Milliardenauftrag für Siemens Energy

Windstrom für 4 Mio. Menschen

11. Januar 2023, 8:19 Uhr | Heinz Arnold
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Siemens Energy hat den weltweit ersten HGÜ-Konverter entwickelt, der 2 GW Strom von Windparks auf See an Land übertragen kann, Amprion Offshore setzt ihn erstmals ein.

Amprion Offshore hat jetzt den weltweit ersten Auftrag über zwei der neuen 2-GW-Systeme an Siemens Energy und Dragados Offshore vergeben, und steigt damit in die neue Leistungsklasse der 2-GW-Offshore-Netzanbindungen ein – und zwar in Rekordzeit. Damit wird die von den Windparks LanWin1 und LanWin3 in der Nordsee erzeugte Energie zu den HGÜ-Onshore-Konvertern (»HGÜ« steht für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) in Wehrendorf (Niedersachsen) und Westerkappeln (Nordrhein-Westfalen) gebracht.

Die Offshore-Konverter setzen den Wechselstrom, den die Windturbinen liefern, in Gleichstrom um, der über HGÜ-Kabel über eine Distanz von jeweils rund 390 km an Land gebracht wird. Die dortigen Onshore-Konverter verwandeln den Gleichstrom wieder in Wechselstrom, der über 380-kV-Leitungen weiter transportiert wird. Diese Trasse muss noch gebaut werden. Insgesamt können so bis zu 4 GW Strom transportiert werden, eine Menge, die ausreicht, den Bedarf von etwa 4 Mio. Menschen zu decken.
 

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Konverterstation auf hoher See.
Konverterstation auf hoher See.
© Amprion Offshore

Aufgrund der Beschleunigungsziele der Bundesregierung hatte Amprion Offshore den Bau der Konverter früher als geplant im Herbst 2022 ausgeschrieben. Die Pläne sehen vor, dass LanWin1 bereits 2029 anstatt 2031 und LanWin3 im Jahr 2030 anstatt 2033 in Betrieb gehen soll. Mit nur drei Monaten Ausschreibungs- und Vergabephase konnte Amprion den Prozess in Rekordzeit abschließen. Die Erfahrungen aus bisherigen Vergabeverfahren sind dabei ein wichtiger Faktor gewesen.

»Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dem beschleunigten Ziel der Bundesregierung, 30 GW Offshore-Windenergie bis 2030 zu installieren, gerecht zu werden. Deshalb freut es uns, mit Siemens Energy und Dragados Offshore zwei Partner gewonnen zu haben, die unsere Konverter schnell und zuverlässig realisieren können«, sagt Peter Barth, Geschäftsführer von Amprion Offshore. »Wir werden gemeinsam wichtige Pionierarbeit auf dem Weg zur Klimaneutralität leisten.«

Das Auftragsvolumen für das Konsortium liegt bei über 4 Mrd. Euro inklusive der Instandhaltung für zehn Jahre. Es ist der größte Offshore-Netzanbindungs-Auftrag, den Siemens bis jetzt erhalten hat. Siemens Energy liefert im Rahmen des Projekts die zwei Konverter-Plattformen auf dem Meer und die zwei dazugehörigen Stationen an Land. Dragados übernimmt die Konstruktion und den Bau der Offshore-Plattformen sowie sämtliche Installationsarbeiten und den Anschluss der Offshore-Plattformen.

Mit dem Windenergie-auf-See-Gesetz hat die Bundesregierung die Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau der Windenergie auf See festgesetzt: Die installierte Leistung soll bis 2030 auf mindestens 30 GW steigen, bis 2045 sollen sogar mindestens 70 GW erreicht werden. Dafür braucht es allerdings nicht nur neue Windparks. Um den Strom über weite Strecken nahezu verlustfrei zu transportieren, müssen mehr leistungsstarke HGÜ-Systeme gebaut werden. Die Erhöhung der Übertragungsleistung auf 2 GW stellt dabei einen entscheidenden Technologiesprung dar, denn es können über die neuen Systeme wesentlich mehr Windparks an das Netz angeschlossen werden als früher. Die zuletzt umgesetzten Projekte von Siemens Energy erreichen eine Übertragungsleistung von 900 MW. Den Sprung auf 2 GW schafft Siemens Energy durch die Ausführung der Anlagen in einer »Bipol-Konfiguration«. Damit können die Anlagen effektiv mit der doppelten Spannung arbeiten und so die doppelte Leistung übertragen. Die Anlagen gehören zu den weltweit ersten Offshore-Netzanbindungen dieser Art.

