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Mobilarbeit und Unternehmenssicherheit

»Die Gefahren sind stark gestiegen«

24. November 2020, 12:22 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

»Die Gefahren sind stark gestiegen«
© Karl-Heinz H/stock.adobe.com

Mehr Mitarbeiter im Homeoffice, mehr Daten in der Cloud und Kommunikation über digitale Services: Welche Auswirkungen dieser Trend auf die Unternehmenssicherheit hat, erklärt der Vorstand des Bayerischen Verbands für Sicherheit in der Wirtschaft (BVSW) e.V., Johannes Strümpfel. 

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© BVSW

Johannes Strümpfel, BVSW Vorstand, Deputy Head of Security Siemens AG.

Markt&Technik: Die Pandemie fördert neue Arbeitsformen und beschleunigt die Digitalisierung. Wie sehen Sie diese Entwicklungen aus dem Blickwinkel des BVSW?
Johannes Strümpfel: Mit der Coronakrise hat bei vielen Unternehmen ein wahrer Digitalisierungsschub eingesetzt, denn die Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit hatte überall oberste Priorität. Von einem Tag auf den anderen galt es, neue technische Lösungen zu etablieren, damit möglichste weite Teile der Belegschaft ihre Arbeit im Homeoffice erledigen konnten.  Bei dieser Digitalisierung im Schnelldurchlauf wurden Risiken oftmals ausgeblendet. 

Haben Sie ein Beispiel?
In Bezug auf die Services konzentriert sich oftmals vieles auf einen einzigen Anbieter. Weil es praktisch und schnell umsetzbar ist, verlassen sich viele Unternehmen auf Microsoft. Im Hinblick auf das derzeitige Selbstverständnis von Amerika ist es fraglich, ob das wirklich ein guter Plan ist. Doch die Risiken, die durch das Fehlen einer funktionierenden europäischen Cloud entstehen, werden mit einer Zeitverzögerung sichtbar. Nämlich dann beispielsweise, wenn die Konkurrenz ein Produkt auf den Markt bringt, für das ein Unternehmen jahrelang geforscht und entwickelt hat. Doch auch im eigenen Netzwerk sind die Gefahren stark gestiegen, beispielsweise durch die immer häufiger verwendeten Videokonferenzen. Gelingt es einem Angreifer, Identitätsdaten abzugreifen ist es für ihn einfach, wichtige Informationen aus der Besprechung zu entnehmen. 

Die Verlagerung von Diensten in die Cloud war schon vor der Pandemie ein Trend.  
Das ist richtig, aber die Pandemie ist definitiv ein Treiber der Cloudifizierung und die derzeitige Situation gilt als Argument, um immer mehr Services in die Cloud zu verlagern. Unternehmen sourcen komplette Bereiche aus, wie beispielsweise die Reisekostenabrechnung. Folglich erhalten die Mitarbeiter immer mehr Mails von externen Anbietern. Gleichzeitig können wir aber auch eine Zunahme der Phishing-Attacken beobachten, bei denen versucht wird, Schadsoftware ins Unternehmen einzuschleusen. Besonders für die Mitarbeiter daheim ist es besonders schwierig zu unterscheiden, welche Mails für sie relevant sind und wo es sich um einen möglichen Angriff handelt. Sie können eben nicht schnell einen Kollegen fragen, ob er womöglich die gleiche Nachricht erhalten hat. Die Cloudifizierung und das „New Normal“ überträgt damit immer mehr Verantwortung auf den einzelnen Mitarbeiter. Wir sehen eine Sozialisierung von Unternehmensrisiken.  

Lässt sich diese Entwicklung eindämmen?
Unternehmen sollten sich mit ihren Dienstleistern auf ein gewisses Mindestmaß an Sicherheitsstandards einigen, wie beispielsweise die Einführung von digitalen Signaturen. Darüber hinaus gilt es insbesondere auch bei den Mitarbeitern im Homeoffice immer wieder für Awareness für das Thema Sicherheit zu sorgen. Denn Cyberkriminelle greifen aktuelle Trends und Themen schnell auf und sind deshalb leider immer noch zu oft erfolgreich. 

Auch über die rein technischen Aspekte gibt es viele Punkte, die für mehr Sicherheit sorgen. Unternehmen sollten beispielsweise ihre teils deutlich weniger frequentierten Liegenschaften schützen. Gelangt jemand in ein Firmengebäude, um Informationen für eine Social Engineering Attacke zu sammeln, so wird er in einem normal besetzten Büro relativ schnell gestoppt. Das ist allerdings nicht möglich, wenn ein Großteil der Belegschaft im Homeoffice ist. Auch die Gesundheit der Mitarbeiter im Homeoffice sollten Verantwortliche im Blick behalten. 
 

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