Woher nehmen?

Immer weniger MINT-Studenten - Warnung vor Wohlstandsverlusten

23. Januar 2023, 14:21 Uhr | dpa/Corinne Schindlbeck
fachkräfte
© Jan Woitas/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Warnungen werden lauter. Immer weniger Menschen studieren MINT-Fächer, zeigen neue Zahlen des Statistischen Bundesamts. Deutschland drohe laut der staatlichen Förderbank KfW wegen des Fachkräftemangels gar eine Zeitenwende, das Fundament für weiteres Wohlstandswachstum bröckele, meldet das IW.

Nach Destatis-Zahlen wählten im 2021 rund 307.000 Studierende im ersten Fachsemester ein MINT-Fach. Das waren 6,5 Prozent weniger als im Vorjahr.

Gleichzeitig fiel auch der Anteil derjenigen, die sich im ersten Fachsemester für MINT-Fächer entschieden auf knapp 38 Prozent. Im Jahr 2015 hatte er noch 40,5 Prozent betragen – bis heute Höchststand.

Dabei herrscht in Deutschland gerade bei Naturwissenschaftlern Bedarf: Nach Berechnungen des IW fehlen aktuell rund 140.000 MINT-Experten. Die Gesamtlücke in den MINT-Berufen – inklusive Facharbeitern, Meister und Technikern – liegt sogar bei 308.000 Stellen. Besonders groß sind die Engpässe in der IT und unter anderem in Elektrotechnik.

Dabei gäbe es für Schulabsolventen klare Anreize, ein IT- oder ingenieurwissenschaftliches Studium aufzunehmen. Nach IW-Berechnungen  verdienen bereits junge Vollzeitbeschäftigte im Alter unter 45 Jahren in akademischen MINT-Berufen im Schnitt 5.313 Euro und damit fast 200 Euro mehr als der Medianlohn in allen akademischen Berufen. Gerade wer ein Ingenieur- oder Informatik-Studium abgeschlossen hat, verdient überdurchschnittlich gut.

Dabei sollen die Bedarfe an MINT-Experten in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Die Hauptgründe: Digitalisierung und Klimawandel. Rund 77 Prozent der Erwerbstätigen des dafür entscheidenden Tätigkeitsfelds Forschung und Entwicklung haben eine MINT-Qualifikation. Darüber hinaus müssen in den kommenden Jahren immer mehr MINT-Akademiker ersetzt werden, die in Rente gehen. 

„Die sinkenden Studierendenzahlen in den MINT-Berufen gefährden die Innovationskraft in Deutschland und damit Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltigen Wohlstand“ sagt IW-Ökonom Axel Plünnecke. „Für eine Trend-Umkehr brauchen wir dringend mehr junge Menschen, die sich für MINT-Fächer begeistern. Die Politik muss Berufs- und Studienorientierung stärken.“

Neu sind die Warnungen nicht - woher sollen die künftigen Fachkräfte kommen? Die KfW stellt nun klar: Zuwanderung alleine wird nicht reichen. 

«Das Thema Fachkräftemangel ist schon lange bekannt, und es hat im letzten Jahr nochmal eine neue Qualität erhalten», erläuterte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Er behindert der KfW zufolge bereits die Geschäftstätigkeit von jedem zweiten Unternehmen. Hinzu komme, dass die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigem seit 2012 jährlich nur noch um 0,3 Prozent wachse. Bleibe das Produktivitätswachstum derart schwach und verstärke sich der Rückgang des inländischen Fachkräfteangebots, bedeute dies eine Zeitenwende: «Deutschland träte noch in diesem Jahrzehnt in eine Ära anhaltend stagnierenden, womöglich schleichend schrumpfenden Wohlstands ein.» 

Nach Einschätzung der KfW muss an mehreren Stellschrauben gedreht werden

Das Arbeitskräfteangebot müsse durch Zuwanderung qualifizierter ausländischer Kräfte gesteigert werden. Arbeit müsse produktiver werden, etwa durch Förderung von Innovationen. Notwendig sei auch eine höhere Erwerbsbeteiligung von älteren Beschäftigten und Frauen.

Für sich genommen würde keine dieser Maßnahmen ausreichen. In der Summe könnten sie aber viel bewirken. «Wenn wir beispielsweise nur auf Zuwanderung als Ausgleich für die Alterung setzen würden, dann bräuchten wir bis 2030 pro Jahr eine Zuwanderung von über einer Million», erläuterte Köhler-Geib.

Notwendig sind aus ihrer Sicht der Ausbau bezahlbarer Kinderbetreuungs- und Pflegeangebote, die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen und Qualifikationen sowie die Unterstützung beim Erlernen von Deutsch. «Mit Blick auf die Produktivität ist die Förderung von Investitionen in Innovation und Digitalisierung zentral, mehr Nachwuchs in MINT-Fächern und letztlich die weitere Verankerung lebenslangen Lernens in Deutschland», sagte Köhler-Geib.

Auch Handwerkspräsident Jörg Dittrich warnte vor den Folgen des Fachkräftemangels. Dieser werde in den kommenden Jahren in einen kritischen Bereich gelangen, wenn die Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen. «Die Gefahr besteht, dass dann im Handwerk bestimmte Dienstleistungen nicht mehr angeboten werden können. Wir müssen unbedingt und durch gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Handwerk verhindern, dass diese Situation eintritt», sagte Dittrich.

Die aktuelle Konjunkturlage in Deutschland beurteilt die Bundesbank allerdings besser als noch vor einigen Wochen. «Die jüngsten Datenveröffentlichungen fielen insgesamt besser aus als in der Dezember-Projektion unterstellt worden war», hieß es im am Montag veröffentlichten Monatsbericht der Notenbank. Die Bundesbank verwies auf eine vorläufige Einschätzung des Statistischen Bundesamtes, wonach die Wirtschaftsleistung im Schlussquartal 2022 in etwa stagnierte. Viele Ökonomen hatten einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gegenüber dem Vorquartal erwartet.

Die hohe Inflation und Unsicherheit mit Blick auf den Ukrainekrieg lasteten im vierten Quartal zwar auf der Wirtschaft, schrieben die Bundesbank-Ökonomen. Die Lage an den Energiemärkten habe sich im Vergleich zum Sommer aber merklich entspannt. Die Lieferengpässe in der Industrie und am Bau hätten an Gewicht verloren. Hinzu kämen staatliche Entlastungspakete wie die Strom- und Gaspreisbremse.


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Institut der deutschen Wirtschaft Köln

MuT-Job