Echte AR-Brillen galten lange als schwer, stromhungrig und technisch unausgereift. Das wird sich jetzt ändern, ist Mario Spiegl, CEO von TriLite, überzeugt. Warum der Durchbruch kurz bevorsteht, und warum die Laser-Beam-Scanning-Technik von TriLite der Schlüssel ist, erklärt er im Interview.
Markt&Technik: In den vergangenen Jahren schien es etwas ruhig um die AR-Brillen zu werden, die den Nutzern virtuelle Bilder einblenden, über die sie zusätzliche Informationen erhalten – etwa über den Weg, den sie einschlagen müssen. 2026 werde das Jahr, das den AR-Brillen den Durchbruch bringen soll. Warum?
Mario Spiegl: Schlussendlich kommt es auf die visuellen Informationen an. Erst wenn sie in die AR-Brillen eingeblendet werden, erlauben sie den Konsumenten, alles zu nutzen, was sie schon jetzt von ihren Smartphones gewohnt sind – sie müssen nur kein Smartphone mehr umständlich in den Händen halten und über den Bildschirm wischen. Sie haben die Hände frei, steuern über Sprache und Gesten und können sich ungehindert bewegen, ohne Ablenkung, denn sie müssen nicht ständig auf den Bildschirm des Handys schauen. Sie können sich auf das konzentrieren, was sie wirklich tun wollen. Die Informationen bekommen sie nebenbei eingeblendet.
AR-Brillen, die virtuelle Bilder einblenden, haben auf dem Markt bisher keinen durchschlagenden Erfolg gehabt. Ihre Nachteile – hohe Energieaufnahme, also geringe Akku-Laufzeit, und die klobigen Bauformen – führen zu schweren und unbequemen Brillen, zudem ist die Bildqualität mäßig. Jedenfalls haben sie die Konsumenten bisher nicht überzeugt. Darauf hat Meta nun reagiert. Die großen Hersteller arbeiten also nicht mehr mit voller Kraft an den echten AR-Brillen?
Ganz und gar nicht, auch wenn das von außen so aussehen mag. Doch zunächst einmal: Die Konsumenten haben im Moment recht. Bisher konnten die AR-Brillen, also die mit virtuellen Überblendungen, nicht überzeugen. Ganz einfach, weil die Technik bis vor Kurzem noch nicht da war. Da würde ich Meta recht geben: Die Technik, die es bisher gab, hat eher abgeschreckt.
Dass die echten AR-Brillen in eine Sackgasse geraten sind, diesen Eindruck würden Sie aber als falsch bezeichnen?
Ja, denn alle großen Unternehmen wie Apple, Google und Meta sowie auch einige Start-ups arbeiten weiter intensiv daran – und auf der CES im Januar haben auch einige Unternehmen ihre Neuentwicklungen vorgestellt, die in diesem Jahr auf den Markt kommen sollen.
Allerdings ist da keine Brille dabei, die auf die Laser-Beam-Scanning-Technologie setzt, die TriLite seit vielen Jahren vorantreibt. Ein Wermutstropfen für Sie?
Keinesfalls. Aber lassen Sie mich dazu zunächst kurz auf die Technik eingehen. Auf Basis unserer LBS-Technik realisieren wir sehr kleine Bauformen, eine niedrige Leistungsaufnahme, und wir erreichen hohe Auflösungen, einen weiten Field of View, insgesamt also eine hohe Bildqualität, und das bei wettbewerbsfähigen Fertigungskosten. Zudem ist unsere Technik sehr skalierbar und einfach auf verschiedene Märkte anpassbar. Was auch ein entscheidender Faktor für den künftigen Erfolg ist.
In den AR-Brillen, die dieses Jahr auf den Markt kommen, scheinen LCOS und microLEDs die Display-Techniken der Wahl zu sein; laser-basierte Techniken, insbesondere LBS, tauchten bisher nicht auf?
