Interview mit Dr. Stephanie Watts Butler »Ingenieure können die Welt verändern!«

Stephanie Watts Butler ist Technology Innovation Architect für High Voltage Power Products bei TI und leitet ein JEDEC-Komitee, das Standards für Wide-Bandgap-Schalter erarbeitet. Wir sprachen mit ihr darüber, warum sie Ingenieur wurde und wie man mehr Frauen für Leistungselektronik begeistern kann.

DESIGN&ELEKTRONIK: Dr. Watts Butler, Sie sind eine der am höchsten ausgezeichneten Ingenieurinnen. Bitte erzählen Sie uns etwas mehr dazu.

Stephanie Watts Butler: Das Dallas Business Journal verleiht jährlich die Auszeichnung Women in Technology, die ich im Jahr 2015 erhalten habe. Ein Jahr später ehrte mich die Society of Women Engineers mit ihrer höchsten Auszeichnung, dem Achievement Award. Dieser wird für herausragende technische Leistungen über mindestens zwanzig Jahre auf dem Gebiet der Ingenieurwissenschaften verliehen. Und im vergangenen Jahr hat Business Insider eine Liste der einflussreichsten Ingenieurinnen zusammengestellt. Ich bekam eine E-Mail von einem Freund, der sagte, dass ich auf dieser Liste stehe.

Sehr beeindruckend! Aber wenn ich mir die Sessions hier bei APEC ansehe, ist die Leistungselektronik doch eine Männerdomäne. Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, damit sich mehr und mehr unterschiedliche junge Leute für die Ingenieurswissenschaften entscheiden?

Nehmen wir als Beispiel mal den recht geringen Anteil an Ingenieurinnen. Ich denke, es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum nur relativ wenige junge Frauen eine solche Laufbahn ins Auge fassen.

Erstens: Wenn sich junge Mädchen umsehen, was sie in beruflich tun wollen, dann bekommen sie nicht unbedingt ein positives Bild von den Ingenieurwissenschaften. Es gibt eine Art gesellschaftlichen und Gruppendruck im Hinblick darauf, was für ein Mädchen angemessen scheint und was nicht. Und viele Menschen empfinden das Ingenieurwesen für ein Mädchen leider als nicht geeignet. Der zweite Grund hat mit der Art der Kommunikation zu tun. Ingenieurskunst wird von der Allgemeinheit oft nicht als wertvoll wahrgenommen. Die übliche Art und Weise, wie Berufs- und Studienberater junge Menschen angegangen haben, war mit Sätzen wie »Mathe ist spannend« oder »Wenn man gut in Mathe, Physik und so weiter ist, kannst du Ingenieur werden«.

Ich selber bin in die Technik gegangen, weil ich ein Plakat für meine Fakultät gesehen hatte, das davon sprach, dass Ingenieure die Welt verändern können. Mich begeisterte die Idee, mit meinen Mathe-Kenntnissen und meinen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Team zu arbeiten und die Welt zu verändern. Dieses Poster beschrieb eigentlich gar nicht, was ein Ingenieur konkret tut, sondern wie sich dessen Arbeit auf die Gesellschaft und unseren Planeten auswirkt.Diese Form der Kommunikation war damals in den späten 1970-er, Anfang der 1980-er Jahre, als ich mich mit dem Ingenieurwesen zu beschäftigen begann, ihrer Zeit weit voraus. Heute ist das anders. Heute lautet das Motto des IEEE wie auch von fast jeder Universität: Wir verändern die Welt. Das liegt zum Teil daran, dass man nur so die Millennials erreicht. Und genau dieser Ansatz wird auch Frauen und andere anziehen.

