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Interview mit Dirk Finstel

»Wir glauben an ein starkes Europa«

13. Juli 2021, 08:30 Uhr   |  Tobias Schlichtmeier

»Wir glauben an ein starkes Europa«
© Advantech

Dirk Finstel, Advantech: »Es ist ein gesunder Mix aus globalen und lokalen Lieferketten nötig.«

Die Lieferketten-Problematik und deren Auswirkungen bestimmen derzeit ebenfalls die Embedded-Branche. Jedoch gibt es auch positive Aspekte der Misere. Welche das sind und wie sich Advantech den derzeitigen Herausforderungen stellt, erklärt Dirk Finstel im Markt&Technik-Interview.

Markt&Technik: Herr Finstel, welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie bisher für Ihr Unternehmen – einerseits für die Geschäfte, andererseits für die Prozesse?

Dirk Finstel: Als Unternehmen ist Advantech relativ unbeschadet durch das Jahr 2020 gekommen, mit Null-Wachstum, jedoch weiterhin profitabel. Für das Jahr 2021 haben wir wieder Wachstum eingeplant. Bisher gestaltet sich das aufgrund der aktuellen globalen Allokation von Komponenten schwierig – ich bin jedoch sehr optimistisch, dass wir unsere Ziele erreichen.

Als Advantech Europa haben wir frühzeitig Schutzmaßnahmen für unsere Mitarbeiter getroffen und uns auf die »Work from Home«-Situation vorbereitet. Wir haben stark in eine sichere digitale Infrastruktur investiert, um einen möglichst reibungslosen Ablauf der Prozesse zu gewährleisten. Am Anfang führte das zu Verzögerungen, da ebenfalls unsere Kunden diese Prozessänderungen durchführen mussten. Heute sind wir jedoch effizienter denn je.

Sie sprachen bereits von Allokationen. Lieferketten sind derzeit labil wie nie. Was ist in Ihren Augen nötig, um starke Lieferketten aufzubauen?

Nach wie vor ist ein gesunder Mix aus lokalen und globalen Lieferketten nötig. Lediglich so können unsere Kunden hochwertige Produkte entwickeln, fertigen und in die Märkte einführen. Im Embedded-Bereich hatten wir ebenfalls mit der Unterbrechung von Lieferketten stark zu kämpfen. Aus dem Grund haben wir unsere Supply Chain um europäische Lieferanten ergänzt, um eine langfristige Absicherung realisieren zu können. So etwas geht nicht von heute auf morgen, muss finanzierbar und nachhaltig sein. Wir glauben an ein starkes Europa, welches jedoch nur Bestand hat, wenn unsere Kunden in Nachhaltigkeit investieren. Es bleibt abzuwarten, wann der globale Preisdruck dieses Konzept aushebelt.

Werden also in Ihren Augen viele Unternehmen wieder vermehrt in Europa entwickeln und fertigen?

Viele europäische Unternehmen haben ihre Outsourcing-Strategie aufgrund der starken Einschränkungen durch die Pandemie angepasst und überdacht. Sie denken vermehrt über Insourcing nach und setzen es auch um – das bezieht sich auf die Produktion, die Entwicklung und den Einkauf in Europa. Wir haben sowohl im Jahr 2020 als auch in diesem Jahr ein sehr hohes Wachstum an Neukunden aus allen Märkten verzeichnet, da wir Produktion und Entwicklung in Deutschland und Europa konkurrenzfähig anbieten können.

Hat sich die Bedeutung des Produktionsstandortes China verändert – gerade in Hinblick auf den von den USA gegen China ausgesprochenen Technologiebann? Was bedeutet das für Europa?

Mit Biden als neuem Präsidenten sehe ich eine Entspannung kommen. Er wird diesen Bann mittel- und langfristig auflösen. Wir brauchen China als »Global Workbench«, um den Industrieländern die Möglichkeit zu geben, in Nachhaltigkeit, Klimaziele der Zukunft und Technologiestandorte zu investieren. Das allein ergibt ein riesiges Potenzial für die Embedded-Branche in Europa, sich auf komplexe und softwarebasierte Wertschöpfung zu konzentrieren, die hier in Europa zu Hause ist. Unsere europäische Ausbildungspolitik und Qualität sind nicht so schlecht, wie sie Experten oft darstellen.

Kommen wir zum neuen COM-HPC-Standard. Er soll gerade das Edge Computing stärken. Heißt das, Unternehmen setzen vermehrt auf Dezentralisierung, weniger auf Cloud?

Ich erwarte eine beschleunigte Entwicklung in Bereiche und Applikationen, in denen eine reine Cloud-Lösung bisher preislich nicht möglich war, beispielsweise aufgrund der Kommunikationslaufzeiten oder Datenmengen. Lokale Rechenleistung für beispielsweise Bilderkennung ermöglicht es, sowohl lokale Entscheidungen zu treffen als auch lediglich Ergebnisse zu übertragen. Heute bezeichnen wir das gerne als »Edge Intelligence«. Es ersetzt somit nicht eine existierende Cloud-Lösung, sondern macht eine solche überhaupt erst wirtschaftlich umsetzbar.

Wie beurteilen Sie die immer größer werdende Anzahl an Standards bei Computermodulen?

Die Landschaft der Modul-Standards war nie statisch und entwickelt sich konstant weiter. Neue Anwendungen, Technologien sowie Schnittstellen führen immer wieder zu Weiterentwicklungen und somit neuen Standards. Eine Bereinigung erfolgt mit einer gewissen Zeitverzögerung entsprechend, wenn Schnittstellen an Bedeutung verlieren oder ganz wegfallen. ETX, PC/104 und Qseven sind hierfür gute Beispiele: Obwohl sie noch verfügbar sind, startet kaum ein Kunde neue Projekte basierend auf alten Interface-Standards. Am Ende entscheiden Verwenden und Akzeptanz und somit letztendlich der Kunde über den Erfolg oder das Verschwinden von Standards.

Im letzten Jahr wurden maschinell verarbeitbare Auflötmodule (OSM, Open Standard Module) von der SGET spezifiziert. Wird es dazu auch von Advantech Produkte geben?

OSM konzentriert sich auf preissensitive und hochvolumige Anwendungen. Sie erfordern ein Investment in Fertigungs- und Test-Technik. Aufgrund der starken Ausprägung der Kundenbasis auf Stückzahlen im mittleren Bereich sehen wir kein großes Marktpotenzial für OSM-Module, da der Markt durch proprietäre Standards bereits abgedeckt ist. Allerdings beobachten wir den Markt und haben ein OSM-Lösung fertig in der Schublade.

Security ist im Embedded-Bereich ein zunehmend komplexes Thema. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit ein Gerät lange Update-fähig bleibt?

Für ein ordentliches Security-Konzept müssen Hardware und Software Security Hand in Hand gehen. Man muss eine Gesamtbetrachtung durchführen und die Erkenntisse bereits beim Design berücksichtigen und umsetzen. Sofern die Mehrkosten verkraftbar sind, nutzt man dazu eine dedizierte Hardware-Komponente als Root of Trust. Hierauf aufbauend sind mittels Software Sicherheitsmechanismen aufzusetzen, die flexibel, aktualisierbar und somit für die Zukunft gerüstet sind. Fundamental wichtig ist in dem Zusammenhang, ausreichend Leistung und Speicher bei der Hardware vorzusehen, um nötige Betriebssystem-Aktualisierungen vornehmen zu können. Alle Software-Komponenten müssen über den angedachten Produktlebenszyklus aktiv zu pflegen und mittels Over-the-Air Updates aktualisierbar sein.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Finstel.

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