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Gastkommentar

Fake News gehen uns alle an

Fake News
Joe DosSantos, Chief Data Officer beim Datenanalyse-Spezialisten Qlik.
© Qlik

Desinformation, erfundene Zitate, manipulierte Fotos – wenn sich Falschmeldungen in Windeseile im Netz verbreiten, fällt es schwer, zwischen Wahrheit und Fake zu unterscheiden. Was können wir dagegen tun?

Fake News
Desinformation ist eine Kehrseite der Digitalisierung, zeigt eine YouGov-Umfrage. Die Mehrheit steht Informationen aus dem Internet kritisch gegenüber. Was man dagegen tun könnte, schreibt Joe DosSantos in unserem Gastkommentar. (Zur Großansicht bitte klicken)
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Eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov in Deutschland im Auftrag von Qlik zeigt, dass 62 Prozent der Menschen erwarten, dass Desinformation mit zunehmender Digitalisierung weiter zunehmen wird, mehr als die Hälfte der Befragten befürchten, dass sie eine große Gefahr für unsere Gesellschaft ist. 

Fake News oder Desinformationen sind kein neuer Trend. Seit Jahren drängen Medien und Vertreter aus Politik und Gesellschaft die Big-Tech-Unternehmen dazu, mehr Verantwortung zu übernehmen und die Verbreitung von gezielter Desinformation auf sozialen Plattformen einzudämmen. Jetzt im Zuge des Wahlkampfes zur Bundestagswahl werden wir wieder einmal Zeugen, wie Falschinformation dezidiert verbreitet wird und im Internet Hundertausende von Menschen erreicht und beeinflusst. Eine problematische Entwicklung, da dadurch das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie gefährdet wird: So befürchten 72 Prozent, dass die kommenden Bundestagswahlen durch Desinformation beeinflusst werden.
Was können wir dagegen tun? 

Es gibt derzeit keine Gesetzgebung oder Technologie, die Desinformation stoppen kann, bevor sie sich verbreitet. Es gibt jedoch einen Weg, sie einzudämmen, doch dazu müssen wir alle einen Beitrag leisten. Wir dürfen uns nicht länger zurücklehnen und die alleinige Verantwortung auf politische Entscheidungsträger und Branchenführer abwälzen. Es ist an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, welche Rolle jeder Einzelne bei der Verbreitung von Desinformation und Fake News spielt und welches Handwerkszeug man benötigt, um sich selbst und andere zu schützen.  Es geht darum, bewusst Verantwortung für die Auswirkungen von Fake News auf unser Leben und unsere Gesellschaft zu übernehmen. 

Denn gezielte Manipulationen begegnen uns tagtäglich. Meistens in Form von gefälschten Fotos, nachgemachten Websites, verkürzten Zitaten, fehlerhaften Statistiken, Lügen, Gerüchten, tendenziösen Behauptungen oder Verschwörungstheorien. Ob Internet, Social Media oder Messenger-Dienste, Falschinformationen werden auf all den Kanälen gestreut, die wir nutzen, um uns zu informieren oder eine Meinung zu bilden. Sie polarisieren sowie verschärfen die soziale Spaltung und berauben uns der Fähigkeit, die besten Entscheidungen für unsere Familien, Unternehmen, Gemeinschaften oder die Gesellschaft zu treffen. 

Doch was macht es so einfach, uns mit Desinformationen hinters Licht zu führen? Hier kommen mehrere Aspekte zusammen: Zum einen sind wir Menschen soziale Wesen und neigen dazu, Aussagen und Behauptungen zu glauben, wenn viele andere ebenfalls davon überzeugt sind. Zum anderen halten wir Informationen eher für wahr, wenn wir wieder und wieder auf diese stoßen. Beiden Eigenschaften spielt die Viralität im Netz verstärkend in die Hände. Auch unsere eigenen Vorurteile und Emotionen führen uns aufs Glatteis. Laut Umfrage stehen 55 Prozent der Befragten Informationen aus dem Internet skeptisch gegenüber, doch ein gezielter Gegencheck ist noch lange keine Selbstverständlichkeit: Leidglich 31 Prozent prüfen die Herkunft von Studien und Statistiken und gerade einmal ein Viertel der Befragten wirft bei Websites einen Blick auf das Impressum oder überprüft Informationen mit Hilfe von Faktenchecks.  Die Rückwärtssuche bei Bildern wenden nur 10 Prozent an. 
Es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken, ob und wie wir jene Fähigkeiten, die uns Menschen helfen, Daten zu verstehen und effektiv zu nutzen, nicht auch einsetzen könnten, um Fake News zu entlarven. Was wäre, wenn wir anfangen würden, Informationen auf die gleiche Weise zu hinterfragen, wie wir es im Job mit Daten tun? Was wäre, wenn die Prinzipien, die der Datenwissenschaft zugrunde liegen, auch für die Bekämpfung von Fehlinformationen genutzt würden? Noch gibt es hierfür einen Hemmschuh. Schaut man auf die Data Literacy-Rate im heutigen Datenzeitalter beispielsweise in Deutschland (17 Prozent), Frankreich (19 Prozent) oder den USA (28 Prozent), entspricht diese in etwa der globalen Alphabetisierungs-Rate in den 1910er Jahren. 

