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Interview mit Roland Chochoiek

»Lokale Produktionsstandorte wählen«

21. Mai 2021, 07:30 Uhr   |  Tobias Schlichtmeier

»Lokale Produktionsstandorte wählen«
© Heitec

Roland Chochoiek ist Executive Vice President der Business Unit Electronics bei Heitec.

Heitec ist bislang gut durch die Corona-Krise gekommen. Jedoch gibt es viele Herausforderungen, denen sich die Embedded-Branche derzeit stellen muss. Welche das sind und was die Branche derzeit außerdem umtreibt, lesen Sie im Interview.

Die Antworten gab Roland Chochoiek, Executive Vice President Business Unit Electronics bei Heitec.

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie in den letzten 13 Monaten auf Ihr Unternehmen?

Wir sind bisher mit einem kleinen blauen Auge durch die Krise gekommen. Unser Auftragsbestand war sogar auf Rekordniveau. Grund hierfür ist unser breites Angebot – von Entwicklungs- und Fertigungsdienstleistungen bis hin zu einem umfassenden Spektrum an Systemplattformen. Außerdem bedienen wir unterschiedliche Marktsegmente und sind in vielen internationalen Märkten präsent.

Viele Lieferketten hielten den Auswirkungen der Pandemie nicht stand. Wie sind Ihre Erfahrungen im Bereich Embedded-Computing?

Die aktuelle Situation ist insofern besonders, dass gleichzeitig sehr viele Materialgruppen und ebenso die Logistik von den Engpässen betroffen sind. Jedoch sind wir es im Elektronik-Segment und speziell im Embedded-Bereich beinahe fast gewohnt mit Engpässen umzugehen.

Was ist in Ihren Augen nötig, um starke Lieferketten aufzubauen?

Wichtig ist ein langfristiges Planen der Bedarfe sowie ein enges und durchgängiges Abstimmen – vom Endkunden über die verschiedenen Teilnehmer der Wertschöpfungskette bis hin zu den Komponentenlieferanten.

Wie müssten in Ihren Augen Lieferketten umgestaltet werden, um den künftigen Ansprüchen an die Nachhaltigkeit zu genügen?

Ideal wäre es, wenn Unternehmen Liefer- und Wertschöpfungsketten so auslegen würden, dass mit steigender Höhe der Wertschöpfungsstufe die physische Entfernung zum Einsatzort abnimmt. Zumindest die letzten Stufen sollten möglichst nahe am Ort der jeweiligen Verwendung liegen, um unnötiges Hin- und Herschicken der Güter zu vermeiden – leider erleben wir das heute noch viel zu oft.

Wie hat Covid-19 in Ihren Augen die Beziehungen der Branche mit dem Asien-Pazifik-Raum beeinflusst und welche Partnerschaften sollten in Zukunft gestärkt werden?

Der Asien-Pazifikraum ist und bleibt ein sehr wichtiger und weiter aufstrebender Zielmarkt. Um ihn adäquat bedienen zu können ist lokale Präsenz und Nähe zum Kunden unabdingbar. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum wir letztes Jahr – während der Corona-Krise – eine lokale Niederlassung in China eröffnet haben. Der alte Spruch »think global, act local« hat nicht an Bedeutung verloren, im Gegenteil.

Hat sich die Bedeutung des Produktionsstandortes China in Ihren Augen verändert?  Rechnen Sie mittelfristig für die Embedded-Computing-Branche wieder mit einer verstärkten Fertigung in Europa?

Die Erfahrungen der letzten Monate haben unsere Branche in meinen Augen leidvoll daran erinnert, dass blindes Verlagern von Produktionsstätten und Lieferketten in vermeintlich günstigere Regionen viele Risiken mit sich bringt. Aus dem Grund rechne ich stark damit, dass Unternehmen künftig die Produktionsstandorte mit sehr viel mehr Vorsicht und wieder vermehrt lokal wählen. Wir spüren das bereits positiv bei unserem Fertigungsgeschäft.

Kommen wir noch auf den neuen Standard COM-HPC zu sprechen. Er soll Server-Rechenleistung an das Edge bringen. Erleben wir Ihrer Meinung nach nun nach der Zentralisierung in der Cloud eine neue Phase der Dezentralisierung?

Industrielle IoT-Anwendungen, bei denen vor Ort viele Daten in Echtzeit zu verarbeiten sind, erfordern ein schnelles Abarbeiten von Informationen. Ebenso sind viele kabelgebundene und drahtlose Anbindungen von Sensoren und Aktoren nötig. In solchen Anwendungen kann man sich oftmals ein asynchrones, zeitverzögertes Bearbeiten in der Cloud nicht leisten. Hinzu kommt nach wie vor eine gewisse Abneigung, große oder sensible Datenmengen in die Cloud zu laden. Daher ist neben der Dezentralisierung in der Cloud ebenfalls eine leistungsstarke Verarbeitung vor Ort nötig – COM-HPC ermöglicht das.

COM-Express, SMARC, Qseven, PC/104 und nun COM-HPC – gibt es nun genug Standards für Computer-Module? Oder sind es sogar schon zu viele?

COM-HPC rundet das Angebot an Standards für Computermodule nach oben ab und stellt neue Leistungsdimensionen bereit, die mit den bisherigen Standards nicht realisierbar waren. Insofern ist COM-HPC definitiv eine sinnvolle Ergänzung. Daneben haben COM Express, SMARC und QSeven nach wie vor ihre Daseinsberechtigung, da sie sich in Hinblick auf die Einsatzbereiche und Möglichkeiten unterscheiden. Jedoch zählt beispielsweise der bereits 1992 vorgestellte PC/104-Standard zu den »Legacy Standards«.

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