Analyse

KI-Fachkräfte für Europa

14. Januar 2026, 13:41 Uhr | Corinne Schindlbeck
© Christophe/AdobeStock

Mit Milliardeninvestitionen wollen europäische Staaten ihre Position in der Künstlichen Intelligenz stärken. Doch wie die Beispiele Finnland und Italien zeigen, sind technische Infrastruktur und politische Programme nur ein Teil der Lösung - beim Aufbau der nötigen Fachkräftebasis hakt es oft noch.

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Mit dem Supercomputer LUMI verfügt Finnland über eine der leistungsfähigsten Recheninfrastrukturen Europas. Rund 200 Millionen Euro investierte der Staat in das Projekt, hinzu kommen Milliardeninvestitionen internationaler Konzerne in Cloud- und Rechenzentren.

Auch in der KI-Governance nimmt Finnland eine Vorreiterrolle ein: Bereits 2017 verabschiedete das Land eine nationale KI-Strategie, folgten Programme wie AI 4.0, AuroraAI und internationale Bildungsinitiativen wie „Elements of AI“, das weltweit über eine Million Teilnehmende erreicht hat.

In puncto Diversität ist Finnland ebenfalls Spitze: Nahezu 40 Prozent der KI-Fachkräfte sind weiblich – der höchste Wert in Europa. Möglich machen das jahrzehntelange Gleichstellungspolitik, hohe Bildungsbeteiligung von Frauen und eine ausgebaute Familien- und Elternzeitkultur.

Trotzdem bleibt die finnische KI-Community klein.

Laut Interface-Analyse - eine überparteilichen Expertenorganisation, die sich mit den Schnittstellen von Technologie und Politik beschäftigt und Themen wie Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Plattformregulierung, Halbleiterstrategien und staatliche Überwachung untersucht, um daraus politische Handlungsempfehlungen für Europa zu entwickeln - umfasst sie rund 25.000 Fachkräfte.

Das sind deutlich weniger als in großen EU-Hubs. Fast die Hälfte konzentriert sich auf die Hauptstadtregion Helsinki/Uusimaa, während andere Landesteile kaum von der KI-Dynamik profitieren. Auffällig ist zudem: Die Ansiedlung von Hochleistungsrechnern wie LUMI in peripheren Regionen führt nicht automatisch zu lokalen Talentclustern, da die Systeme überwiegend remote genutzt werden.

Auch international zieht Finnland vergleichsweise wenige KI-Talente an. Zwar laufen gezielte Programme zur Anwerbung aus Ländern wie Indien oder Brasilien, doch Sprachbarrieren, die geografische Randlage und schwache internationale Netzwerke bremsen die Attraktivität. Die Studie zeigt: Häufig kommen internationale Fachkräfte nur dann nach Finnland, wenn bereits persönliche Beziehungen bestehen. Infrastruktur und Ethik allein reichen also nicht aus – ohne aktive Integrations-, Standort- und Community-Strategien bleibt das Talentpotential begrenzt.

Italien: Viele Talente, aber geringe Bindungskraft

Italien steht vor einem anderen Paradox: Viel heimisches Potenzial, aber geringe Verbleibquoten. So haben zwar fast 90 Prozent der italienischen KI-Fachkräfte im Land studiert – Italien verliert sie aber ans Ausland oder kann sie nicht langfristig binden. Gleichzeitig liegt der Anteil internationaler Talente bei nur 12 Prozent.

Programme wie „Rientro dei cervelli“ boten Rückkehrenden bis zu 90 Prozent Steuererleichterung – führten 2021 zur Rückkehr von 75.000 Personen, davon 40 Prozent nach Mailand. Doch 2023 wurde das Programm gekürzt.

Der Frauenanteil in Mailands KI-Sektor ist mit 30,7 Prozent zwar hoch, doch laut Analyse sinkt dieser drastisch in Führungspositionen: Nur 14,2 Prozent der Managerinnen in der KI sind weiblich.

Was die Beispiele Finnland und Italien laut Interface zeigen: Rechenleistung und (Ethik-)Programme wie in Finnland reichen nicht aus, um eine robuste KI-Fachkräftebasis zu schaffen. Hilfen wie mehrsprachige Ausbildungsangebote, Netzwerke und Standortmarketing müssen dazukommen, um nicht nur die Metropolen zu stärken.


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