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Bosch und Industrie 4.0

Der Arzt, der sich selbst heilt

17. Juni 2020, 10:30 Uhr   |  Markus Haller

Der Arzt, der sich selbst heilt
© Bosch

Für die »Fabrik der Zukunft« setzt Bosch auf 5G als zentralen Baustein.

Die Heilung für die Krankheit Kostendruck heißt für viele Fabrikbesitzer Industrie 4.0. In dieser Hinsicht ist Bosch ein Arzt, der sich selbst heilt. Das Unternehmen erzielte 2019 rund 750 Mio. Euro Umsatz mit Industrie 4.0. Nun soll die eigene Antriebssparte für 500 Millionen Euro vernetzt werden.

Die Digitalisierung wird durch die Corona-Pandemie einen Schub bekommen. Sätze wie diesen hört man in letzter Zeit häufiger. Und wer sich seit Monaten nur noch über Videokonferenzen mit den Arbeitskollegen austauscht, die er vor Corona täglich persönlich gesehen hat, kann dieser Prognose sofort Glauben schenken. Es liegt nahe, diese Überlegung auch jenseits des Büros auf der Ebene von Produktion und Logistik anzustellen. Viele Unternehmen versuchen ihre Produktion coronafest umzustellen, indem sie die Anzahl der Mitarbeiter vor Ort minimieren und persönlichen Kontakt so weit wie möglich reduzieren.

Corona als Digitalisierungstreiber?

Eine digitalisierte Produktion ist in solchen Fällen sicherlich robuster als eine nicht digitalisierte: Schichtübergaben müssen dann nicht mehr persönlich erfolgen, Anlagen lassen sich per Fernzugriff überwachen, ohne dass dafür ein Maschinenführer oder Techniker vor Ort sein muss und der Warentransport und die Vorratshaltung können per Software überwacht werden. Aus dieser Perspektive erscheint es gut möglich, dass Corona den Einzug von IT-Technik zur Automatisierung von Produktion und Logistik beschleunigen wird.

Auf der anderen Seite haben Forscher des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in einem Policy Brief aufgezeigt, dass viele Unternehmen in Krisenzeiten ihre Investitionen herunterfahren und das häufig die ersten Einspar-Opfer die F&E-Arbeit und Innovationsmaßnahmen sind. Zudem sehen viele Unternehmen laut Bitkom-Umfrage gerade die hohen Investitionskosten als größten Hemmschuh für Industrie 4.0 an. Es ist schwer vorstellbar, dass sie ausgerechnet in oder kurz nach einer Wirtschaftskrise Innovationen tätigen, die sie schon vorher gescheut haben.

Krankheit Kostendruck, Heilmittel Industrie 4.0

Aber ob Corona nun der der große Digitalisierungstreiber sein wird oder nicht, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Denn auch ohne Corona scheint der Druck in Richtung digitalisierte Produktion schon hoch genug. Der Geschäftsführer von Boschs Industrietechniksparte, Rolf Narjok, bringt es auf eine klare Formel: »Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss vernetzen.« Die Umsatzzahlen zeigen, dass viele Fabrikbetreiber ihm Recht geben und Technik zur Anlagen- und Fabrikvernetzung einkaufen. 2019 hat Bosch im Geschäftsbereich Industrie 4.0 rund 750 Mio. Euro erwirtschaftet. Das entspricht einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr von 25 %. Die Potenziale zur Produktionssteigerung durch Industrie 4.0 sieht Narjok als sehr hoch und spricht von 25 %, die an einzelnen Standorten möglichen seien.

Der Arzt, der sich selbst heilt

Was Bosch an andere verkauft – Softwarepakete für Wartung und Überwachung, Robotik-Systeme, Retrofits für Bestandsanlagen und eine 5G-fähige Steuerungstechnik –, kommt auch in den eigenen Werken zum Einsatz. Die Antriebssparte von Bosch steht durch den Wandel in der Automobilindustrie unter Kostendruck und wird in Zukunft ein breiteres Sortiment abdecken müssen. Dafür sollen die Produktionsstätten umstrukturiert werden, um deutlich mehr verschiedene Produkte und Produktvarianten bis hinunter zu Losgröße eins ohne größeres Umrüsten zu produzieren.

Die Wunschvorstellung: In der Fabrik der Zukunft sollen mehr oder weniger nur noch Boden, Wände und Decken statisch und fest sein. In den nächsten Jahren will Bosch dafür rund 500 Mio. Euro in eine großflächige Digitalisierung und Vernetzung der Produktion investieren. Dahinter steht die Erwartung, durch Produktivitätssteigerung bis 2025 rund 1 Mrd. Euro wieder einzusparen.

Die bisherigen Erfahrungen mit Digitalisierung und KI bezeichnet Bosch als positiv: In der Chipfabrik in Reutlingen wurde für die Detailplanung der Produktion ein KI-basiertes System eingeführt, um die Wafer effizienter durch die mehr als 500 Bearbeitungsschritte zu steuern. Laut Bosch brachte diese Maßnahme eine Steigerung des Wafer-Durchsatzes um 5 % und die Investition habe sich nach lediglich drei Monaten amortisiert.

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