DLR-Studie zur Mobilität

Wie hat das 9-Eu­ro-Ticket un­se­re Mo­bi­li­tät ver­än­dert?

26. August 2022, 15:03 Uhr | Kathrin Veigel
DLR 9-Euro-Ticket Mobilität
Fast 50 Prozent der vom DLR Befragten nutzten ÖPNV im Aktionszeitraum zur Flatrate: 28 Prozent über das 9-Euro-Ticket und 20 Prozent über vorhandene Zeitkarten.
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In einer Studie hat das DLR untersucht, wie sich das 9-Euro-Ticket auf das Mobilitätsverhalten ausgewirkt hat. Ergebnis: Das Ticket hatte einen ähnlich starken Effekt auf das Mobilitätsverhalten wie die Corona-Pandemie, und die Öffentlichen erhielten einen starken Aufwind.

Für die aktuelle Studie befragte das Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Zeitraum von Ende Juni bis Mitte Juli 2022 rund 2.500 Personen. Die Studie ist der sechste Teil einer Befragungsreihe, mit deren Hilfe die Forscher Veränderungen im Mobilitätsverhalten und den Gründen dafür auf die Spur gehen.

Im Fokus steht dabei, welche Verkehrsmittel die Befragten vor und während der Corona-Pandemie nutzen sowie Mobilität in den Bereichen Einkaufen, Arbeiten, Freizeit und Reisen. Der Schwerpunkte der aktuellen Befragung liegt auf der Nutzung des 9-Euro-Tickets sowie auf den Einstellungen der Befragten zu diesem zeitlich begrenzten Mobilitätsangebot.

»Das 9-Euro-Ticket zeigt, dass das Mobilitätsverhalten durch ein einfaches und klar verständliches Angebot, niedrige Preise und die erweiterte Gültigkeit im bundesweiten Regionalverkehr verändert werden kann. Zumindest in den Sommermonaten konnte der Pandemie-bedingte negative Trend zu mehr Autonutzung gestoppt werden. Damit diese Veränderungen längerfristig sind und neben dem Freizeitbereich stärker auch andere Alltagswege einschließen, braucht es in Zukunft gute und ebenso einfache Angebote für den ÖPNV«, bilanziert Prof. Meike Jipp, Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung in Berlin.

Fast 50 Prozent nutzen ÖPNV zur Flatrate

Durch die hohe Medienpräsenz kannten 98 Prozent der Befragten das 9-Euro-Ticket. Rund 20 Prozent hatten zum Zeitpunkt der Befragung eine Zeitkarte für den ÖPNV – in Form einer Monatskarte, eines Job- oder Semestertickets. 28 Prozent verfügten über ein 9-Euro-Ticket und weitere vier Prozent planten, sich ein solches Ticket anzuschaffen.

Rund die Hälfte besaß somit im Erhebungszeitraum eine Zeitkarte und nutzte den ÖPNV zur Flatrate. Der Zeitkarten-Besitz hatte sich somit rund einen Monat nach Einführung des 9-Euro-Tickets mehr als verdoppelt. Ein gutes Drittel der Befragten wollte vom Angebot keinen Gebrauch machen. Die Bereitschaft, ein 9-Euro-Ticket zu kaufen, war umso höher, je mehr 9-Euro-Tickets die Person bereits genutzt hatte. Wer Ende Juni/Anfang Juni noch kein 9-Euro-Ticket hatte, wollte auch im restlichen Aktionszeitraum keines mehr kaufen.

Angebot für alle, deutlicher Unterschied Stadt-Land

Klassische Zeitkarten für den ÖPNV werden überproportional oft von jungen, höher gebildeten und in Vollzeit tätigen Personen, von Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern genutzt. Was Alter, Bildung, Beruf und Geschlecht betrifft, geben die Nutzer des 9-Euro-Tickets wesentlich besser den Durchschnitt der Bevölkerung wieder. »Man kann also festhalten, dass das 9-Euro-Ticket in der Mitte der Gesellschaft angekommen und damit ein Angebot für alle ist«, beschreibt Projektleiterin Dr. Claudia Nobis.

Anders sieht es beim Wohnort aus: Die Nutzer des 9-Euro-Tickets, vor allem aber auch von klassischen ÖPNV-Zeitkarten, leben häufiger in großen Städten. Wer im Aktionszeitraum kein 9-Euro-Ticket anschaffen wollte, ist sehr oft in kleinen Städten und Gemeinden zu Hause.

Sehr deutliche Unterschiede zeigen sich auch beim Mobilitätsverhalten: Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie gehörte bei der Hälfte der Personen mit 9-Euro-Ticket der ÖPNV zu den alltäglichen Verkehrsmitteln. Das bedeutet aber auch: Die andere Hälfte mit 9-Euro-Ticket hat den ÖPNV bislang eher wenig genutzt. Die Gruppe der nicht am 9-Euro-Ticket-Interessierten vereint, dass sie den ÖPNV vor der Pandemie und in den sechs Monaten vor dem Aktionszeitraum nicht genutzt haben.

»Eine gewisse Vorerfahrung mit dem ÖPNV ist ein wichtiger Faktor. Häufige und auch sporadische Nutzung des ÖPNV fördert den Kauf eines 9-Euro-Tickets. Für Personen, die nie mit dem ÖPNV fahren, ist die Hürde jedoch sehr hoch«, erklärt DLR-Forscherin Nobis.

