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Ingenieurarbeitsmarkt

»Ich beobachte seit Jahren ­Versäumnisse in der Ausbildung«

08. Juli 2021, 13:07 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Ich beobachte seit Jahren ­Versäumnisse in der Ausbildung«
© Dekra Akademie

Dr. Peter Littig ist bildungspolitischer Berater der Geschäftsführung bei der Dekra Akademie.

Dr. Peter Littig ist Mathematiker, Bildungswissenschaftler und bildungspolitischer Berater der Geschäftsführung der Dekra-Akademie. Wie beurteilt er den Ingenieurarbeitsmarkt und die Situation an den Hochschulen? Wo sieht er Veränderungsbedarf? 

Herr Dr. Littig, wie beurteilen Sie die Lage am Ingenieurarbeitsmarkt, treten Recruiter noch auf die Bremse? Wie sehen die kommenden Monate aus?
Dr. Peter Littig: Als nicht ganz frei von Spannungen. Zumal die Ingenieure im Berufe-Ranking ja nicht erst in der Corona-Zeit, sondern schon vorher einen Rückgang zu verzeichnen hatten. Die Tendenz besteht also schon länger. Stärker bei den Maschinenbauern, weniger bei den Bauingenieuren. Die Elektroingenieure liegen irgendwo dazwischen. Diese angespannte Lage deckt sich mit anderen Aussagen wie etwa mit dem VDI-Ingenieurmonitor von März dieses Jahres; auch hier ist eine negative Tendenz seit etwa dem drittem, vierten Quartal letzten Jahres ersichtlich. Aber eben auch ein Hoffnungsschimmer: Gerade der Elektroingenieurbereich wird sich sicher auch wieder mehr nach vorne bewegen, der Einbruch eher temporärer Natur sein. Wobei wir die demografische Entwicklung beachten müssen: Es könnte passieren, dass wir sogar viel zu wenig Kräfte haben werden, wenn die Unternehmen wieder vermehrt Stellen ausschreiben. 

Wer wird künftig gesucht sein – eher der Programmierer mit Hardware-Fokus oder der klassische Elektroingenieur, der beides vereint? 
Vielleicht erinnern Sie sich, das haben wir beide vor zwei Jahren schon mal diskutiert. Dass Elektroingenieure im Gesamt-Ranking des Dekra-Arbeitsmarktreports zurückgefallen sind, bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass sie weniger häufig benötigt werden als zuvor, sondern dass bei anderen Fachkräften eben ein noch höherer Bedarf besteht. Etwa an Programmierern und IT-Kräften. Viele Tätigkeiten verlagern sich heute auf IT-Spezialisten, diesen Effekt kann man konstatieren. Zusätzlich gibt es die Tendenz, Tätigkeiten teilweise an nicht akademisch Vorgebildete zu verlagern. Seit Jahren sind die Elektroniker mit beruflicher, nicht akademischer Ausbildung ganz an der Spitze unseres Arbeitsmarktreports. Wir halten es für wahrscheinlich, dass in manchen Bereichen eine Verlagerung von Besetzungen von ehemals akademischer Bildung hin zu Menschen mit beruflicher Bildung stattgefunden hat bzw. stattfindet. Wir sehen also auch eine mögliche interne Verlagerung von Tätigkeitsbereichen. Allerdings handelt es sich dabei um eine Vermutung, die wir mit unserem Report aber nicht beweisen können. Hierfür wäre erst noch mehr Forschung nötig. 

Es setzen ja auch immer mehr Unternehmen auf das duale Studium, zeigen neuere Umfragen. Geht das in diese Richtung?
Ja, wir kommen hier in einen Mischbereich zwischen der klassischen beruflichen Ausbildung und der Hochschulbildung. Das könnte auch für die Unternehmen durchaus ein guter Trend mit Perspektive sein. 

Wie verhalten sich Recruiter aktuell ihrer Beobachtung nach? Lockert sich hier schon etwas?
Noch sind die Unternehmen zurückhaltend und versuchen, ihr Stammpersonal zu halten, wie auch der VDI unterstreicht. Mit dem Ergebnis, dass weniger neue Stellen ausgeschrieben werden. Das ist momentan noch die Tendenz, die man beobachten kann. Aber dieser Trend scheint sich allmählich zu drehen, wie auch der letzte VDI-Ingenieurmonitor ergeben hat. Es gibt also Anzeichen für Hoffnung, wenngleich es gefährlich ist in Zeiten wie diesen mit Aussicht auf die Delta-Variante und einer möglichen vierten Welle, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. All das führt in Summe zu weiterhin gebremstem Verhalten. 

Was ist zu den Maschinenbauern zu sagen? Auch hier geht die Nachfrage ja zurück.
Hier kann ich nur spekulieren. Vor zwei Jahren habe ich für www.learning-insights.de mit dem Ausbildungsleiter von VW gesprochen, der den Wandel seines Unternehmens vom reinen Hersteller zum Mobilitätsdienstleister beschrieb. Das verschiebt natürlich auch die Anforderungen an die benötigten Mitarbeiter, an bestehende wie auch zukünftige. Hier dürfte sich auch bei anderen Herstellern viel in diese Richtung verändern und bewegen. Der Veränderungsprozess ist in Gang, bedingt durch einen Strukturwandel. 