Eine der Plattformen, die Dragados baut.
Eine der Plattformen, die Dragados baut.
© Dragados

»Das 2-GW-System macht die Übertragung grünen Stroms effizienter und schafft eine Standardisierung, wo bisher Einzelanfertigungen nötig waren«, sagt Tim Holt, Mitglied des Vorstands von Siemens Energy.

Der Lieferumfang von Siemens Energy besteht insgesamt aus zwei Konverter-Plattformen auf dem Meer und zwei dazugehörigen Stationen an Land. Die Windturbinen erzeugen Wechselstrom und speisen diese in die Konverter-Plattformen. Diese wandeln den Wechselstrom in Gleichstrom um. Nur so können die großen Mengen an Energie über ein Gleichstrom-Kabel die lange Distanz von jeweils rund 390 Kilometer verlustarm zu den beiden Konverter-Stationen an Land zurücklegen. Diese werden in der Nähe von Wehrendorf im südlichen Osnabrücker Land in Niedersachsen und Westerkappeln im nördlichen Nordrhein-Westfalen errichtet.

Europäische Technologie für die Energiewende

Die wesentlichen Hochspannungsbetriebsmittel für die beiden Anschlusssysteme, wie etwa die Konverter-Technologie, Transformatoren oder Schaltanlagen, wird Siemens Energy in Deutschland fertigen. Siemens Energy wird zudem die komplette Wartung der Anlagen für zehn Jahre übernehmen. Dazu gehören unter anderem Serviceleistungen zur Sicherstellung der Cybersicherheit und der Transportlogistik, wie zum Beispiel die Bereitstellung von Service-Schiffen und Helikoptern. Der spanische Konsortialpartner Dragados Offshore verantwortet den Bau sowie die Offshore-Installation der zugehörigen Plattformen. Der Bau erfolgt in der Werft des Unternehmens in Cádiz, Spanien.

Die Anbindungssysteme werden bereits ab 2029 und 2030 Strom übertragen und somit Deutschlands beschleunigte Ziele der Energiewende unterstützen. Zudem sind die Stationen so ausgelegt, dass sie zukünftig auch in Multi-Terminal-Systemen integriert werden können. Statt reinen Punkt-zu-Punkt- Verbindungen könnten dann mehrere Gleichstrom-Verbindungen in einer Station zusammenlaufen. Durch diese Gleichstromnetze an Land und auf hoher See (als Offshore-Hubs) soll Strom in Zukunft flexibler und schneller zu den Verbrauchern gebracht werden. Die Konverter-Anlagen sind dabei die Strom-Drehkreuze an den Netzknotenpunkten, die den Strom je nach Bedarfssituation übertragen.

Schon im vergangenen Sommer hatte Amprion das spanisch-deutsche Konsortium mit dem Bau der Konverter für DolWin4 und BorWin4 beauftragt. Dabei haben die Unternehmen eine um ein Jahr beschleunigte Inbetriebnahme für BorWin4 zugesagt. Dass für LanWin1 und LanWin3 nun eine noch größere Beschleunigung zugesagt werden konnte, freut Amprion besonders: »Der Markt ist aktuell extrem angespannt. Besonders die Werftstandorte für Konverterplattformen sind in Deutschland und Europa Mangelware. Deshalb sind zwei beziehungsweise drei Jahre Beschleunigung eine enorme Herausforderung«, sagt Dr. Carsten Lehmköster, der gemeinsam mit Barth Geschäftsführer von Amprion Offshore ist. »Die Zusage unserer Partner ist ein extrem wichtiges Zeichen. Wir arbeiten jetzt gemeinsam daran, die Beschleunigungsmaßnahmen umzusetzen, um die Ziele der Bundesregierung zu erfüllen.«


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