Schwerpunkte

Timo Lehne, Managing Director SThree

»Der Wunsch etwas zu bewirken, treibt viele Bewerber an«

18. Februar 2021, 12:17 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Der Wunsch etwas zu bewirken, treibt viele Bewerber an«
© SThree GmbH

Unser Interviewpartner Timo Lehne ist seit Juni 2014 Geschäftsführer der SThree GmbH und seit 2017 Managing Director der DACH-Region mit über 1.000 Mitarbeitern. In seiner Verantwortung liegen neben den Bereichen Festanstellung, Projektanstellung und Arbeitnehmerüberlassung in der DACH-Region auch die strategische und operative Führung des Unternehmens.

Timo Lehne leitet die Personalberatung SThree, die mit 42 Büros in 15 Ländern einer der großen am Markt ist. Wie groß ist der Mangel an Ingenieuren und hardwarenahen Programmierern hierzulande im Vergleich zum Ausland? Und wie weit blicken seine Kunden strategisch in die Zukunft?

Markt&Technik: Herr Lehne, als große Personalberatung mit 42 Büros in 15 Ländern: Wie groß ist der Mangel an Ingenieuren und hardwarenahen Programmierern hierzulande im Vergleich zum Ausland?
Wenig überraschend: Der Fachkräftemangel im MINT-Bereich ist überall hoch und besorgniserregend. Doch deutsche Unternehmen „fürchten“ den Mangel an fehlenden Experten offensichtlich am stärksten. Das legt zumindest eine Umfrage der Europäischen Investitionsbank (EIB) unter 13.300 europäischen Unternehmen nahe. Demnach stellt ein noch größeres Investitionshindernis als Corona für deutsche Unternehmen der Fachkräftemangel dar, den 83 Prozent der Unternehmen als größtes langfristiges Problem ansehen – mehr als in anderen EU-Ländern.

Wenn wir auf verschiedene Branchen und Fachbereiche blicken, liegt für mich als SThree Managing Director DACH der Vergleich mit unseren alpinen Nachbarn nahe. In der Schweiz erkennen wir besonders bei den Ingenieuren einen sehr hohen Fachkräftebedarf. In Österreich fehlen vor allem dem Baugewerbe und IT-Dienstleistern die passenden Experten.

Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Die Branchen Energie und Elektro sowie IT zählen zu denen, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Laut Ergebnisse des iwd (der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft) konnten im Oktober letzten Jahres 44.400 Energie- und Elektroberufe nicht besetzt werden und bei den IT-Jobs waren es 26.000. Um noch spezifischer in das Umfeld der Programmierer zu blicken: Hier zeigen unsere internen Daten, dass die Nachfrage nach Experten für Embedded Systems äußerst hoch ist. 

Wie viele Ihrer Kunden in Elektronik/IT nutzen jetzt die Pandemie, um antizyklisch (trotz schwächerer Umsätze) MINT-Personal zu suchen und einzustellen? 
Aktuell lässt sich nicht beobachten, dass antizyklisch eingestellt wird. Vielmehr zeigt sich: Die Corona-Pandemie bedeutet eine extreme Situation mit vielen Herausforderungen für die wirtschaftliche Lage weltweit, doch zugleich ist der seit vielen Jahren vorherrschende Fachkräftemangel in der Elektronik- und IT-Branche ja nicht über Nacht vom Tisch.

Und das zeigt sich auch bei der Nachfrage unserer Kunden nach MINT-Personal. So sind sie weiterhin auf der Suche nach den passenden Fachkräften, auch wenn es durch die Pandemie durchaus bei manch einem Unternehmen Einstellungsstopps gab und nach wie vor gibt. Dennoch herrscht immer noch ein „War for Talents“ – sobald wir einen zielgenauen potenziellen Mitarbeiter finden, legen Unternehmen großen Wert darauf, den Arbeitsvertrag zügig unter Dach und Fach zu bringen. Und das ist auch selbstverständlich, denn die besten Köpfe sind sehr begehrt – und Arbeitgeber, die ebendiese Mitarbeiter rekrutieren, haben einen klaren Wettbewerbs- und Innovationsvorteil. 

Natürlich gibt es auch Unternehmen, die unter Berücksichtigung der aktuellen Lage – die unter anderem zu weniger Planbarkeit hinsichtlich der Auftragslage führen kann – konservativer agieren. Doch auch sie brauchen, um anstehende Projekte erfolgreich umzusetzen, MINT-Experten mit fachspezifischem Know-how.

