Roundtable-Diskussion

Homeoffice gegen Fachkräftemangel?

13. Dezember 2019, 11:14 Uhr | Corinne Schindlbeck

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

»Der Master schadet nie«

Das sieht Holger Schötz ganz genauso: »Eine gute Balance muss es sein. Die solide technische Grundlage ist wichtig, dazu auch team-, kritik- und konfliktfähig zu sein, widerspricht dem nicht«. Wer vernetzte Produkte entwickeln wolle, müsse vernetzt denken und arbeiten können, dazu braucht es Kommunikation und Selbstmanagement, Work-Life-Balance und die Fähigkeit, sich abzugrenzen. Schötz sei ein Fan von Mannschaftssport, ein technisches Thema »muss man auch mal kontrovers diskutieren und dennoch nachher weiter produktiv nach vorne weiter tragen können«. Das frage man im Übrigen auch im Bewerbungsgespräch ab. Bei all dem setzt Rohde&Schwarz stark auf die eigene Ausbildung, »wir legen sehr viel Wert darauf, fachlich gute Grundlagen zu legen, auf deren Basis man sich weiterentwickeln kann«.

Bachelor, Master, Promotion - Was lohnt sich heute?

Rohde&Schwarz kann auf die Experten nicht verzichten: »Wir stellen nach wie vor gerne die Einser-Kandidaten ein, die brauchen wir auch. Auch die Promotion sehen wir nach wie vor sehr gerne!« Denn, so Schötz: »Ich kann zwei halbe Spezialisten einstellen, das bringt mir zwar mehr Kapazität, aber ich bekomme das Problem nicht gelöst«. Aber auch Bachelors lädt Rohde&Schwarz ein, sich zu bewerben »und sich dann über die Jahre gemeinsam weiter zu entwickeln«.

Sich gemeinsam zu entwickeln – in diesem Zusammenhang betont Michael Lupbrand den Wert der Mitarbeiterbindung. Den schnellen und häufigen Wechsel alle zwei bis drei Jahre, um in Sachen Karriere voran zu kommen, »das erlebe ich so heute nicht mehr«.

Personalberater Michael Köhler kann nicht pauschal sagen, welcher Abschluss – Bachelor, Master oder Promotion – zu bevorzugen ist, es komme darauf an. Vor allem im dualen System sei der Bachelor eine runde Sache, die Weiterqualifizierung – Köhler bezeichnet es als Durchlässigkeit nach oben – jederzeit möglich. Wer sich für die Entwicklung entscheide, für den sei der Master als Vertiefung sicherlich eine gute Wahl, für den Vertrieb oder als Field Application Engineer der Bachelor ausreichend. Die Promotion hingegen ist laut Köhler keine Voraussetzung mehr für eine steile Karriere, sondern eine persönliche Entscheidung. Auch Lupbrand hält den Dr.-Ing. für den Mittelstand eher nicht erforderlich und keine Voraussetzung für eine Position auf Top-Management-Ebene.

»Der Master schadet nie. Aber auch ein Bachelor ist nicht unfertig!«, das ist André John vom ZVEI wichtig. Und betont die Durchlässigkeit: »Man verbaut sich nichts, auch nicht mit einer Ausbildung«.

Angesichts hoher Abbrecherquoten die Anforderungen des Elektrotechnikstudiums zu senken – das hält keiner auf dem Podium für eine gute Idee, so stellvertretend Holger Schötz: »Das macht keinen Sinn, nur weil der Bedarf so hoch ist.« Schötz setzt eher auf Entwicklung. Wer sich nach einer Ausbildung für ein Studium entscheide, treffe diese Entscheidung sehr bewusst, das sei kein Automatismus. Schötz hält sehr viel von der Reihenfolge Ausbildung – Weiterqualifizierung - Studium, das habe einen Wert, den man – etwa bei besorgten Eltern - mehr verankern müsse. »Man muss nicht jeden aufs Gymnasium schieben«.

Was sagte die Runde zu Kritik wie, bei einem echten Fachkräftemangel wären die Gehälter höher? »Ein Schmarrn« sei das, kontert Köhler, »Ingenieure sind sehr gut bezahlt, besser als andere Berufe und Stände«. Die Einstiegsgehälter in München seien sogar schon „verdorben“, ein Bachelor bei BMW beginne mit 55.000 Euro und steigere sich dann relativ schnell, »und die können ja eigentlich noch nichts. Das ist in keiner Weise unterbezahlt!« Mittelständler hätten echte Probleme, da mitzuhalten.

Wächst auch deshalb die Bedeutung von Zusatzleistungen? Bewerber würden zunehmend danach fragen, beobachtet Schötz, der das sehr ernst nimmt: »Das sind Themen der Zukunft, auch um - und das gilt für die gesamte Branche - konkurrenzfähig zu bleiben«. Das Gesamtpaket müsse eben stimmig sein, ergänzt Lupbrand und bricht eine Lanze für seine mittelständische Branche, die Freiräume biete und man schneller in Verantwortung kommen könne als in Konzernen – und auch attraktive Zusatzleistungen böte, z.B. 31 Tage Jahresurlaub wie bei Steca. Holger Schötz wirbt mit der Innovationskultur bei Rohde&Schwarz: »Wer wegen des Geldes kommt, geht auch wegen des Geldes«. Sein Unternehmen gewähre zudem Homeoffice und bietet Sabbaticals, letzteres werde allerdings noch selten nachgefragt. Das Vertrauen in den Mitarbeiter sei bei alldem entscheidend und für Schötz kein Problem: »Wenn einer nix tun will, das kann er auch im Büro«.

Auch für Michael Lupbrand sind Sabbaticals eine tolle Möglichkeit, um Mitarbeiter zu binden, Homeoffice ein Zeichen für einen Vertrauensvorschuss, den man als Unternehmen geben müsse. Und auch Michael Köhler sieht Homeoffice im Trend: »Das ist in unseren Projekten immer ein Thema, und bei Softwareentwicklern oder im Vertrieb auch gut möglich. Den Wunsch nach Sabbatical registriert SchuhEder Consulting hingegen seltener, aber vielleicht komme das jetzt.

Um unter jungen Leuten mehr Aufmerksamkeit für das Elektrotechnikstudium zu erzeugen, stelle der ZVEI gerade alles unter das Schlagwort „Innovation schützt Klima“, erzählt André John: »Im Moment noch verstärkt bei Ausbildungsberufen, künftig verstärkt auch mit Blick auf Ingenieure«, www.myefuture.org heiße das dazu gehörige, neue Portal. »Es gibt keine andere Branche momentan, mit der man mehr für die Zukunft bewegen kann. Selbstwirksam sein, die Welt verändern - das geht bei uns und zwar genau jetzt - am allerbesten.« Für die Unternehmen werde die Nachwuchsgewinnung zu einer echten Herausforderung – »für die potenziellen Beschäftigten hingegen ist das eine Einladung«.


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