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Dekra-Arbeitsmarkt-Report 2021

Elektroingenieure und Maschinenbauer nicht mehr in den Top 10

24. Juni 2021, 09:48 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

Elektroingenieure und Maschinenbauer nicht mehr in den Top 10
© Adobe Stock

Elektroingenieure landeten bislang im jährlichen Arbeitsmarkt-Report der Dekra bis 2017 ununterbrochen unter den zehn am häufigsten gesuchten Berufen. Doch seitdem nicht mehr. Die Fachrichtung Maschinen- und  Fahrzeugbau war zuletzt 2016 unter den Top Ten. Was passiert da gerade?

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© Dekra Akademie

Die Gegenüberstellung der beiden Grafiken zeigt einen Shift hin zu IT-Berufen. (Für eine größere Darstellung bitte klicken).

Der Dekra-Arbeitsmarkt-Report untersucht seit 2008, welche Fachkräfte am häufigsten gesucht werden und in welchen Tätigkeitsbereichen Arbeitgeber einen besonderen Bedarf haben. Basis des diesjährigen Reports sind 11.908 ausgewertete Stellenangebote aus zwei Online-Jobbörsen und elf deutschen Tageszeitungen im Kernerhebungszeitraum vom 22. bis 28. Februar. 

»Am Arbeitsmarkt treffen momentan unterschiedliche Entwicklungen aufeinander. Deutschland befand sich vor der Pandemie in einer konjunkturellen Abkühlung, dann kam die Covid-19-Krise und gleichzeitig vollzieht sich in manchen Branchen ein Strukturwandel. All das wirkt sich auf die Fachkräftenachfrage aus, wie wir es beispielsweise bei Ingenieurinnen und Ingenieuren beobachten«, so Katrin Haupt, Geschäftsführerin der Dekra-Akademie. 

Der aktuelle Report lässt ahnen, wie sehr das Virus nicht nur unser Leben, sondern auch die Wirtschaft völlig durcheinandergewirbelt hat – mit Auswirkungen auf den Fachkräftebedarf. In fast allen Einsatzbereichen gibt es Tätigkeiten, die von der Pandemie betroffen sind, im Positiven wie im Negativen. Erstmals befinden sich drei Berufe aus dem Gesundheits- und Pflegebereich unter den Top-Ten-Berufen, wogegen der Bedarf an Vertriebsmitarbeitern laut Dekra-Report gesunken ist. 
Dass Pflegefachkräfte ganz vorn mit dabei sein würden, war zu erwarten. Auch die Baubranche – und mit ihr die Handwerksberufe samt Elektronik-Fachkräften – florierten unbeeindruckt von der Pandemie weiter. 

Aber dass die Nachfrage nach Elektroingenieuren schon seit einigen Jahren laut Report stagniert, überrascht dann doch. Kündigt sich gar ein Ende des Ingenieurbooms an?

Bei den Studienanfängern gab es ebenfalls einen Rückgang. Im Maschinenbau begannen im letzten Jahr 9,6 Prozent weniger junge Menschen ein Studium, in der Elektrotechnik waren es sogar 14,5 Prozent weniger. Allerdings gab es auch erstmals seit 2012 einen Rückgang in der Informatik mit minus 4,8 Prozent. Erklärung dafür: doppelter Abiturjahrgang in NRW und wegen Corona ausbleibende ausländische Studierende. 

Laut Dekra-Report ist aber auch der Anteil an offenen Stellen für fertige Ingenieure in diesem Jahr so niedrig wie nie. Nur noch gut jede zwanzigste Offerte ist für Jobsuchende mit Abschluss im Ingenieurwesen ausgeschrieben. Ausnahmen bilden die Fachrichtungen Architektur und Bauingenieurwesen: Eine von drei Ingenieurstellen geht an sie (2020: 24,0 %). Die Fachrichtungen Elektrotechnik sowie Maschinen- und Fahrzeugtechnik folgen mit großem Abstand (20,8 bzw. 13,7 %). »Beide liegen so weit hinten wie nie, auf den Plätzen 23 und 33«, erklärt Dr. Peter Littig, bildungspolitischer Berater der Geschäftsführung bei der Dekra-Akademie. 

Hängt der Rückgang mit der Transformation der sich zudem im Sparmodus befindlichen Automobilindustrie zusammen – immerhin zusammen mit ihren Zulieferern einer der größten Arbeitgeber für Ingenieure in Deutschland?

