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Markt&Technik »Role Model«

»Ich würde wieder die Stromversorgung wählen«

17. Mai 2021, 12:38 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Ich würde wieder die Stromversorgung wählen«
© Puls/Markt&Technik

Elisabeth Widmann, Projektkoordinateurin bei der Puls GmbH.

Elisabeth Widmann arbeitet seit über 25 Jahren bei Puls. Gestartet ist sie dort nach einer kaufmännischen Lehre in der Auftragsbearbeitung, dann packte sie mit viel Durchhaltevermögen den Sprung zur Ingenieurin. Warum empfiehlt sie jungen Frauen, es ihr gleich zu tun? 

»Ich bin als Spätberufene zur Technik gekommen. Als ich mit der Realschule im kaufmännischen Zweig fertig war, hatte ich erstmal gar keine Vorstellung davon, was es außer den damals üblichen Ausbildungsberufen für Frauen noch so geben könnte«, erzählt Elisabeth Widmann im Teams-Interview mit Markt&Technik. Und hat aus diesem Grund die kaufmännische Ausbildung gewählt, »Elektrotechnik stand da überhaupt nicht zur Wahl«. 

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Denn zum einen kannte Elisabeth Widmann keinen einzigen Ingenieur, schon gar keinen weiblichen.  Zum anderen wurden zu der Zeit Mädchen die technischen Berufe gar nicht empfohlen, »die gesellschaftliche Erwartung war damals noch eine ganz andere«, erzählt sie. Man sah Mädchen als Arzthelferin oder, »das war aber dann schon das Technischste«, als PTA im Labor. Oder eben im kaufmännischen Bereich, für den sie sich als 16-jährige Absolventin einer Mädchenklasse an einer staatl. Realschule letztlich entschied.  

»Als ich dann vor fast 26 Jahren bei Puls angefangen habe in der Auftragsbearbeitung, war die Welt der Technik dort für mich eine Art Erleuchtung«, sagt sie. Denn dort habe sie ihr Interesse an der Elektrotechnik entdeckt. »Ich wollte verstehen, wie es funktioniert, nicht nur am Rande mitbekommen.«

Sie fasste in der Elternzeit den Entschluss, ihren Diplomingenieur in Elektrotechnik per Fernstudium an der Hochschule Anhalt in Sachsen-Anhalt zu machen. »Das waren fünf lange, arbeitsintensive Jahre parallel zum Beruf«, erinnert sie sich. »Aber meine Kollegen haben sich darüber gefreut und mich unterstützt. Das motivierte mich sehr«.

Um die zeitliche Belastung familienbedingt zu reduzieren, wechselte sie aus der damaligen Elternzeit zurück in Teilzeit. Fortan setzte sie sich fünf Jahre lang jeden Tag nach der Arbeit noch an den Schreibtisch und lernte. Alle vier Wochen folgte am Wochenende in Präsenz an der Hochschule, pro Semester sogar eine ganze Woche. 
Was war ihr Erfolgsrezept, um durchzuhalten? »Ausdauer, und mein starker Wunsch«, erklärt sie. 

Mathe und Physik seien zwar auch in der Schule »meine besten Fächer« gewesen – aber dennoch habe es einzelne Professoren gegeben, die ihr das als Frau nicht so recht zutrauten. »Die meisten haben sich aber gefreut. Und den anderen wollte ich es beweisen.«

Was sie an ihrem Fachgebiet Stromversorgung schätzt: »Wir benutzen elektrische Energie so selbstverständlich im Alltag, allein an meinem Arbeitsplatz habe ich mindestens hier drei, vier Stromversorgungen. Aber man nimmt sie gar nicht mehr wahr, hält es für selbstverständlich, dass sie funktionieren und dass man sie benutzen kann.« Dabei sei das ein ganz weiter Bereich, den man bearbeite und kennenlerne: Neuentwicklungen auf der Bauteilebene, oder innovative Anwendungen auf der Kundenseite.