In diesem Jahr wird sich vor allem eines zeigen: Der Consumer-Markt für AR-Brillen hebt jetzt ab, davon bin nicht nur ich überzeugt. Die Marktforscher von Yole prognostizieren, dass bis 2030 rund 15 Millionen Smart Glasses pro Jahr produziert werden – und das ist eine vorsichtige Schätzung. Genauso bin ich davon überzeugt, dass LCoS und microLEDs Übergangstechnologien sind. Die Vorteile der LBS-Technik und ihre Skalierbarkeit, das ist einfach unschlagbar. Auch damit stehe ich übrigens nicht allein: Im November vergangenen Jahres wurde innerhalb der AR Alliance eine neue Working Group »Laser Display for AR« gegründet, TriLite ist selbstverständlich dabei. Vorsitzender ist Barry Silverstein, der bei Meta Reality Labs war, und jetzt an der University of Rochester arbeitet. Das Ziel ist es, Partner aus dem akademischen Bereich und der Industrie zusammen zu bringen, um ein Ökosystem rund um die laser-basierten AR-Systeme aufzubauen und über die Kooperation die technischen Hürden zu überwinden, die Kommerzialisierung zu beschleunigen und dabei die Risken zu minimieren und die Kosten zu reduzieren. Größe, Gewicht, Leistungsaufnahme sprächen laut Silverstein für die laser-basierten Techniken. Auch Google/Magic Leap und Samsung, die bisher auf andere Techniken setzen, würden seiner Meinung nach diesen Weg einschlagen. Meta jedenfalls ist bereits ein überzeugter Befürworter der laser-basierten Techniken.
Wenn der Consumer-Markt für die AR-Brillen in diesem Jahr abhebt, wird dann TriLite durchstarten?
Auch davon bin ich überzeugt. Wir haben auf der CES in Las Vegas im Januar unser »Trixel3« präsentiert: Das weltkleinste Projektions-Display ist nur rund 1 cm³ groß und für den Einsatz in AR-Brillen genauso geeignet wie in Autos, beispielsweise in Panoramic-HUD-Displays. Weil das »Trixel3« so klein ist, lässt es sich in AR-Brillen in unmittelbarer Nähe zu den Waveguides einbauen, was ebenfalls ein großer Vorteil ist. Und es lässt sich in hohen Stückzahlen kostengünstig fertigen. Ein Grund dafür: Es handelt sich um ein software-definiertes Display. Unsere eigenentwickelte Software ist ein wesentlicher Teil unseres Know-hows, und wir sind sehr stolz darauf, beispielsweise auf die Steueralgorithmen, um die Farben Rot, Grün und Blau abzustimmen. Auch Machine Learning nutzen wir, und beides zusammen führt dazu, dass wir eine sehr gute Bildqualität erzielen, die die Anwender überzeugt. Dank unserer patentierten, automatisierten Kalibrierung am Ende der Produktionslinie können wir größere Fertigungstoleranzen akzeptieren und erreichen damit eine sehr hohen Fertigungsausbeute und damit Kosteneinsparung.
»Design for Manufacturability« ist das Stichwort. Deshalb können unsere Fertigungspartner die »Trixel«-Produkte auf ihrem Standard-Equipment produzieren. Das trägt erheblich zur Skalierbarkeit und zur Kostenreduktion bei.
MicroLEDs und LCoS-Displays sind dagegen, was Helligkeit, kleine Bauform, Field of View und Skalierbarkeit angeht, im Vergleich zu LBS deutlich limitiert. Die genannten Parameter sind jedoch entscheidend für den Einsatz in AR-Brillen und für die Brillenhersteller ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal. Und den Konsumenten bieten unsere LBS-Displays genau die Qualität, die sie erwarten.
Dann müsste TriLite jetzt der »Trixel3«-Cube geradezu aus der Hand gerissen werden?
Das Interesse der Hersteller der AR-Brillen ist jedenfalls sehr groß, und wir werden die Vor-Serienproduktion für den Consumer-Markt, also vor allem für die AR-Brillen, noch Ende dieses Jahres aufnehmen. Immer mehr AR-Brillen der Generationen, die nach 2026 auf den Markt kommen, werden auf Basis der LBS-Projektoren arbeiten. Davon sind eigentlich alle überzeugt, die in der Working Group »Laser Display for AR« dabei sind.