Starkes Drittel mit mehr als 10 Fahrten, Freizeitverkehr dominiert

Zum Zeitpunkt der Erhebung Ende Juni/Anfang Juli hatten 36 Prozent der Befragten das 9-Euro-Ticket bereits für ein bis vier Fahrten genutzt. 20 Prozent hatten fünf bis neun Fahrten getätigt und weitere 35 Prozent mehr als zehn Fahrten. Nur acht Prozent hatten das 9-Euro-Ticket gekauft, aber noch nicht eingesetzt.

Das 9-Euro-Ticket hat eine hohe Bedeutung im Freizeitverkehr: 60 Prozent nutzten es für Ausflüge und Freizeitaktivitäten am Wochenende, 34 Prozent für Freizeitwege in der Woche und 21 Prozent für Urlaubsfahrten. Auch bei privaten Erledigungen und Einkaufswegen kam das Ticket häufig zum Einsatz.

Eine kleinere Rolle spielte das Ticket beim Berufsverkehr: 18 Prozent legten damit den Weg zur Arbeits- oder Ausbildungsstätte zurück. Bei einem erheblichen Teil der Berufstätigen konnte so das Ziel der Bundesregierung, insbesondere Pendler von den hohen Energie- und Kraftstoffkosten zu entlasten, erreicht werden. Der Schwerpunkt der Nutzung lag dennoch im Freizeitbereich.

Da mit dem 9-Euro-Ticket bundesweit alle Busse und Bahnen des Stadt- und Regionalverkehrs genutzt werden könnten, erweiterte sich der Einsatzbereich gegenüber herkömmlichen ÖPNV-Zeitkarten erheblich. Der Schwerpunkt lag dennoch am Wohnort und in der näheren Umgebung bis 50 Kilometer Entfernung: Drei Viertel aller 9-Euro-Ticket-Inhabenden gaben an, es in diesem Bereich zu nutzen. Ein Viertel nutzte es ausschließlich für größere Entfernungen.

Auswirkungen auf zukünftiges Mobilitätsverhalten

Nur neun Prozent der Befragten mit 9-Euro-Ticket gingen davon aus, dass sie den ÖPNV nach Ende des Aktionszeitraums häufiger nutzen würden. 38 Prozent erwarteten eine gleichbleibende Nutzung. 40 Prozent wollten weniger Wege mit den Öffentlichen fahren und 14 Prozent ihn gar nicht mehr nutzen.

»Es zeigt sich, dass je mehr Fahrten eine Person bereits mit dem 9-Euro-Ticket zurückgelegt hat, umso seltener will sie nach Ende des Tickets auf den ÖPNV verzichten. Das lässt vermuten, dass die Wenig-Nutzer das 9-Euro-Ticket gezielt für bestimmte Fahrten erworben haben, die nach Ablauf der Aktion nicht mehr oder mit anderen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden.«

Sehr positive Einschätzung des verbilligten Tickets

Das 9-Euro-Ticket fand hohen Anklang in der Bevölkerung: Rund 70 Prozent aller Befragten hielten es für ein sehr attraktives Angebot, das in seinen Bedingungen klar und einfach verständlich sei. Etwas mehr als 60 Prozent gaben an, das Ticket sei ein guter Grund, das Auto stehen zu lassen und den ÖPNV besser kennenzulernen. Allerdings gaben nur 39 Prozent an, den ÖPNV häufiger zu nutzen als vorher. Die eigene Handlungsbereitschaft fiel also deutlich niedriger aus als die allgemein positive Bewertung. Lediglich ein Viertel sagte, dass ihnen das 9-Euro-Ticket egal sei, weil sie ohnehin nicht mit dem ÖPNV fahren würden.

Die höchste Zustimmung erfuhr das Angebot bei denjenigen, die ein 9-Euro-Ticket besitzen, gefolgt von den Nutzern klassischer Zeitkarten. Fragt man speziell die Inhaber eines 9-Euro-Tickets wird deutlich, dass es keine Bereitschaft gibt, Monatstickets zum normalen Preis zu kaufen. Die weitere Nutzung des ÖPNV wird sehr klar vom Preisangebot abhängig gemacht. 41 Prozent gaben an, dass sie den ÖPNV nur während des Aktionszeitraums nutzen würden.

Starke Veränderung des Mobilitätsverhaltens

Mit Beginn der Corona-Pandemie hatte sich das Mobilitätsverhalten stark verändert: Der private Pkw gehörte zu den Gewinnern, die öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Verlierern. Durch das 9-Euro-Ticket haben die Öffentlichen wieder starken Aufwind erhalten. Der dramatische Rückgang des ÖPNV wurde zumindest in den Sommermonaten gestoppt.

»Das 9-Euro-Ticket hat einen ähnlich starken Effekt auf das Mobilitätsverhalten gehabt wie der Ausbruch der Corona-Pandemie, nur in die umgekehrte Richtung«, blickt Projektleiterin Claudia Nobis zurück. Generell nahmen die Befragten der Studie ihre Mobilität weniger eingeschränkt wahr: Rund zwei Drittel gaben an, dass sie genauso oft wie früher unterwegs waren und dabei ähnlich lange Wege zurücklegten.


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