Wie schätzen Sie das Bemühen der Unternehmen ein, ihre Mitarbeiter mit Weiterbildung im Transformationsprozess mitzunehmen?
Ich hoffe darauf, wenngleich hier jedes Unternehmen seine eigene Strategie fährt. Ich kann daher nicht für alle eine Aussage treffen. Aber zumindest die großen Unternehmen sind hier schon sehr gut unterwegs. Nehmen Sie Phoenix Contact, das seit einigen Jahren ein großes Weiterbildungszentrum betreibt. Auch andere Unternehmen denken in diese Richtung; diese Entwicklung wird, ja muss zwangsläufig weitergehen. Mitarbeiter sind gefordert, sich ständig weiterzubilden und sich an den veränderten Anforderungen entlang weiterzuentwickeln. Also auch die Bereitschaft hierzu mitzubringen. Das ist eine Entwicklung, die nun viel stärker in den Fokus rückt als noch vor Jahren. Deshalb geben Personaler auch an, dass sie viel stärker als früher darauf achten, dass dieser Wille zu Weiterbildung und Veränderung bei Bewerbern vorhanden ist. 

Corona und fehlender Abiturjahrgang in Niedersachsen haben die Studienanfängerzahlen in Elektrotechnik um 14,5 Prozent einbrechen lassen – das können wir uns eigentlich nicht leisten. 
Ich beobachte seit Jahren Versäumnisse auch in der Ausbildung. Aus meiner Sicht haben wir an den Hochschulen noch häufig ein zu elitäres Denken. Es gibt immer noch die Tendenz im Studium der E-Technik, das nicht gerade als leichtes Studium bekannt ist, trotz der Sorge um zu wenige Studienanfänger noch bewusst abzuschrecken und auszusieben. Man hört auch immer wieder von der Tendenz des Rausprüfens vor der Zwischenprüfung. Das halte ich für nicht zeitgemäß. Man müsste vielmehr überlegen, wie man die jungen Leute, die frisch vom Abitur kommen, mitnimmt, Hürden abbaut und sie motiviert. Meiner Ansicht nach ist es mit Brückenkursen in Mathematik allein da nicht getan. Ich denke, da könnte man viel machen, um die Studienabbrecherzahlen zu reduzieren. Die Hochschulen sind gefordert, sich bessere Konzepte zu überlegen. Das wird zwar nicht alle Probleme lösen, aber warum macht man es nicht?

Manche Studiengänge blicken über den Tellerrand und werfen sich einen neuen Mantel um. Was bringt die Verzahnung mit populären Themen wie etwa erneuerbaren Energien?
Man muss die Studiengänge natürlich inhaltlich attraktiv machen und auch halten, das ist ganz wesentlich. Auch um sie an die Probleme unserer Zeit anzupassen. Auch das weckt Interesse. Aber Interesse wecken alleine hilft ja nicht, wenn die Studierenden dann in den ersten drei Semestern völlig frustriert sind und keine Hilfen bekommen. Da geht es allerdings nicht darum, bei den Inhalten abzuspecken, sondern darum, ihnen zu helfen, dass sie die Inhalte auch meistern können. Hier noch mehr einzusteigen wäre mein Vorschlag. Ich glaube, da ist noch Luft nach oben. 

Wären etwaige Hilfen zum Beispiel auch in Kooperation mit Unternehmen denkbar?
Beispielsweise. Zumal die immer beliebteren dualen Studiengänge ja in diese Richtung gehen. 

Mit Beginn Juli hieß es vielerorts „Back to Office“ als ein „Back to Normal“ – Ihre Meinung?

Meine Befürchtung ist, dass der politische Druck in Richtung Homeoffice zuvor nun dazu führt, jetzt möglichst schnell zur Normalität vor der Pandemie zurückkehren zu wollen. Ohne Anpassungen vorzunehmen wäre das vorschnell und fatal. Denn dadurch verpassen Unternehmen die Chance, ihre Arbeitskultur zukunftsfähiger aufzustellen, die Zusammenarbeit noch zu verbessern. Wie lassen sich Homeoffice und Büroarbeit optimal verknüpfen, im Sinne kollaborativer Arbeitsplätze? All diese Fragen sollten jetzt eigentlich im Vordergrund stehen. Schlagworte alleine bringen uns nicht weiter. 

Können wir es uns überhaupt leisten, diese Diskussion mit Blick auf den Fachkräftemangel zu versäumen? Gerade im Vergleich zur – hier fortschrittlicher wirkenden – ITK-Branche? 
Wir sehen einen demografischen Wettbewerb im Gange. Unternehmen müssen attraktiv sein, um ihn zu bestehen – und zwar nicht nur außen an der Fassade. Sondern auch innen. Etwa, wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen, welche Art von Wertschätzung sie ihnen zuteil kommen lassen. Und da gehören auch die Arbeitsformen dazu, angepasst an die Wünsche der Mitarbeitenden. 

(Interview: Corinne Schindlbeck)

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