Sie sprachen vorhin auch vom Automotive-Markt. Wird sich TriLite zunehmend auf diesen Marktsektor konzentrieren?
Hauptwachstumsmarkt bleibt vorerst der Consumer-Sektor. Aber auf dem Automotive-Markt tut sich sehr viel, und wir gehen ihn offensiv an, wie die Automotive-Qualifizierung für »Trixel« zeigt. Wie gesagt, die Produkte der »Trixel«-Plattform eignen sich auch gut für den Einsatz in Autos, etwa in Panoramic-HUD-Displays, in der Flächenprojektion und vielem mehr. Mit mehreren »Trixel3«-Projektoren lässt sich ein sehr gutes Panorama-Display im Auto realisieren. Die für den Automotive-Sektor erforderlichen Qualifikationen zu bekommen, ist in unserem Produkt-Design berücksichtigt. Und darin zeigt sich ein weiterer Vorteil: Unsere Produkte wurden zwar für den Consumer-Markt entwickelt, entsprechen aber auch den Automotive-Anforderungen – allerdings zu Consumer-Preisen. Weil die Technik außerdem so flexibel ist, erhalten die Automobilhersteller viele Möglichkeiten, sich zu differenzieren, und deshalb herrscht auch in diesem Markt großes Interesse an unserer LBS-Technik. Längerfristig rechne ich damit, dass beide Märkte, Consumer und Automotive, jeweils die Hälfte zu unserem Umsatz beisteuern werden.
Wird TriLite alle Anforderungen, die der Automotive-Sektor stellt, mit den »Trixel3«-Projektoren abdecken können?
Wir arbeiten bereits an etwas Neuem, einer zweiten Plattform. Während die »Trixel-3-Cubes« eine Helligkeit von 5 bis 10 lm erreichen, werden wir sie für unsere zweite Plattform auf zunächst über 80 lm steigern. Hier kommen High-Performance-Laser zum Einsatz. Die Bauform ist zwar etwas größer als die des »Cubes«, aber sie werden immer noch in eine Box der Größe einer Streichholzschachtel passen. Das ist ein riesiger Fortschritt, denn was es bisher gibt, sind Systeme, die ein deutlich größeres Volumen einnehmen! Und selbst damit sind sie lediglich in der Lage, Grauflächen auf kleinen Feldern darzustellen. Außerdem können sie nur statische Bilder projizieren und sie bieten keinen guten Kontrast. Deshalb wird unser System den Markt nachhaltig verändern!
Das bedeutet aber auch, noch einmal Ressourcen und Zeit in die Entwicklung eines neuen Systems zu stecken, für einen Markt, in dem es Jahre dauert, bis nennenswerter Umsatz realisiertwerden kann. Ist das für das Start-up-Unternehmen TriLite mit rund 50 Mitarbeitern überhaupt machbar?
Der Automotive-Markt funktioniert anders als der Consumer-Markt; Automotive-Unternehmen sind bereit, für die Industrialisierung zu bezahlen. Das machen sie über gemeinsame Customer-Engineering-Projekte. Das Interessante für uns ist, dass die »Cube«- und die Automotive-Plattform technologisch vieles gemeinsam haben; wir müssen nicht von Grund auf neu entwickeln, es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Derivate und wir können viele Synergien auf der Hard- und Software-Seite nutzen. Die Kunden können sich sicher sein, dass sie Produkte erhalten, die auch in Zukunft skalierbar sind. Im Automotive-Sektor sind die 80-lm-LBS-Projektoren erst der Anfang, und auch die »Trixel«-Plattform wird ständig weiterentwickelt und bleibt nicht bei »Trixel 3« stehen.
In welchen Bereichen werden die Produkte der zweiten Plattform im Auto Einsatz finden?
