Neue Zahlen von IW und DIHK 

Ingenieurmangel ist mit Wucht zurück und größer als vor Corona

9. Dezember 2021, 11:26 Uhr | Corinne Schindlbeck
MINT Sattelberger
Dr. h. c. Thomas Sattelberger, Vorstandsvorsitzender der Nationalen Initiative „MINT Zukunft schaffen“ und frisch ernannter Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger: »Wir müssen noch deutlich besser die MINT-Potenziale von Mädchen und jungen Frauen nutzen.«
© Markt&Technik

Der Fachkräftemangel hat sich mit Wucht zurückgemeldet. So hat die Industrie trotz laufender Pandemie inzwischen mehr offene Stellen zu besetzen als vor Corona. Das zeigen neueste Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft und des DIHK.

Der pandemiebedingte Einbruch der Personalnachfrage im Herbst 2020 sei längst wieder aufgeholt, so der DIHK in seinem aktuellen Fachkräftereport vom November. Jedes zweite Industrieunternehmen (57 Prozent) habe aktuell größere Probleme damit, seine offenen Stellen mit (Hoch-)qualifizierten zu besetzen. Vor allem Programmierer und IT-Experten sind Mangelware, DIHK und IW führen das auf den Transformationsprozess der Wirtschaft im Kontext Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung und Elektrifizierung zurück.

Den größten Engpass beziffert das IW in den Energie- und Elektroberufen mit 81.300, in Maschinen- und Fahrzeugbau mit 49.000 und in IT-Berufen mit 46.400. Tendenz: steigend. Das Problem ist chronisch: »Seit ich den Arbeitsmarkt für Elektroingenieure beobachte, war die Diskrepanz zwischen Bedarf der Industrie und der Zahl der Absolvierenden nie so groß wie heute, etwa 20.000 zu 8600 pro Jahr«, so Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarktspezialist beim VDE. Und leider sei der Trend zum Studium der Elektro- und Informationstechnik rückläufig.

Aber auch der Engpass bei den beruflich Qualifizierten ohne akademischen Abschluss bereitet Sorgen, der Wert sei auf einem Allzeithoch, so der DIHK. Die von ihm befragten Unternehmen bezeichnen den Fachkräftemangel als das derzeit größte Geschäftsrisiko, der inzwischen sogar das Wachstum beeinträchtige. Vor allem kleinere Unternehmen seien trotz Mehrbelastung der Belegschaft bisweilen gezwungen, auf Aufträge zu verzichten, mitsamt der Auswirkungen auf Produktions- und Lieferketten.

Laut MINT-Herbstgutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft liegt die bundesweite Arbeitskräftelücke im Oktober 2021 bei insgesamt 276.900 und damit deutlich höher als im Oktober vor einem Jahr (damals: 108.700) und auch erstmals wieder höher als im entsprechenden Vergleichsmonat vor Corona im Jahr 2019 mit 263.000. Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografie würden den MINT-Bedarf in den kommenden Jahren noch einmal deutlich erhöhen, stattdessen sei aber ein Rückgang zu befürchten, vor allem weil in den wichtigen technischen Studiengängen pandemiebedingt die Ausländer fehlten.

Prof. Dr. Axel Plünnecke, Leiter Kompetenzfeld Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft Köln betont, wie sehr Deutschland auf MINT-Ausländer angewiesen ist: »Ohne die Zuwanderungserfolge der letzten Jahre würden heute rund 280.000 MINT-Fachkräfte in Deutschland zusätzlich fehlen und die Lücke läge bei über einer halben Million.« Die Nachfrage werde in den kommenden Jahren steigen: Allein der jährliche demografiebedingte Ersatzbedarf bei MINT-Facharbeitern und MINT-Akademikern werde in den nächsten fünf Jahren um 27.000 zunehmen. Für die Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte erwarten 63 Prozent der größeren Unternehmen einen steigenden Bedarf an IT-Experten, 43 Prozent an Ingenieuren und 32 Prozent an sonstigen MINT-Kräften.

Dass Dr. Michael Stahl, Geschäftsführer Bildung und Volkswirtschaft des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall mit einem Rückgang der MINT-Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern durch die pandemiebedingten Schulschließungen rechnet, trägt nicht zur Entspannung bei. »Das bereitet uns große Sorgen«. Rund 37 Prozent der MINT-Beschäftigten seien in der Metall- und Elektroindustrie tätig, aus ihr würden 75 Prozent aller Patentanmeldungen stammen, u. a. für Klimaschutz und Dekarbonisierung. 

Dr. h. c. Thomas Sattelberger, Vorstandsvorsitzender der Nationalen Initiative „MINT Zukunft schaffen“ und frisch ernannter Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger, mahnt zur Zusammenarbeit: »Wir müssen noch deutlich besser die MINT-Potenziale von Mädchen und jungen Frauen nutzen. In der Sekundarstufe I können sich beispielsweise nur 8,3 Prozent der Mädchen vorstellen, später in einem MINT-Beruf zu arbeiten. Bei den StudienanfängerInnen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ist der Frauenanteil im Jahr 2020 mit über 50 Prozent vergleichsweise hoch, in Elektro- und Informationstechnik mit 16,3 Prozent und Informatik mit 22,9 Prozent nach wie vor noch niedrig. Das drückt auf die Innovationskraft unseres Landes.«

Sattelberger und das IW raten u. a. dazu, MINT anders zu bewerben und den Klimaschutz in den Vordergrund zu stellen: »62 Prozent der jungen Frauen im Alter von 17 bis 24 machen sich z. B. große Sorgen um den Klimawandel im Vergleich zu 46 Prozent der jungen Männer. Durch eine stärkere Integration der Nachhaltigkeitsthemen in den Unterricht an Schulen und in außerschulischen Initiativen, mehr klischeefreie Berufs- und Studienorientierung sowie ein besseres Feedback zu den starken Kompetenzen der Mädchen und Frauen könnten mehr junge Frauen für MINT-Ausbildung und Studium gewonnen werden«, glaubt Sattelberger. 


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Institut der deutschen Wirtschaft Köln