BMW beispielsweise will bis 2025 die Produktionskosten pro Fahrzeug um 25 Prozent senken, ist dem Handelsblatt zu entnehmen. Rohstoffpreise und -knappheit belasten, wegen des Mangels an Halbleiterchips liegt der Produktionsrückstand laut dpa bei 30.000 Autos in diesem Jahr, den das Unternehmen im zweiten Halbjahr aufholen will. Und dann läuft ja noch das Kostensenkungsprogramm aus der Zeit vor der Krise, das bis 2022 12 Milliarden Euro einsparen soll – Jobs werden aktuell nicht nachbesetzt.

Eine nachhaltig ansteigende Nachfrage nach Ingenieuren wird hier also auch davon abhängen, wie der Umbau (samt dem Bestand an klassischen Maschinenbauingenieuren) auf Elektroantriebe gelingt und vom Markt angenommen wird. Allein BMW will laut dpa 2023 13 vollelektrische Modelle präsentieren und von 2030 an weltweit die Hälfte seiner Autos nur noch mit E-Motor verkaufen.

Dr. Peter Littig: »Wir sehen einen Zusammenhang zwischen der Transformation in der Automobil- und Maschinenbauindustrie und der Entwicklung des Stellenmarktes für Ingenieure und IT-Fachkräfte. Auch in Gesprächen mit Branchenvertretern und Kunden deutet es sich an, dass die hardwarenahe Programmierung stark an Bedeutung gewinnt. Unsere Interpretation lässt sich mit den Daten jedoch nicht beweisen, da es sich zunächst einmal um eine quantitative Analyse handelt. Es deutet aber einiges in diese Richtung«. 

Denn stelle man die Stellenangebote für Ingenieur- und IT-Berufe gegenüber, so zeigt sich, dass sie sich gegenläufig entwickeln, erklärt der Experte. »In den ersten Erhebungsjahren bewegte sich ihr Anteil an der Gesamtstichprobe auf ähnlichem Niveau, doch seit 2014 entwickeln sie sich klar auseinander. Während der Anteil an Angeboten für Ingenieure in der Tendenz sinkt, zeigt der Trend bei den IT-Berufen nach oben.«
Elektroingenieure befanden sich bis 2017 ununterbrochen unter den zehn am häufigsten gesuchten Berufen, seitdem aber nicht mehr. Ähnlich verhält es sich bei der Fachrichtung Maschinen- und Fahrzeugbau, die zuletzt 2016 im Gesamt-Ranking unter den ersten zehn Berufen vertreten war. 

Im Bereich IT stattdessen befänden sich Softwareentwickler und Programmierer seit 2011 ununterbrochen auf den vorderen Rängen. »Diese Spezialisierung ist auch innerhalb der IT-Berufe unangefochten: Aktuell richten sich nicht ganz drei von zehn Gesuchen für IT-Fachkräfte an Softwareentwicklerinnen und -entwickler (28,0 %). Allerdings kommen sie auch in vielen Wirtschaftsbereichen zum Einsatz.«, erklärt Littig. 

Ausgebremster Vertrieb

Der Tätigkeitsbereich Vertrieb dürfte momentan nicht zu den größten Sorgenkindern von Recruiting-Abteilungen gehören. Denn auch sie – in der Vergangenheit oft weit vorne – sind im Ranking zurückgefallen. Der Dekra-Report führt das darauf zurück, dass Veranstaltungen und Messen nicht oder bestenfalls online stattfinden. Auch dürfte die Fluktuation im Vertrieb derzeit niedriger sein als gewohnt. All das hat dazu geführt, dass sich der Anteil der Vertriebsberufe an der Gesamtstichprobe mit 9,3 Prozent auf einem Tiefststand befindet. 

Jede zehnte Offerte in der Stichprobe richtet sich an IT-Fachkräfte. Nur einmal lag der Anteil an Stellenangeboten in diesem Einsatzbereich noch höher (2018). Unternehmen suchen weiterhin besonders oft Mitarbeitende für die Softwareentwicklung, auch wenn diese es aktuell ‚nur‘ auf den fünften Platz geschafft haben. Außerdem ist in diesem Jahr die Expertise von Systemadministratoren besonders gefragt: Der Beruf hat Plätze wettgemacht und liegt aktuell auf Position 11 (2020: 18). Vermutlich habe dabei eine Rolle gespielt, dass viele Beschäftigte im Homeoffice arbeiten und die Betreuung der IT-Systeme dadurch aufwändiger geworden sei, so Littig. Den Dekra Arbeitsmarkt-Report kann man unter www.dekra-akademie.de/dekra-arbeitsmarkt-report einsehen. 

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