Stromversorgungen gebe es praktisch überall, von der Windkraftanlage (»Die dort produzierte Energie muss ja gesteuert und geregelt werden, die Flügel per Elektromotor eingestellt.«) über Logistikzentren, die gerade jetzt in der Pandemie, wo viel online bestellt wird, am Anschlag arbeiten. »Elektromotoren betreiben die Förderbänder per Stromversorgung, genauso wie Roboter in der Automobilproduktion.«

Die Herausforderung sei es, diese Stromversorgungen besonders effizient und langlebig zu entwickeln, ausgestattet mit einem hohen Wirkungsgrad und langer Lebensdauer. »Das senkt den Rohstoffverbrauch und späteren Elektroschrott. Und man kann die Kunden dabei unterstützen, ihren Energieverbrauch zu senken«.  

Und natürlich mache auch die Digitalisierung vor der Stromversorgung nicht halt, Beispiel Industrie 4.0. »Stromversorgungen müssen nicht mehr nur stabil und zuverlässig die Spannung liefern, sondern zum Beispiel auch Analysedaten. Es tut sich gerade ganz viel und geht immer weiter, wir bleiben nicht stehen. Uns erwarten immer ganz neue Herausforderungen von Kundenseite.« Sie würde aus diesem Grund als Ingenieurin »auch immer wieder die Stromversorgung wählen«. 

Tatsächlich finde sie auch mittelständische Arbeitgeber wie die Puls GmbH sehr reizvoll. Wegen der kurzen Entscheidungswege, der nachhaltigeren, nicht so getriebenen Arbeitsweise im Vergleich zu  Aktienkonzernen. »Ein Inhaber denkt einfach langfristiger als bis zum nächsten Quartalsbericht«.  

Wie würde sie die Stromversorgung einer jungen Abiturientin schmackhaft machen? 

Zum Beispiel mit Nachhaltigkeit: »Man hat es oft direkt in der Hand, Verbesserungen voranzutreiben. So gibt es ein paar Lieferanten, die bei uns gebannt sind, obwohl sie interessante Produkte hätten. Aber sie sind bei unserer Lieferantenqualifizierung durchgefallen. Asiatische Hersteller etwa, die sich nicht gegen Kinderarbeit stellen wollten, oder Standards bei Arbeitssicherheit oder Umweltschutz nicht einhalten. Da war unser QM-Chef dann auch konsequent.« Puls arbeite auch nicht für die Rüstungsindustrie, erzählt Widmann, auch das sei ein interner Standard. Obwohl diese gerade in München in Elektrotechnik stark vertreten sei. 

Ein persönliches Highlight sei die Entwicklung einer Stromversorgung für ein Beatmungsgerät gewesen, dass in der Pandemie in Rekordzeit, »es waren drei Monate«, entwickelt und auf Medizintechnikstandard zugelassen worden sei. »Die intensive Zusammenarbeit mit dem Zulassungslabor, um im Notfall helfen zu können - das war schon toll. Oder dass wir bei Kabeln auf PVC-frei umstellen, auch wenn es keine gesetzliche Norm ist, aber eben unserem internen Standard entspricht. Ihr Fazit: »Man kann in unserem Umfeld unmittelbar mithelfen, die Industrie nachhaltiger zu machen.«

Wie ging es als Frau in der Branche? 

»Im Vergleich zu meinem vorherigen Arbeitgeber, der in der eher konservativen Arzneimittelbranche zuhause war, war es von Anfang an komplett anders. Immer hat mir jeder geduldig alles erklärt und gezeigt, was ich wissen wollte, alle technischen Details. Obwohl ich ja damals noch keine technische Ausbildung hatte«, erinnert sie sich. Und auf Kundenseite? Einmal habe ein Kunde lieber „mit dem Kollegen“ reden wollen. »Aber das war wirklich die Ausnahme.«

Um mehr Frauen für die Branche zu gewinnen, sollten neben dem Girls’Day mehr Frauen als Vorbilder präsentiert werden. »Um zu sehen, dass es ganz normal ist, dass auch eine Frau einen Ingenieursberuf hat«, erklärt Widmann. »Wir müssen es schaffen, dass Ingenieur ein ebenso normaler Beruf für Frauen ist wie für Männer. Wichtig ist dabei auch immer zu bestätigen, »dass sie gut sind und dass sie es können. Und man darf auch ruhig von Mädchen etwas erwarten.« 

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