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Corona-Epidemie zeigt:

»Abhängigkeit von der chinesischen Lieferkette ist gefährlich!«

06. März 2020, 09:11 Uhr   |  Karin Zühlke

»Abhängigkeit von der chinesischen Lieferkette ist gefährlich!«
© Eurocircuits

»Wir haben unsere Unabhängigkeit verloren«, sagt Dirk Stans, Geschäftsführer von Eurocircuits. Er bringt damit das Manko der europäischen Elektronikindustrie auf den Punkt und fordert nachhaltiges Umdenken bei den Kunden.

Für die Jüngeren unter uns: Wie kam es seinerzeit überhaupt zu dieser Abhängigkeit von der chinesichen Lieferkette?

Dieser Effekt setzte bereits in den 1980er Jahren ein, als sich größere europäische Elektronikkonzerne in China niederließen, um von den billigen Arbeitskräften und Ressourcen zu profitieren. Sie alle gründeten Joint Ventures mit chinesischen Aktionären, die Produktionsstätten zur Herstellung von in Europa entwickeltem geistigem Eigentum – IP - errichteten. Kein Jahrzehnt nach Beginn dieser Bemühungen schossen chinesische Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Sie brachten ähnliche Produkte auf den Markt, jedoch zu geringeren Kosten für die Kunden, nahmen rasch dominierende Marktanteile ein und überschatteten ihre ehemaligen europäischen Partner. Wir alle kennen die großen Namen aus den 1980ern und 90ern, die unter diesem eher naiven Ansatz des chinesischen Fertigungswunders gelitten haben.

Was sind die Folgen dieser Abhängigkeit?

Diese Strategie dezimierte den europäischen PCB-Markt, der einst mehr als 40% des Weltmarktes ausmachte. Heute ist dieser geringer als 3%, wobei auf China über 50% der weltweiten Leiterplattenproduktion entfällt. Eine ähnliche Situation entwickelt sich auf dem Markt für die Herstellung von Bauteilen. Es ist nicht verwunderlich, dass die Auswirkungen auf den europäischen Elektronikmarkt enorm sind, wenn der Fertigungsmotor China stottert, wie wir kürzlich bei der Situation mit den Coronaviren gesehen haben. Es mag nicht überraschen, dass in solchen Situationen die verbleibenden europäischen Leiterplattenhersteller, die 3% des Weltvolumens ausmachen, nur einen kleinen Teil des Mangels des 50% -Riesen ausgleichen können.

Es wird immer schwieriger Vertriebs- und Serviceorganisationen auf dem EU-Markt zu halten. Auch Basismateriallieferanten reduzieren ihre Präsenz in Europa oder sind einfach nicht mehr anwesend. Vieles, was wir in der Leiterplattenindustrie brauchen, kommt aus China. Auch wenn wir einen europäischen Hersteller von Basismaterial haben, so bezieht er die Kupferfolie aus China. Die Abhängigkeit der europäischen Elektronikindustrie von der chinesischen Lieferkette ist gefährlich und ohne echte europäische Unterstützung eine schwierige Situation für die Branche.

Was bleibt aus Ihrer Sicht dann überhaupt noch für Europa, speziell in Ihrem Geschäftsfeld, also Prototypen und kleine Serien an Leiterplatten und Baugruppen?

Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal gegen Nicht-EU-Zulieferer hat sich die verbleibende europäische Leiterplattenindustrie auf Prototypen und Kleinserien mit schnellen Lieferzeiten für den Elektronikentwickler konzentriert.

Dieser Bereich rückte in den letzten fünf Jahren allerdings auch zunehmend ins Interesse chinesischer Lieferanten, obwohl das Volumen der Einzelaufträge ja eher gering ist – woran liegt das?

Der Grund liegt auf der Hand, denn die Entwicklung liegt am Anfang der Wertschöpfungskette. Jetzt, wo die größeren Volumen bereits in chinesischer Hand liegen, sollen Prototypen und Kleinserien folgen. Sie bieten Schleuderpreise an, um sich ihren Weg in den Elektronikentwicklermarkt zu bahnen. Den Chinesen helfen sogar unsere Zollregeln. Für Werte unter 22 Euro wird keine Mehrwertsteuer erhoben und bei Warenwerten unter 150 Euro fallen keine Zollabfertigungskosten bei der Einfuhr nach Deutschland an. Da die Preise für chinesische Prototypen in der Regel sogar unter dem Mehrwertsteuerschwellenwert liegen, sind sie für Studenten und Schulen sehr attraktiv. Hier fehlt offenbar das Bewusstsein dafür, dass die Ausbildung in Deutschland und in Europa mit Steuergeldern finanziert wird.

