Schwerpunkte

Low Code statt Automatisierungs-Angst

Mitarbeiter gestalten die Industrie 4.0

05. August 2021, 11:23 Uhr   |  Ute Häußler

Mitarbeiter gestalten die Industrie 4.0
© Mendix

Mitarbeiter wollen die Digitalisierung aktiv mitgestalten. Unkomplizierte Ansätze für den Mittelstand zeigen über Citizen Developer schnell Erfolge. Wie Low Code die Wirtschaftlichkeit am Shopfloor erhöht, zeigt die zügige Digitalisierung bei dem Maschinenbauer Otto Martin.

AGVs (Automated Guided Vehicles) fahren durch menschenleere Fabrikhallen, Roboterarme greifen, schweißen und verpacken ohne einen menschlichen Handgriff. Die vollautomatisierte Fertigung hat auch eine dunkle Seite, zumindest in den Köpfen vieler Werker: Sie fürchten um die Abschaffung des Menschen. Obwohl Statistiken regelmäßig daraufhin weisen, dass mit steigender Digitalisierung keine Arbeitsplätze verschwinden, sondern im Gegenteil sogar neue entstehen, ist mit dem digitalen Wandel in der Produktion für einige Beschäftigte zumindest ein Wandel verbunden – und dieser ängstigt ebenfalls.

Der aktuelle Low-Code-Forecast 2021 der Siemens-Tochter Mendix widerspricht der oft beschworenen Angst vor Jobverlust durch Automatisierung und KI: Vielmehr wollen laut der Befragung unter 250 Beschäftigten aus der industriellen Fertigung 61 % der Beschäftigten aktiv die Digitalisierung ihres Unternehmens mitgestalten. Sogar 79 % der deutschen Industriemitarbeiter sind daran interessiert, neue digitale Skills wie das Programmieren einer App zu erlernen.

Digitale Fähigkeiten versprechen Karriere und Erfolg

Der Wunsch, die digitale Welt zu verstehen, mag ein Treiber für das Erlernen neuer Fähigkeiten sein, die Möglichkeit am Wandel teilzuhaben, statt davon wegrationalisiert zu werden, ein anderer. Dass mehr als Dreiviertel der von Mendix Befragten dem Erlernen neuer digitaler Fähigkeiten hohe Relevanz beimessen, zeigt die elementare Bedeutung in der beruflichen Zukunftsplanung. So gaben 51 % der deutschen Umfrageteilnehmer an, dass ihnen neue Fähigkeiten dabei helfen würden, in ihrem Job noch erfolgreicher zu sein. 43 % versprechen sich höhere Karrierechancen. 

+++++++++++++++++++++++++++++

Digital-Tipps vom Unternehmensberater für Fertiger: 
Groß denken, klein anfangen, jetzt!

+++++++++++++++++++++++++++++

Die Low-Code-Methodik zeigt, dass Softwareprogrammierung mehr und mehr zu einer grundlegenden Fähigkeit wird, die nicht nur Entwickler-Profis vorbehalten ist. Kein Unternehmen würde heute eine Büro-Assistenz ohne MS-Office-Kenntnisse einstellen. Die Entwicklung von Low Code ist derzeit noch nicht mit dem Siegeszug von Word seit Mitte der 1990er zum alltäglichen Büro-Standard zu vergleichen; doch mehr als 300.000 Industrieangestellte arbeiten nach Angaben von Siemens bereits aktiv mit Low-Code-Technologie; das Potenzial soll allein in Deutschland bei 1,8 Millionen beruflichen Low-Codern liegen.

Hans de Visser
© Mendix

Hans de Visser ist Vice President Product Management bei Mendix.

Firmen profitieren von den digitalen Werker-Ideen 

»Von der Demokratisierung der Software-Entwicklung durch Technologien wie Low Code und einem daraus resultierenden Schub für die Digitalisierung ist schon länger die Rede. Unsere Umfrage zeigt, dass auch Nicht-IT-Profis ein großes Interesse an mehr Entwickler-Skills haben«, sagt der Leiter des Mendix-Produktmanagements Hans de Visser. »Low Code kann als Digitalisierungstreiber in der Industrie wirken. Die 1,8 Millionen potenziellen Anwender, sogenannte Maker, haben zahlreiche Ideen für Anwendungen, die nur auf ihre Umsetzung warten und ihren Organisationen einen enormen Mehrwert liefern werden.«

Potenzial und Ideen sind das eine, davon gibt es im Industrie-4.0-Umfeld schon seit Jahren genügend, während die praktische Umsetzung gerade im Mittelstand oft noch auf sich warten lässt. Wie also sieht eine Low-Code-Integration in der Praxis aus? In der klassischen Fertigung, bei einem kleinen mittelständischen Maschinenbauer? 