HUD-Displays sind für die Automotive-Hersteller sehr wichtig. Mit Hilfe unserer neuen LBS-Projektoren können sie sie deutlich verkleinern, hier wird sich demnächst eine Menge tun. Beispielsweise werden bereits heute Panorama-HUDs eingesetzt, die großflächiger als die herkömmlichen HUDs sind und mehr Informationen über den gesamten Sichtbereich anzeigen können. Wir können sie mit unserem System noch deutlich verbessern. Sogar Bilder aus dem Kamerasystem lassen sich einblenden.
Auch die Anwendungen der Ground-Projektion werden wachsen, hier gibt es vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Das fängt beim Willkommensgruß an, der auf den Boden vor den Autotüren projziert wird. Der Projektor kann aber auch an der hinteren Stoßstange integriert werden, um Fußgänger zu warnen, wenn das Auto ausparkt. Viele ähnliche Anwendungen werden sich ergeben: So kann das Auto mit Fußgängern kommunizieren und das trägt zur Sicherheit bei. Werden die Projektoren in den Dachhimmel des Autos integriert, werden die Seitenfenster zu »Leinwänden«, und ließen sich beispielsweise als Werbeflächen nutzen. Oder Taxis signalisieren: »Hallo Herr Meier, ich bin ihr bestelltes Auto!«. Hier ist vieles vorstellbar, ich gehe davon aus, dass sich ganz neue Services und Märkte entwickeln werden.
Wann werden solche Systeme ins Auto Einzug halten?
Für uns wird der Markt für Panorama-HUDs voraussichtlich im ersten Halbjahr 2027 starten. Anfang 2028 könnten dann Systeme für die Ground Projection und die Projektion auf die Fenster folgen.
Sie sprachen vorher auch noch von weiteren potenziellen Märkten neben Consumer und Automotive. An welche dachten Sie?
Wir haben noch einen dritten größeren Markt identifiziert, der ebenfalls wächst. Wir nennen ihn »Enhanced Optics«. Dazu zählen wir den Gesundheitsbereich: Virtuelle Bilder können beispielsweise Hinweise für Operations-Teams geben. Dual-Use-Produkte sind ein weiterer Sektor, genauso wie Systeme für die Polizei oder für die Verteidigung. Bestimmte Einsatzfälle im Sportumfeld zählen ebenfalls dazu. Ich könnte mir vorstellen, dass Golfspieler Systeme, die sie als Entfernungsmesser nutzen, gerne einsetzen würden. Das könnten durchaus größere Stückzahlen werden. In dem »Enhanced Optics«-Markt wird sich sicherlich auch noch vieles entwickeln, an das wir heute noch gar nicht denken.
Sind die Investoren ebenfalls guten Mutes über den Weg, den TriLite eingeschlagen hat?
Ja, denn sie sind überzeugt davon, dass unsere technischen Durchbrüche – der kleinste LBS-Projektor der Welt und eine neue Plattform für LBS-Projektoren, die 80 lm und mehr erreichen – schon bald in Produkte eindesignt werden, die die Konsumenten und die Automobilkunden schätzen werden und die zu schnell wachsenden Umsätzen für TriLite führen. Wir haben ein Ökosystem aufgebaut, in dem wir all die Komponenten beschaffen können, die wir benötigen, um das Gesamtsystem zu realisieren. Wer die Kontrolle über alle wichtigen Elemente für den Aufbau von LBS-Systemen hat, der kann jetzt durchstarten. Wir haben sie und das können sicherlich nicht viele Unternehmen weltweit von sich behaupten. Bei unserer letzten Finanzierungsrunde waren strategische Investoren dabei, die unserer Technologie sehr gute Aussichten sowohl für den Consumer- als auch für den Automotive-Markt attestiert haben. Diese Investoren verstehen genau, worum es geht – und das macht uns stolz. Außerdem waren in der A-Finanzierungsrunde Finanzinvestoren vertreten. Damit hat sich TriLite insgesamt 20 Mio. Euro gesichert. Jetzt bereiten wir bereits eine weitere Finanzierungsrunde vor, die für den Sommer geplant ist.