Allerdings haben Frauen, genauso wie Männer, zahlreiche Möglichkeiten, aus denen sie wählen können. Wenn sie wirklich sehr gut sind – und das ist die Art von jungen Leuten, die wir haben wollen – und sie nicht herzlich aufgenommen werden für das, was sie beizutragen haben, dann werden sie sich einen anderen Bereich suchen, in dem ihr Beitrag ausdrücklich gewürdigt wird. Ironischerweise ist der Frauenanteil in den Naturwissenschaften viel höher als in den Ingenieurwissenschaften. Und mal ehrlich, welche Vorstellung haben Sie von einem typischen Leistungselektroniker?

Einen reiferen Herren?

Ganz genau! Das sieht man auf Konferenzen wie dieser. Aber wenn man das jüngere Publikum herausgreift und genauer betrachtet, sieht man deutlich mehr weibliche Teilnehmer. Da stellt sich aber die Frage: Wie behalten wir sie in der Leistungselektronik? Wir müssen die Leistungselektronik mit dem Gemeinwohl verknüpfen. Und diese Aufgabe ist nicht schwierig. Denken Sie an Schlagworte wie zuverlässige Energieversorgung, Energieeffizienz, kleinere Stromversorgungen oder eine umweltbewusste Gesellschaft. Oder denken Sie an Tesla. Alle jungen Leute lieben Tesla. Aber was versetzt dieses Unternehmen in die Lage, diese großartigen Dinge zu tun? Alles hängt mit Energiemanagement zusammen!

Leistungselektronik ist zweifellos ein sehr faszinierendes Gebiet für junge Leute, egal ob Mann oder Frau, weiß oder farbig. Wir müssen dies zu einem Ort machen, an dem jeder an den Tisch kommen und sich beteiligen kann. 

Kommen wir noch einmal darauf zurück, wie Sie sich zur Ingenieurskunst hingezogen fühlten. Nachdem Sie dieses Plakat gesehen haben, was waren Ihre folgenden Schritte?

Ich habe Chemie-Ingenieurwesen studiert. Aber bevor ich diesen Studiengang gewählt hatte, hatte ich noch nie einen Ingenieur getroffen. Also entschloss ich mich, mithilfe längerer Praktika herauszufinden, was Ingenieure tatsächlich tun, um die Welt zu verbessern. Vor diesem Hintergrund landete ich bei Texas Instruments. Dort hatte ich es mit der Prozess- und Anlagensteuerung zu tun. Nach der Halbleiterfertigung verbrachte ich einige Zeit im Bereich Forschung und Entwicklung, bevor ich schließlich zu den Themen Kontrolle, Statistik und Modellierung promovierte.

Ich hatte sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder, aber damit war ich eine der wenigen Personen in der Forschung und Entwicklung, die mit allen unseren Fabs zusammengearbeitet hatten. Ich war in einer Wafer-Fab, im Prüffeld, in Assemblierungsstätten sowie in der Prozesskontrolle und Messtechnik tätig. Dies führte mich schließlich zurück zu Power und erneuerbaren Energien, als ich in den Geschäftsbereich Analog von TI eintrat, um dort Technologien und Produkte für künftige Generationen zu entwickeln.

Dort schloss sich für mich persönlich ein Kreis: Ende der 1970-er Jahre, als ich in Oklahoma auf der High School war, gewann ich einen Aufsatz- und Vortragswettbewerb zum Thema über die Zukunft der Energie, und ich konzentrierte mich dabei auf den Wandel hin zu erneuerbaren Energien. Das war mein erster Kontakt mit der Leistungselektronik, ohne dass ich mir dessen bewusst war.

Was ist für Sie in der Leistungselektronik so reizvoll?

Viele Menschen halten Analogtechnik und Leistungselektronik für veraltete Technologien. Aber die Systeme, in die sie hineinkommen, sind völlig neuartig. Ich liebe es, Dinge in die Serienfertigung zu überführen, die noch nie zuvor getan worden sind. Dorthin zu gehen, wo noch niemand zuvor gewesen ist – und das auf eine Weise, die der Allgemeinheit nützt.

Dr. Butler, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Das Interview führte Ralf Higgelke.