Besonders evident wird die Abhängigkeit von chinesischen Zulieferern in Krisenzeiten wie aktuell durch das Coronavirus.  Da besinnen sich die Kunden dann ironischerweise gerne auf die europäischen Zulieferer. Diese Tatsache beschert Ihnen momentan eine wahre Auftragsflut. Wie gehen Sie damit um?

Als Online-Unternehmen trifft uns das so sehr, dass wir aktuell dreimal mehr Leiterplatten in der laufenden Produktion haben als normalerweise. Das Bestreben, unserem Kerngeschäft treu zu bleiben, und das Alleinstellungsmerkmal, bestückte und unbestückte Leiterplattenprototypen und Kleinserien schnell zu liefern und gleichzeitig unseren hohen Qualitätsstandard für unsere Produkte und Lieferungen beizubehalten, zwingt uns dazu, Maßnahmen zu ergreifen, um unseren Auftragseingang zu reduzieren.

Seit 5 Wochen erhalten wir immer mehr und immer größer werdende Bestellungen als wir verarbeiten können. Wir haben unsere Kapazität auf ein Maximum erweitert, indem wir Feiertage gestrichen haben und zusätzlich auch an Wochenenden arbeiten. Ende Februar haben bereits die Lieferzeiten für Bestellungen über 100 dm2 auf 20 Arbeitstage verlängern müssen. Heute müssen wir jedoch feststellen, dass dies keinen Einfluss auf unseren täglichen Auftragseingang hatte. Die enorme Auftragslage wird von Tag zu Tag prekärer, ohne dass eine Beruhigung der Auftragslage in Sicht wäre. Wir bemühen uns natürlich, so vielen Kunden wie möglich zu helfen. Wunder können wir allerdings nicht vollbringen. 

Europa kann mit seinen weniger als 3% des weltweiten Volumens der Leiterplattenherstellung nicht die Probleme des 50%-igen Riesen aus China ausgleichen.

Das ist eine Momentaufnahme, aber was passiert, wenn der Virus wieder zurückgedrängt ist und der normale Arbeitsalltag in China wieder läuft? Gehen Sie davon aus, dass bei einigen Kunden jetzt ein Umdenken stattfindet und Aufträge auch nach der Corona-Epidemie in Europa bleiben?

Es wäre traumhaft, wenn wir nach der Coronakrise noch immer die gleiche Anzahl von Aufträgen hätten!  Dies wäre eine solide Basis für weitere Investitionen in zusätzliche Kapazitäten. Europaweit würden neue Produktionsstätten für Leiterplatten entstehen und junge eifrige Ingenieure wieder eine Zukunft in der Leiterplattenindustrie finden. Dies würde die Entwicklung neuer Technologien anregen, um die Leiterplattenproduktion sauberer, zuverlässiger und kostengünstiger zu gestalten. Maschinenbauer wären motiviert, in einen technischen europäischen Service zu investieren. Materiallieferanten wären wieder daran interessiert, Produktionskapazitäten in Europa aufzubauen. All dies würde uns weniger abhängig von der chinesischen Versorgung machen, da wir unsere eigene starke europäische Alternative hätten, um einer neuen Krise entgegenzuwirken.

Wie lange würde es dauern, bis Sie mit zusätzlichen Kapazitäten die Arbeit aufnehmen könnten?

Das würde bis zu sechs Monate dauern und auch einige Garantien erfordern. Kunden, die bereit sind, mittelfristig zu denken, zu handeln und sich zu engagieren und bereit sind, mit uns in dieser Angelegenheit zu sprechen, können uns diesbezüglich also sehr gerne kontaktieren. Ein Traum muss schließlich irgendwo seinen Anfang nehmen….!

Dies ist ein Auszug aus dem Interview mit Dirk Stans, geführt auf der embedded world 2020 in Nürnberg. Das ganze Interview lesen Sie in der Markt&Technik Ausgabe 11, im Supplement Produktion & Dienstleistung.

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