Wo ein Wille, da ein Weg

Doch es ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen: Die Hälfte der von YouGov Befragten sehen es in ihrer Eigenverantwortung, sich weiterzubilden, um hier etwas Positives bewirken zu können. Entscheidend ist, dass sie Zugang zu den Werkzeugen bekommen, die ihnen helfen, Informationen zu hinterfragen und differenziert nach der Wahrheit hinter einer Geschichte, einer Behauptung, einem Bild oder einer Statistik zu suchen. Und sie brauchen Strategien, wie sie andere dabei unterstützen können, Fehlinformationen abzuwehren. Ebenso wichtig: Wege und Möglichkeiten, um soziale Bindungen, die durch Falschinformationen gestört werden, wiederherzustellen. 

So bedeutsam das Individuum ist, um Falschinformationen nicht zur Gefahr für Demokratie und Gesellschaft werden zu lassen, so wichtig ist die Fähigkeit, Daten richtig zu interpretieren auch für Unternehmen und die Wirtschaft insgesamt. Der Grund: Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen immer mehr, wodurch sich äußere Einflüsse unweigerlich auch auf unsere Art zu arbeiten auswirken. So können sich Fehlinformationen auf unterschiedliche Art und Weise im Geschäftsleben manifestieren. Man denke nur an unbewusste Voreingenommenheit oder auch an Gerüchte, die gestreut werden, um Aktienkurse zu beeinflussen. Dies zeigt, dass der Datenkompetenz, die im Arbeitsumfeld entwickelt wird, eine besondere Schlüsselrolle zukommt. Mitarbeiter, die darin geschult werden, Daten mit einem kritischen Mindset zu hinterfragen, können sowohl im Job als auch im privaten Bereich besser mit Desinformationen umgehen. Für Arbeitgeber ist es daher sinnvoll, die Weiterentwicklung der Datenkompetenz ihrer Teams mit der Bekämpfung von Fehlinformationen zu verbinden. Sie reduzieren dadurch das Risiko, selbst Opfer von Fake News zu werden und tragen gleichzeitig dazu bei, Desinformation zu bekämpfen. 

Datenkompetenz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Letztendlich steht und fällt der Kampf gegen Fake News mit der persönlichen Befähigung und Motivation jedes Einzelnen, Falschinformationen zu erkennen und auf diese reagieren zu können. Dies ist der einzige Weg, um die Kräfte, die sie in Umlauf bringen und verbreiten, auf konstruktive Weise herauszufordern. Fataler Weise führt Falschinformation auch zu einem Klima voller Misstrauen gegenüber Daten. Nur durch Aufklärung und Schulung können wir den Menschen helfen, Daten und Informationen besser zu verstehen, zu hinterfragen und mit ihnen zu kommunizieren. Der Schlüssel liegt in der direkten Zusammenarbeit von Individuen, Unternehmen, Politik, Institutionen und der breiteren Öffentlichkeit, um die Integrität von Informationen wiederherzustellen.  

Die Desinformationskampagnen im Rahmen von Wahlkämpfen zeigen uns immer wieder, wie gefährlich Fake News für die Demokratie werden können. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir alle sind gefordert, uns damit auseinanderzusetzen. 

Joe DosSantos ist Chief Data Officer beim Datenanalyse-Spezialisten Qlik und verantwortet die Entwicklung von Business Intelligence der nächsten Generation. Zu seinen Aufgabenbereichen zählt unter anderem die Implementierung von Informationsmanagementsystemen, einschließlich aller Datenintegrations- und Datenanalyseprodukte von Qlik. In der Branche gilt er als Vordenker für moderne Datenarchitektur, Data Governance und Datenkompetenz.


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