichtert das Entwickeln eigener Anwendungen, ist aber in seinen Möglichkeiten am Ende doch begrenzt. Wenn ich das Problem, das ich habe, mit Low- und No-Code-Anwendungen nicht lösen kann, dann nutzt mir diese Einfachheit nichts. 

Entgegen landläufiger Meinung sind auch datenbasierte Anwendungen nicht immer von der Stange erhältlich, zumal das exponentielle Wachstum von Daten aus den eigenen Produktionslinien und allen anderen Prozessen entlang der Wertschöpfungskette mit Prêt-à-porter-Programmen nicht wirklich angemessen abgedeckt wird. Und Algorithmen, die individuelle Datenbestände gewinnbringend analysieren, fallen auch nicht vom Himmel. 

Um diese Daten auswerten zu können, gibt es keine Standardlösung. Die letzte Meile, der Teil jeder Anwendung, bei der es um die unternehmensindividuellen Bedürfnisse an die Lösung geht, der wird auch in Zukunft immer eine Angelegenheit der Unternehmen selbst sein. Und je mehr vor allem Software im Wettbewerb den Unterschied macht, umso mehr gehört es zum unverzichtbaren Know-how von Unternehmen, diese Software anzufertigen. Für diese Anforderungen werden wir auch künftig SpezialistInnen brauchen.

Was ist aber dann mit den anderen Meilen – quasi von der ersten bis zur vorletzten? Hier sind gute Plattformen gefragt, die einerseits lösungsorientiert und andererseits flexibel sind, die einerseits Cloud-fähig und anderseits portabel sind, die schließlich einerseits einfach und anderseits skalierbar sind. Angesichts des Mangels an Software-Entwicklern scheint es nur logisch, hier möglichst nach wiederverwendbaren Komponenten auf dem Markt zu schauen. Die Gefahr sich bei reinen Technologie-Themen zu verzetteln ist groß. 

Herausforderung und Chance für die akademische Bildung

Das ist eine Herausforderung für InformatikerInnen an den Universitäten und Hochschulen, aber es ist auch eine große Chance: Wir brauchen mehr Menschen, die gut programmieren können, das zeigen viel Studien und Statistiken. Zuletzt hat der Wissenschaftsrat Anfang November darauf aufmerksam gemacht: Die Nachfrage nach InformatikerIinnen am Arbeitsmarkt sei immens, das Bildungswesen darauf noch nicht optimal ausgerichtet. 

Wir brauchen EntwicklerIinnen, um die vielen Hidden Champions unseres Landes, die fast ausnahmslos aus dem Mittelstand kommen, wettbewerbsfähig halten zu können. Und schließlich brauchen wir sie auch für den Standort Deutschlands als Ganzes, damit wir zukünftig nicht nur auf die hervorragend ausgebildeten EntwicklerInnen aus Osteuropa oder Asien angewiesen sind, sondern auch unseren eigenen akademischen Nachwuchs beschäftigen können.

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1. »Wir brauchen mehr Menschen, die gut programmieren können«
2. Coden lernen, aber wie?

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