Interview: Nikolai Ensslen, Synapticon

»No Code wird bei Cobots zum Standard«

9. März 2023, 13:11 Uhr | Andreas Knoll
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Nikolai Ensslen, Synapticon: »Ich bin davon überzeugt, dass Codegeneratoren auf Basis von Sprachmodellen in absehbarer Zeit ihren Weg in die Programmierung von Roboter- und Automatisierungslösungen finden werden.«
© Synapticon

Hochintegrierte, einfach aufgebaute Antriebssysteme sind gefragt, vor allem wenn sie in Roboter oder AGVs eingebaut werden sollen. Der Antriebshersteller Synapticon in Schönaich bei Böblingen hat sich mit solchen Systemen und der dazugehörigen Automatisierungssoftware einen Namen gemacht.

Nikolai Ensslen, CEO und Gründer von Synapticon, erläutert die Hintergründe.

Markt&Technik: Welche Trends sehen Sie derzeit in der Antriebs- und Motion-Control-Technik?

Nikolai Ensslen: Als Technologiepartner der Hersteller erfahren wir aus erster Hand, worauf es aktuell ankommt, wenn beispielsweise ein neuer Cobot oder ein AGV konzipiert wird. Die technischen Trends ergeben sich größtenteils direkt aus den Anforderungen der Hersteller und Anwender. Im Kern geht es aktuell vor allem um die Vereinfachung der Systemarchitektur und Verkleinerung der Komponenten, sprich: gleiche oder gar höhere Performance bei weniger Platzbedarf. Außerdem sind Einfachheit in der Produktion und der Wartung sowie ein zunehmend hohes Niveau an zertifizierten Sicherheits-Features Themen, die unsere Kunden bewegen.

Inwieweit entsprechen die Servoantriebe der Serie »Somanet Circulo« diesen Trends, und welche Alleinstellungsmerkmale haben sie?

Die Produkte der Somanet-Circulo-Reihe sind die weltweit ersten All-in-One-Servoantriebe – wir nennen das auch Integrated Motion-Devices: die vollintegrierten Elektroniken vereinen Antriebsregler, zwei hochauflösende Positionssensoren für Motor- und Antriebsseite, einen großen Umfang zertifizierter Sicherheitsfunktionen wie sicheren Feldbus und sichere Prozessdaten (Position, Geschwindigkeit, Drehmoment), sichere Inputs und Outputs, sichere Bremsansteuerung, eine optional integrierte Bremse mit Drehmomentbegrenzer und Notbremsfunktion sowie eine Lösung zur mechanischen und thermischen Integration direkt am Motor – noch dazu mit großer Hohlwelle und Kabelmanagement.

Die Gesamtlösung ist 70 Prozent kleiner, 90 Prozent leichter, 60 Prozent effizienter und rund 50 Prozent günstiger als die Summe der konventionellen Einzelkomponenten.

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Form folgt Funktion – diesem Designprinzip folgen die Somanet-Circulo-Antriebe von Synapticon.
© Synapticon

Welche Vorteile hat ein komplett rundes Antriebsdesign wie beim Somanet Circulo? Für welche Anwendungen ist ein solches Design prädestiniert?

Motoren sind von Natur aus rund und können über eine Hohlwelle verfügen, durch die man Kabel und Medien führen kann. Die Frage sollte eher umgekehrt lauten: Warum hatten Servoantriebe jemals die Form und Größe von Milchkartons und mussten in Schaltschränken anstatt direkt am Motor untergebracht werden? Die Antwort lautet: Rein aufgrund von Einschränkungen bei Technologie und Produktdesign – Antriebe wurden von der Elektrotechnik her gedacht, aber nicht von der Anwendung.

Das kehren wir bei Synapticon endlich um und stellen Produktentwicklern die Lösungen zur Verfügung, die ihnen größtmögliche Freiheit bei der Gestaltung ihrer Produkte gibt und die bislang gängigen, unnötigen Umstände auf Systemebene (Kabel, Schaltschränke, EMV, Temperaturthemen) komplett vermeiden.

Inwieweit eignet sich der Somanet Circulo auch für andere Anwendungen als Roboter?

Nun muss man vorwegschicken, dass die Definition von »Roboter« schon nicht ganz einfach ist: Wir unterscheiden klassische Roboterarme, kollaborative Leichtbauroboterarme, einfache mobile Transportroboter (AGVs), komplexere Serviceroboter, sowohl auf Rädern als auch auf Beinen, also Humanoide. Man könnte demnach Roboter architektonisch und kinematisch in Arme, mobile Basen sowie perspektivisch Beine unterteilen bzw. aufteilen. Die ganz offensichtliche Anwendung der Somanet-Circulo-Elektroniken liegt in den Armen – aber zunehmend auch in den mobilen Basen und einigen Roboterbeinen.

Mobile Roboter bzw. AGVs der ersten Generation sind, bedingt durch sehr heterogene Komponentenvielfalt, vollgepackt mit Komponenten und Kabeln, wodurch der Platz für Akkus knapp, die Produktion aufwendig und die Wartung intensiv ist. Die unterschiedlichen Komponenten erfordern viel Abstimmungsarbeit bei Konstruktion, Steuerung und Energiemanagement. Synapticons Somanet-Produkte ermöglichen eine neue Generation mobiler Roboter, die sich durch stark konsolidierte Komponenten (weil integriert) und eine einfache Topologie und Steuerung über ein einziges Kabel und Protokoll auszeichnet.

Solche Next-Generation-AGV-Systeme lassen sich damit viel kompakter und energieeffizienter als ihre Vorgänger realisieren. Getriebe, Motor, Geber, Servoregler, Laserscanner sowie Steuerungshardware und -software sind dabei zugunsten einer intelligenten Motion-Control in wenige Komponenten zusammengefasst und optimal aufeinander abgestimmt. Weil weniger Komponenten und Verkabelungen im Inneren erforderlich sind, ist die Entwicklung einfacher, die Herstellung schlanker und die Wartung nicht so aufwendig. Hier spielt Circulo alle seine Vorteile aus.

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Ein Roboterarm in der Durchsicht mit Somanet-Circulo-Antrieben
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Welche Alleinstellungsmerkmale hat die Motion-Control-Suite »Motorcortex«?

Motorcortex.io ist unsere Lösung im SaaS-Modell (Software as a Service). Sie ermöglicht es, leistungsfähige und individuelle Robotersteuerungen in der Cloud zu entwickeln, auf Steuerungen im Feld bereitzustellen und über einen digitalen Zwilling zu testen. In der Serienproduktion des Roboters bzw. Automatisierungsprodukts lässt sich die individuelle Steuerungssoftware dann in Masse bereitstellen und auch offline betreiben. Dafür können neben Industrie-PCs auch reduzierte Embedded-Module bis hin zu einem Raspberry Pi eingesetzt werden. Diese Aspekte im Einzelnen sind bereits einzigartig im Markt und in der Kombination unerreicht.


  1. »No Code wird bei Cobots zum Standard«
  2. Motorcortex ist unabhängig von der Computerhardware

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