Offene Stellen Ingenieur-Arbeitsmarkt bleibt robust

Thomas Hegger, Personalberater und stellvertretender Vorsitzender im VDE-Ausschuss „Studium Beruf Gesellschaft“
»In den Ingenieurberufen der Energie- und Elektrotechnik liegt ein bundesweiter Engpass vor.«
Thomas Hegger, Personalberater und stellvertretender Vorsitzender im VDE-Ausschuss „Studium Beruf Gesellschaft“ »In den Ingenieurberufen der Energie- und Elektrotechnik liegt ein bundesweiter Engpass vor.«

Der Arbeitsmarkt zeigt sich robust. Hiring Freeze wegen Unsicherheiten wie bremsender Weltwirtschaft, Zoll-Streitigkeiten und Aktienmarkt-Turbulenzen? Nicht in Sicht.

»Wir sehen nicht, dass der Bedarf an Entwicklungsingenieuren in den Bereichen Hardware, Software und Test, für Digitalisierung und IoT nachlassen wird«, heißt es beispielsweise von Thomas Hegger von Hegger Riemann & Partner. Im Gegenteil: »In den Ingenieurberufen der Energie- und Elektrotechnik liegt ein bundesweiter Engpass vor.«

Der Personalberater arbeitet parallel als stellvertretender Vorsitzender im VDE-Ausschuss „Studium Beruf Gesellschaft“ und registriert: »Gerade in der Entwicklung werden zusätzliche Mitarbeiter eingestellt und neue Abteilungen aufgebaut.« Denn bei Digitalisierung, Industrie 4.0, Elektromobilität mit Infrastruktur und Fahrzeugtechnik sowie beim autonomen Fahren sei man ja gerade erst am Anfang.

»Die vor einigen Jahren beschriebene Gefahr eines Schweinezyklus bei Ingenieuren und Informatikern hat sich als kompletter Fehlalarm erwiesen«, bestätigt Dr. Oliver Koppel vom Institut der deutschen Wirtschaft und klingt dabei fast ein wenig triumphierend. »Zwar sind die Absolventenzahlen in den Fachbereichen Maschinenbau und Elektrotechnik in den letzten 10 Jahren sehr stark angestiegen, aber die Aufnahmekapazität des Arbeitsmarkts in Folge von Megatrends wie Digitalisierung und Industrie 4.0 sogar noch stärker.«

Für die suchenden Unternehmen – und hier vor allem der Mittelstand auf dem Land – ist das wenig tröstlich. Denn der leidet nicht nur unter fehlendem Breitbandzugang, sondern auch unter zu wenig IT-Experten. »Hier herrscht eine „Digital Divide“ zwischen Stadt und Land. Bezogen auf 10.000 Angestellte arbeiten in kreisfreien Großstädten aktuell 137 in Informatikberufen. In dünn besiedelten Kreisen sind es gerade einmal 25. Die Informatikerdichte in Großstädten liegt also mehr als fünfmal so hoch«, erklärt Koppel.

Embedded-Software eskaliert

Vor allem die Nachfrage im Bereich Embedded-Software eskaliere dieser Tage geradezu, sagt Personalberaterin Renate Schuh-Eder von Schuh-Eder Consulting, egal ob bei Großunternehmen, Mittelstand, Startup, egal ob München, Düsseldorf oder in ländlichen Regionen. Funktionen mit tiefen fachlichen Skills, aber auch Projektleiter und gute Vertriebsleute seien – quer durch alle Marktsegmente – kaum zu bekommen; »alle suchen, und meist lange!« Geschuldet sei das dem Trend zu Digitalisierung und IoT, präzisiert Berater-Kollege Hegger. Beispiel Test&Verifikation: »Die Testaufgaben hier werden größer und komplexer, damit steigt auch der Bedarf an Fachkräften in diesem Bereich.«

Zwar spricht Katharina Hain von Hays auch Versäumnisse der Unternehmen an und daher auch einen »gefühlten Fachkräftemangel«. Aber Engpässe gebe es auf jeden Fall: »Durch die zunehmende Automatisierung und Verschlankung wird sich das zukünftige Berufsbild eines Ingenieurs eher an Schnittstellen beispielsweise zur IT oder in der Entwicklung neuer Produkte zur Automatisierung, IoT und Digitalisierung hin entwickeln.« Auch Hochsprachen wie C++ oder C# und Java seien gefragt, in der E-Mobilität Cloud-basierte Ansätze und IT-Sicherheit. Und bei der Vernetzung im Embedded-Bereich gehe es immer stärker um Ethernet und nicht mehr um Controller oder Industriebusse.

Also kein Nachfragerückgang oder gar Hiring-Freeze, obwohl sowohl der Internationale Währungsfonds (IWF) als auch die Bundesregierung ihre Wachstumsprognosen gesenkt haben und das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr deutlich niedriger ausfallen soll?

Keiner bekannt, da stimmen alle überein. »Stand heute gibt es keine negativen Signale im Markt – wir reden immer noch über Wachstum«, so Renate Schuh-Eder. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier – in absehbarer Zeit – zu einer größeren Korrektur kommt.« Thomas Hegger ebenfalls nicht.

Im Gegenteil: »In den kommenden Jahren werden ca. 12.000 Elektroingenieure pro Jahr aus dem Berufsleben ausscheiden. Mit dem wachstumsbedingten Zusatzbedarf erwartet der VDE, dass jährlich mindestens 21.000 Ingenieure der Elektrotechnik von der Industrie nachgefragt werden. Wir vom VDE-Ausschuss „Studium Beruf & Gesellschaft“ gehen aber davon aus, dass nur ca. 8000 Absolventen der Elektrotechnik die Hochschulen pro Jahr verlassen werden.« Die Nachfrage nach Ingenieuren der Elektrotechnik werde »aus unserer Sicht« auch die kommenden Jahre weiter hoch bleiben und sogar noch darüber hinaus anwachsen: »Verschiedene Studien zeigen, dass Unternehmen ihre Fertigung gerade aus dem asiatischen Markt zurück nach Deutschland holen, da der hohe Automatisierungsgrad wieder eine wettbewerbsfähige Fertigung in Deutschland erlaubt.«, so Hegger.

Gerade mal eine Mini-Stagnation im Personaldienstleistungsbereich registriert Katharina Hain von Hays, die auf die aktuelle Situation auf dem Weltmarkt, der Einführung von Zöllen und politischen Ungereimtheiten zurückgeführt werden könnte. Laut der hauseigenen Statistik „Hays Fachkräfteindex“ hat es im vergangenen Quartal einen leichten Rückgang in der Nachfrage nach Entwicklungs- und Elektroingenieuren gegeben. Das sei allerdings kein langfristiger Trend. Wenn überhaupt, dann erwartet Hain das eher in »der Arbeitsvorbereitung, Qualitätssicherung und Instandhaltung«.