Bewerben als Ingenieur

»Die Bedeutung des Anschreibens nimmt immer mehr ab«

29. Juli 2019, 10:38 Uhr | Corinne Schindlbeck

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Recruiting-Tools

Keine Stellenausschreibung ohne Forderung nach (zum Teil verhandlungssicherem) Englisch. Sind mangelnde Kenntnisse ein KO-Kriterium?

Die Erwartungen an die Englischkenntnisse sind abhängig von der Position. Von einem Absolventen werden sicherlich keine verhandlungssicheren Englischkenntnisse erwartet; hier reichen solide Schulkenntnisse aus, die dann im Job nach Bedarf ausgebaut werden. Bei einem erfahrenen Bewerber für eine international ausgerichtete Position (Vertrieb, Entwicklung, Unternehmensführung) werden hingegen sehr gute Englischkenntnisse vorausgesetzt.

Konkret: In der Entwicklung bei einem deutschen mittelständischen Unternehmen sollte der Entwickler englische Handbücher lesen und verstehen können und ggf. per E-Mail mit Kunden auf Englisch kommunizieren. In einem international agierenden Konzern mit Englisch als Unternehmenssprache sind die Anforderungen höher, aber auch hier reichen für den Einstieg solide Schulkenntnisse, der Rest wird sich „on the Job“ und im Rahmen von Weiterbildungen und im Laufe der Einarbeitung angeeignet.

Ein Muss sind (verhandlungs-)sichere Englischkenntnisse im internationalen Vertrieb. Aber auch hier gilt: Absolventen müssen diese nicht sofort mitbringen. Aber sehr wohl die Bereitschaft, sich diese anzueignen.

Bedeutet das, dass man sich also auch ohne verhandlungssicheres Englisch bewerben darf?

Wenn in einer Stellenanzeige verhandlungssichere Englischkenntnisse verlangt werden, sollten sich Bewerber nicht davon abschrecken lassen. Normalerweise reichen „solide“ Englischkenntnisse, die im Job erlangt worden sind, für den Einstieg. Ingenieure neigen dazu, sich kleiner zu machen, als sie eigentlich sind; das gilt nach meiner Erfahrung auch gerade für die Englischkenntnisse.

Immer mehr Unternehmen setzen Matching-Software ein, heißt es. Muss man heute seine Bewerbung auf Algorithmen tunen?

In unserer Industrie stellt sich eher die Frage, ob der Einsatz einer Matching-Software überhaupt Sinn macht, da die Anzahl der Bewerber doch eher überschaubar ist.

Wir haben derzeit auf dem Arbeitsmarkt einen Ersatzbedarf von rund 11.000 Elektroingenieuren pro Jahr. Diese Zahl wird sich in den kommenden Jahren nochmals deutlich erhöhen, wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht. Auf der anderen Seite haben wir weniger als 8000 Absolventen pro Jahr, die auf den Arbeitsmarkt kommen. Bereits seit einigen Jahren kann der Bedarf an Elektroingenieuren in Deutschland nicht mehr durch Absolventen gedeckt werden, wie man an den Zahlen erkennt. Der erwartete Aufbau ist hier noch nicht mit eingerechnet.

Was empfehlen Sie Unternehmen stattdessen?

Egal ob Konzern oder KMU: Praktika, Praxissemester oder Bachelor-/Masterarbeiten haben sich als das Recruiting-Tool für Absolventen etabliert und bewährt. Bei der Besetzung von Positionen, bei denen eine mehrjährige Berufserfahrung vorausgesetzt wird, hält sich die Anzahl der Bewerber nach unserer Erfahrung bei den Unternehmen in sehr engen Grenzen. Wir hören immer wieder von Unternehmen, dass diese auf ausgeschriebene Positionen keine qualifizierten Bewerbungen erhalten und Positionen daher länger als ein halbes Jahr unbesetzt bleiben. Falls Unternehmen eine Matching-Software für das Recruiting von erfahrenen Ingenieuren einsetzen, werden die unterschiedlichen Kriterien eher großzügig ausgelegt werden, d.h. der NC liegt nicht bei 1,3, sondern bei 3,1. Ob ein Tunen des CV da noch Sinn macht, wage ich zu bezweifeln. Außerdem muss ich den Algorithmus kennen, der hinter der Software steckt. Und grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Matching-Software, die KI-basiert ist, die Diversität unter den Mitarbeitern fördert oder ob diese nicht dadurch verlorengeht.


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