Low Code beim Holzmaschinenbauer 

Sägen, Fräsen, Hobeln, Schleifen sind das Metier der Otto Martin Maschinenbau GmbH & Co. KG aus dem schwäbischen Ottobeuren. Seit 1922 steht der Maschinenbauer für gute Werkzeuge zum Bearbeiten von Holz; unter dem Hashtag #mymartinmachine werden in den sozialen Medien Holzverarbeitungsmaschinen auf der ganzen Welt gezeigt.

++++++++++++++++++++++++

Markt & Technik Interview der Woche:
Wieso ist die Digitalisierung der Industrie so schwierig?

++++++++++++++++++++++++

Der 170-Mitarbeiter-Betrieb hatte viele Ideen zur Digitalisierung der Allgäuer Produktion, war aber bereits mit den ersten Versuchen mehrfach gescheitert, zum Beispiel mit einer Umsetzung über ERP. »Das ist teuer, dauert lang und ist nicht flexibel. Und spätestens beim nächsten Update wird es wieder teuer,« fasst Geschäftsführer Michael Hammerer in einem Webinar des Low-Code-Anbieters Intrexx die Erfahrungen zusammen. »Die meisten Ideen sind an der Wirtschaftlichkeit gescheitert. Wir sind als Mittelständler zu klein, um teure Lösungen einzusetzen.«

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT
© Markt & Technik (uh)

Auf der Suche nach einem CAQ-System (Computer Aided Quality), welches sich herkömmlich erst nach 25 Jahren amortisiert hätte und aus Frust, »die Ideen seiner Mitarbeiter zu oft abschmettern zu müssen«, begab Hammerer sich mit seinem Qualitätsmanager aus dem klassischen Suchfeld heraus und stieß auf die deutsche Entwicklungsumgebung Intrexx. Die plattformunabhängige Low-Code-Lösung verspricht, Webapplikationen und auch komplette Industrie-4.0-Anwendungen per Drag & Drop zu erstellen und zu verwalten. Wichtig war für den Manager, dass  »auch Mitarbeiter, die nicht aus dem IT-Umfeld stammen«, mit dem Tool arbeiten können und es sich um ein Low-Code-Werkzeug, nicht um No Code, handelt. »Wir können wenn nötig Code einfügen; damit haben wir deutlich mehr Möglichkeiten.«

Digitalisierung Industrie 4.0 IIoT Low Code
© Otto Martin

»Wir können wenn nötig Code einfügen, damit haben wir deutlich mehr Möglichkeiten.«

Das erste Projekt hat das Portal bezahlt

Und dann ging alles wahnsinnig schnell. »Das CAQ-Projekt bot genügend Komplexität, um als Referenz für weitere Projekte auf der Roadmap zu dienen«, sagt Michael Hammerer. Die Shopfloor-Digitalisierung startete mit einem Kick-Off Workshop im Februar 2020, bereits einen Monat später ging das digitale Reklamationsmanagement via Mobile- und Web-Applikation live. Wo früher langwierig im Ticket-System, dem ERP, Excel, händischen Sperrzetteln sowie etlichen Nacharbeits- und Lieferantenscheinen Daten ständig neu erfasst und nie ganzheitlich ausgewertet wurden, brachte die digitale Dateneingabe am Tablet Konformität sowie Bearbeitung und Analyse in Echtzeit. 

+++++++++++++++++++++++++++

Noch mehr Tools & Low Code-Services gefällig?
4 Tools für die digitale Produktion und den Einstieg in die Digitalisierung

++++++++++++++++++++++++++++

Bisher mussten Reklamationsgründe umständlich beschrieben werden, jetzt zeigt ein digital gespeichertes Bild „kreuzförmige Kratzer auf der Oberfläche“ genauer. »Das ist eine große Hilfe. Wir verfügen nun über deutlich bessere Daten, unser Qualitätszentrum wird sofort informiert und kann direkt reagieren,« sagt Hammerer sichtlich erfreut. Seine Prozesse laufen besser und er konnte zudem eine Mitarbeiteridee umsetzen. Auch die Mitarbeiter sind nach seinen Angaben zufrieden, auch Nicht-PC-User in der Produktion nähmen das Projekt gut an und bedienten es intuitiv – immerhin kennen sie Tablets von daheim. Der Nutzerkreis ist seit März 2020 auf 60 Mitarbeiter gewachsen, die digitale Reklamationsabwicklung wird großflächig auf dem gesamten Shopfloor eingesetzt.

Der Punkt, der den Geschäftsführer am meisten freut, ist die Amortisation. »Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Wir haben alle Systeme integriert, der Prozess ist live und der Return on Investement (RoI) war inklusive Lizenzen nach einem halben Jahr erreicht.« Übersetzt heißt das: Jedes Folgeprojekt läuft ohne Anschubkosten noch wirtschaftlicher, die erste Applikation hat das Portal gezahlt.

Seite 1 von 2

1. Mitarbeiter gestalten die Industrie 4.0
2. 5 Schritte zum Low Code Erfolg, Citizen Developer

Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen Auf Linkedin teilen Via Mail teilen

Verwandte Artikel

INTREX Systems GmbH, Mendix, Siemens AG, Industry Automation