Fusion und Perception

»Das maximal Mögliche aus den Sensoren herausholen«

14. April 2022, 10:50 Uhr | Iris Stroh
metamorworks/stock.adobe.com
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Man kann auf bessere Zeiten warten oder aus dem Hier und Jetzt das Bestmögliche herausholen. Pierre Olivier, CTO von LeddarTech, setzt im Gespräch mit Markt&Technik auf einen pragmatischen Ansatz.

Markt&Technik: LeddarTech scheint seine Richtung zu ändern, weg von Lidar.

Pierre Olivier: So würde ich das nicht formulieren, aus meiner Sicht ist es vielmehr ein Kontinuum. LeddarTech ist seit einigen Jahren aktiv am Markt, aber auch in Zeiten, in denen unser Fokus ganz klar auf Lidar lag, haben wir das Thema »autonomes Fahren« als Software-Problem adressiert. Auch damals ging es nicht um Sensorik oder andere Hardware, sondern um Dinge wie die Signalverarbeitung und die Applikation.

Dieser Ansatz hat sich definitiv nicht geändert; das zeigt sich auch darin, dass wir bereits vor zwei Jahren Vayavision gekauft haben. Auch damals ging es darum, unserem Ziel näher zu kommen, den kompletten Stack anbieten zu können. Ich bin von einem Punkt absolut überzeugt: Geht es um autonomes Fahren, ist nicht die Sensorik das Problem, sondern die Daten. Es geht darum, welche Daten notwendig sind, um das Fahrzeug sicher lenken zu können; wir nennen das »Actionable Data«.

Aus meiner Sicht haben wir nicht die Richtung geändert. Auch wenn wir von der Lidar-Seite kamen, waren wir immer überzeugt, dass das Problem nur mit einem multimodalen Ansatz, sprich: mit verschiedenen Sensortechniken, zu lösen ist. Es wird niemals so sein, dass es keine Kameras mehr im Fahrzeug geben wird, und dasselbe gilt auch für Radar. Diese Sensortechniken sind bereits hochindustrialisiert und an einem Preispunkt angekommen, der einen massiven Einsatz erlaubt.

Lidar kommt sicherlich dazu; dennoch stellt sich die Frage: Wie erhalte ich die entscheidenden Informationen aus den verschiedenen Sensortechnologien, egal um welchen Sensor es sich handelt? Darum geht und ging es LeddarTech von Anfang an.

Im Vergleich zu früher legen wir heute weniger den Fokus darauf, Hardware zu bauen, aber das war auch nie Bestandteil unseres Business-Plans. Wir waren immer davon überzeugt, dass es langfristig besser ist, wenn die Tier-Ones ihre eigene Hardware bauen. Deshalb würde ich sagen, dass wir dieses Ziel heute verstärkt adressieren, aber sicherlich nicht, dass wir unsere Ziele geändert haben.

LeddarTech war in diesem Jahr in Deutschland erneut auf einer Automotive-Konferenz in Deutschland vertreten. Ist es besonders schwierig, die deutschen OEMs von Lidar zu überzeugen?

Ich würde sagen, die deutsche Mentalität ist eher pragmatisch, sie wollen Lösungen, die funktionieren. Aus meiner Sicht setzen die deutschen OEMs ganz klar auf leistungsfähige Sensoren, einschließlich Lidar; parallel dazu sind die OEMs aber auch an Ansätzen interessiert, die heute einfach funktionieren. Aus meiner Sicht ist das ein durchaus sinnvoller Ansatz, der auch genügend Zeit verschafft, dass Technologien ausreifen können.

Wo liegt Ihr Schwerpunkt bei der Konferenz?

Wir fokussieren uns in diesem Jahr auf Perception und Fusion, das gilt sicherlich auch für das gesamte Jahr. Ich bin überzeugt, dass es nicht den einen magischen Sensor geben wird, der alle Probleme löst. Und ich denke, das hat inzwischen auch der Markt verstanden. Also sollte jeder OEM mit dem arbeiten, was da ist. Und wenn es derzeit erst zwei Sensortechnologien sind, dann müssen die Daten dieser zwei Sensortechnologien fusioniert werden.

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Olivier Pierre
Pierre Olivier, LeddarTech: »Wir sollten nicht auf den einen magischen Sensor warten, sondern mit den Sensoren, die wir haben, arbeiten und damit das bestmögliche Ergebnis erzielen.«
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Und damit kommt die Fusion der Rohdaten ins Spiel.

Ja, genau. Früher dachte man immer, dass die Fusion von Rohdaten zu komplex ist; inzwischen ist aber klar, dass das eigentlich der einzige gangbare Weg ist, vollkommen unabhängig, ob Lidar eingesetzt wird oder nicht. Bei der Fusion von Objektlisten gehen wichtige Informationen einfach verloren, das ist sinnlos. Und ich denke, es gibt mittlerweile viele Beispiele, die beweisen, dass die Fusion von Objektlisten, egal wie viele Sensoren und wie viele unterschiedliche Sensortechnologien verwendet wurden, nicht funktioniert.

Jeder OEM kann zeigen, wie gut autonomes Fahren bei guten Wetterbedingungen in Phoenix funktioniert. Aber wie schaut es bei schlechtem Wetter oder in einer europäischen Innenstadt aus? Hier funktioniert die Fusion der Objektdaten definitiv nicht. Diese Erkenntnis setzt sich am Markt mittlerweile durch; selbst Unternehmen, die schon seit Jahren mit Systemen im Feld aktiv sind, kommen auf uns zu, weil sie feststellen, dass die Fusion von Objektdaten ganz klare Nachteile hat, und weil sie das Maximum aus den verbauten Sensoren herausholen wollen.

Heißt das, dass sich LeddarTech von der Lidar-Technik verabschiedet?

Nein, wir werden auch weiterhin die Lidar-Technik entwickeln. Aber wir fokussieren uns auch ganz klar auf die Softwareseite. Deshalb haben wir bei LeddarTech mittlerweile zwei Business Units: eine, die sich um die Weiterentwicklung der Lidar-Technik kümmert, und eine Business Unit, die die Perception- und Fusion Software in den Mittelpunkt stellt.

Heißt das, dass LeddarTech seine Software auch Kameraanbietern anbietet?

Ja klar, das kann ein Kameralieferant oder ein OEM sein. Das geht aber noch weiter: Unsere Perception Software ist auch nicht an unsere eigenen Lidar-Module gebunden, sondern wir arbeiten auch mit Lidar-Sensoren anderer Hersteller zusammen. Es geht LeddarTech ganz klar darum, das autonome Fahren zu realisieren. Lidar kommt mit Level 3, das zeigt zumindest das Beispiel von Daimler, aber Level 2+ – ich nenne es gerne »Level 2, das funktioniert« – ist genau das, was die Kunden wollen. Bislang hat die Automobilindustrie ihre Versprechen in Hinblick auf automatisiertes Fahren nicht erfüllt.


  1. »Das maximal Mögliche aus den Sensoren herausholen«
  2. Kunden können einzelne Parts nutzen

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