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Volle Auftragsbücher zur Hannover Messe

Industrieverbände warnen vor erweitertem Lockdown

12. April 2021, 15:45 Uhr   |  Ute Häußler

Industrieverbände warnen vor erweitertem Lockdown
© Hannover Messe

Zur Eröffnung der Hannover Messe 2021 sind sich der VDMA, der ZVEI und der BDI einig: Es geht aufwärts im deutschen Maschinen- und Anlagenbau und - trotz gestresster Lieferketten - auch in der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Allerdings nur ohne erweiterte Lockdown-Einschränkungen.

Erhöhte Jahresprognosen und den Aufschwung vor Augen: »Der Maschinenbau blickt voraus«, sagt VDMA-Präsident Karl Haeusgen zum Auftrakt der digitalen Hannover Messe. Das nun bereits zweite Corona-Jahr zeige sich deutlich besser als erwartet. Zwar belasteten die gestressten Lieferketten und wirtschaftliche Spannungen USA-China weiter die Umsatzsituation, aber der Auftragseingang befindet sich laut aktuellen VDMA-Zahlen mit plus 12 % deutlich im Aufwind. »Der Re-Shape zeigt eine V-Form, keine Badewanne«, zeigt sich Haeusgen dementsprechend optimistisch, das wiedererstarkte China-Geschäft und das US-Konjunkturprogramm versprechen ein starkes 2021. Der Verband erwartet ein reales Produktionsplus von 7 %. Der Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) erwartet ein Wachstum von 5 %, mit Blick auf die vollen Auftragsbücher könnte sogar ein größerer Sprung möglich sein - immerhin drei Viertel der Unternehmen planen Investitionen. Auch der BDI unter Dr. Prof.-Ing. Siegfried Russwurm zeigt sich zuversichtlich. Trotz Lockdown werde es 2021 ein Wachstum von 3 % geben, für die Auftragsbücher sagt der BDI ein Plus von 7 % und für die Exporte sogar von 8,5 % voraus. Prof. Russwurm nennt dafür aber auch zwei Bedingungen an die Corona-Politik: Bis Früh-Herbst keine weiteren Einschränkungen sowie keine weiteren Grenzen für Fertigung.

Der Großteil des Pushes soll laut VDMA aus Übersee kommen, der BDI setzt ebenfalls auf das Konjunkturpaket des neuen US-Präsidenten Joe Biden und China als Wachstumstreiber.  Vor allem deutsche Ausrüster sollen von amerikanischen Infrastrukturprojekten profitieren. Doch auch die EU-Binnennachfrage wird bald wieder kräftig als Exporttreiber anziehen. Auf die Frage, wie Europa sich im Dreieck mit den USA und Asien geopolitisch positionieren solle, setzt der VDMA für die nächsten 10 bis 15 Jahre auf eine »eindeutige transatlantische Bindung« mit den USA, um »gemeinsam stark auf Augenhöhe mit China zu verhandeln«. Auch der BDI setzt auf einen Schulterschluss mit den USA. Im Gegensatz dazu sollte sich Europa nach Meinung des ZVEI-Präsidenten Dr. Gunther Kegel eigenständig positionieren. Deutschlands Export-Wachstum kommt fast ausschließlich aus China und gerade für den Mittelstand sei die Patchwork-Globalisierung schwer zu schultern. Der ZVEI setzt daher auf einen offenen gestalteteten multilateralen Welthandel mit Kooperationen zwischen Partnern auf Augenhöhe. "Deutschland muss selbstständiger auftreten. Eine souveräne Politik hängt an wirtschaftlicher Stärke - und wir müssen wieder stark werden." Dr. Gunther Kegel betont, dass er damit weder Autonomie noch Autarkie meine, aber Souveränität.

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Die ausführliche Prognose des ZVEI: Elektroindustrie lesen Sie hier:
5 Prozent Produktionswachstum für 2021 erwartet

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VDMA hannover Messe Industrie 4.0
© VDMA

Die deutsche Industrie tritt auf der digitalen Hannover Messe optimistisch auf: Plus 7% sollen mit wieder vollen Auftragsbüchern 2021 drin sein.