Die „richtige Lösung“ für diese Unternehmen ist der Einsatz von Freelancern. Denn freiberufliche ITler oder Ingenieure bedeuten für Unternehmen zeitliche und finanzielle Flexibilität sowie die (schnelle) Verfügbarkeit von Experten-Know-how. Und egal, ob der Wunsch nach Experten für Festanstellungen oder Projektaufträge besteht, eins ist klar: die Nachfrage nach hochspezialisierten MINT-Experten ist nach wie vor sehr hoch.

Das MINT-Datentool von Komm-mach-MINT zeigt für das Jahr 2019, dass knapp 350.000 Studierende ein MINT-Studium im ersten Fachsemester aufgenommen haben. Differenziert betrachtet, sind es knapp 78.000 in Informatik und knapp 26.000 in Elektrotechnik. Zu den offiziellen MINT-Zahlen zählen auch (Innen-)Architektur und Biologie.  Vor diesem Hintergrund: Wie bewusst ist Ihren Kunden, das wir in Zukunft auf einen systemisch bedingten Fachkräftemangel zusteuern? Experten sagen, dass die kommenden Absolventen-Jahrgänge gerade einmal den demographischen Ersatzbedarf decken werden, nicht aber den Expansionsbedarf durch Elektrifizierung und Digitalisierung. Ist Ihren Kunden das bewusst? 
Der Fachkräftemangel in der MINT-Branche ist natürlich per se nichts Neues. Unternehmen wissen, dass die Suche nach dem passenden Spezialisten dauern kann – und wenden sich, unter anderem, aus diesem Grund an uns. Wir haben ein weltweites Netzwerk an hochspezialisierten MINT-Experten, die wir entsprechend der Anforderungen rekrutieren. Häufig suchen Unternehmen aber auch erst dann, wenn akuter Bedarf besteht – langfristig angelegte Rekrutierungs- und Mitarbeiterbindungsstrategien sehen wir derzeit eher bei Konzernen als bei Mittelständlern. Dieses langfristige, strategische Denken und Strategien hinsichtlich der Personalsuche sollten sich meines Erachtens allerdings alle Unternehmen auf ihre Agenda setzen. 

Doch auch wenn das Bewusstsein für den Mangel an MINT-Personal durchaus vorhanden ist, erlebe ich immer wieder in Gesprächen, dass Kunden erstaunt sind oder es ihnen gar die Augen öffnet, wenn ich den Fachkräftemangel mit konkreten Zahlen unterfüttere – das macht oftmals noch deutlicher klar, wie prekär die Situation in Deutschland ist. Lassen Sie uns einen Blick auf ein paar solcher Zahlen werfen, die ganz schnell verdeutlichen, was ich mit einem „Augenöffner“ meine: Stand heute gibt es knapp 44 Millionen Erwerbstätige in Deutschland, davon sind allein im MINT-Sektor rund 9,5 Millionen Menschen tätig. Ein Fünftel der deutschen Erwerbstätigen hat einen MINT-Hintergrund – ein starkes Indiz für die große Bedeutung von MINT-Berufen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft. Doch obwohl die Zahl der Studienanfänger in den MINT-Bereichen aktuell steigt und Unternehmen ihre Ausbildungsstellen aufstocken, wird dem Sektor künftig der nötige Nachwuchs fehlen. 

Denn die derzeitigen MINT-Fachkräfte sind in großer Zahl bereits im fortgeschrittenen Alter – der demografische Wandel trifft auch die MINT-Branche mit voller Härte. Die Nachbesetzung vieler Stellen steht in naher Zukunft an. Aktuelle Prognosen sehen bis heute im MINT-Sektor 1,38 Millionen offene Fachstellen - Tendenz in den kommenden zehn Jahren stark steigend. Es muss jedem klar werden: Wir haben es keinesfalls mit einem „fairen“ Generationenwechsel in Unternehmen zu tun. Auf 10 MINT-Fachkräfte, die in Rente gehen, folgen aktuell nur 7 Nachwuchskräfte. Sie sehen: Solche Zahlen sprechen ihre eigene Sprache und ich verstehe es als unsere Aufgabe hier Aufklärungsarbeit zu leisten.

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1. »Der Wunsch etwas zu bewirken, treibt viele Bewerber an«
2. Dann eben ins Ausland?
3. Wechselwillig oder nicht? Es gibt genügend offene Stellen

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