Weniger Kurzarbeit und Optimismus

Nach den starken Einbußen 2020 sind als Branchenvorreiter die konsumnahen Branchen zuerst wieder losgelaufen. Schwer tut sich laut VDMA vor allem die Prozessindustrie und der Anlagenbau mit längeren Vorlaufzeiten. Auch bei den Werkzeugmaschinen herrscht ein weniger gutes Bild, der Branchenzweig befindet sich nach VDMA’s Chef-Volkswirt Dr. Ralph Wiechers mitten im Strukturwandel. Dazu kämen weitere strukturelle Effekte durch die Nähe zur sich umwälzenden Automobilindustrie. Doch auch für diesen Bereich wird nach dem starken Rückgang 2020 zumindest ein Plus von 6 % vorausgesagt.

Die Kurzarbeit im gesamten Maschinen- und Anlagenbau ist derzeit auf weniger als 100.000 gesunken, in negativen Corona-Spitzenzeiten waren es bis zu 250.000 betroffene Mitarbeiter. Auch beim ZVEI sind die Kurzarbeitszahlen deutlich gesunken, waren es im Mai 2020 noch 180.000 Beschäftige, sind Stand jetzt nur noch 7% in Kurzarbeit. Dafür spricht laut VDMA die wieder hohe Kapazitätsauslastung laut Ifo-Geschäftsklimaindex, der ZVEI spricht konkret von einer 80-prozentigen Kapazitätsauslastung auf dem Niveau von 2019. Zahlen zu Insolvenzen liegen dem VDMA noch nicht vor. Auch der ZVEI hält keine Firmenzahlen parat, spricht aber von »nur« 1,6 % weniger Mitarbeitern als vor der Pandemie.

Eine Erholung der Beschäftigungssituation deutet sich bereits an: Eine VDMA-Blitzumfrage Anfang April unter 700 Unternehmen zeigte, dass sich rund ein Viertel der Firmen momentan nicht durch fehlende Aufträge behindert sieht. Rund ein Drittel spürt zwar Einschränkungen, aber nur 7% empfinden die Einschränkungen als gravierend. Auch herrscht vorsichtiger Optimismus, dass bis Mitte des Jahres wieder eine spürbare Besserung eintritt, immerhin 25 % der Firmen glauben daran. Der Beschäftigungsabbau bzw. -rückgang soll damit zum Stillstand kommen, auch wenn die Unternehmen nach wie vor Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen bemängeln.

Lieferketten: Einzeln gestresst, insgesamt stabil

War laut ZVEI 2020 die geringe Nachfrage das Problem, sind es nun die Teile-Verfügbarkeiten. Auch der VDMA merkt die schwierige Situation der Industrie durch gestresste Lieferketten an. Immerhin 40 % aller vom Verband befragten Unternehmen spüren gravierende Einschnitte - insbesondere die Elektrotechnik und Elektronik, aber auch Kunststoffe und Stahl. Präsident Haeusgen kann aber auch Positives feststellen: Es gäbe zwar massive Produktionsbehinderungen, aber keine Stillstände. Der Hawe-Geschäftsführer lobt die ingesamt dennoch sehr stabilen und resilienten Lieferketten, welche vor allem durch Multi Supply-Strategien standhalten.

Der ZVEI rechnet aufgrund der hohen Durchlaufzeiten insbesondere für die Halbleitertechnik noch mit Schwierigkeiten in den nächsten drei bis sechs Monaten. Mit Hinblick auf eine mögliche Verschärfung des Lockdowns fordert der Verband  Verläßlichkeit von der Politik. Er betont, dass die Unternehmen viel gegen die Pandemie tun und es wirkungsvolle Hygienekonzepte gibt, die zu 90% schon mit Tests unterstützt werden. Ein erweiterter Lockdown hätte eher negative Auswirkungen, gerade durch die wegfallende Logistik: Als wirkungslos gegen die Pandemie und fatal für die Lieferkette bezeichnete Dr. Gunther Kegel einen solchen möglichen Schritt. »Das wäre das dritte wachtstumslose Jahr in Folge, dass geht an die Substanz.«

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