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Infineon wächst trotz Foundry-Schwierigkeiten

06. Mai 2021, 08:56 Uhr   |  Heinz Arnold

Infineon wächst trotz Foundry-Schwierigkeiten
© Infineon

Dr. Reinhard Ploss, Infineon: »Infineon managed den Zyklus erfolgreich, profitiert von der Elektrifizierung und Digitalisierung und setzt die profitable Reise fort.«

Die IC-Knappheit werde noch länger dauern, die Autohersteller würden ihre Just-in-Time-Strategie überdenken – so Reinhard Ploss, CEO von Infineon.

»Die Knappheit wird in diesem Jahr anhalten und das Risiko besteht, dass sie sich in das kommende Jahr weiter erstrecken wird«, sagt Dr. Reinhard Ploss anlässlich der Vorstellung der Zahlen des zweiten Quartals. Selbst ist Infineon bisher recht gut durch die Krise gekommen. Das bedeutet in Zeiten der Knappheit, dass Infineon relativ gut liefern kann. Denn laut Ploss habe Infineon auch kurz nach dem Ausbruch der Pandemie darauf gesetzt, dass wegen der Elektrifizierung im Automobilsektor, wegen dem Umbau der Energiesysteme weltweit, wegen 5G und IoT der Bedarf an ICs weiter steigen werde. Deshalb habe Infineon bei den Foundries weiter bestellt. Nach dem Abschwung im ersten Lockdown konnten sogar Lagerbestände aufgebaut werden. »Sie gehen jetzt aber zur Neige«, so Ploss.

Ausfall in Texas führt zu Umsatzverlust in zweistelliger Millionenhöhe

Und das, obwohl der Wintersturm in Texas zusätzliche Schwierigkeiten bereitet hatte. Der Ausfall von Strom, Gas und Diesel in der Fab in Austin in einem Umsatzausfall im mittleren zweistelligen Millionenbereich führen, was in den Zahlen des dritten Quartals zeigen werde. Die Fab wurde nach der Ankündigung der Behörden innerhalb von Stunden einen sicheren Zustand versetzt, danach konnten die Reinraumbedingungen aber schnell wieder hergestellt und die Fab hochgefahren werden. Bis sie die volle Kapazität erreicht haben werde, dauere es aber nach den Worten von Ploss bis Juni.

Woran Infineon trotz des Markteinbruchs nach dem ersten Lockdown festgehalten hat, sind die Investitionen in neue Kapazitäten. Die Ausgaben wurden 2020 nicht reduziert und werden in diesem Geschäftsjahr noch leicht erhöht und werden bei 1,6 Mrd. Euro liegen. Die Arbeiten an der neuen 300-mm-Fab in Villach gehen mit Hochdruck weiter. »Jetzt ist die Fab „ready for Equipment“, im vierten Quartal fährt sie hoch, ein Quartal früher als ursprünglich geplant«, freut sich Ploss.  

Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2021 konnte Infineon den Umsatz gegenüber dem ersten Quartal um 3 Prozent auf 2,7 Mrd. Euro steigern, vor allem wegen der guten Nachfrageentwicklung im Segment Automotive.

Erfolgreiches Zyklus-Management

Insgesamt hätte das Zyklus-Management bisher also gut funktioniert: »Auf dem Weg zu seinen Zielen für das Geschäftsjahr ist Infineon voll auf Kurs.« Die Pandemie habe die Elektrifizierung und Digitalisierung noch beschleunigt. Davon könne und werde Infineon grundsätzlich profitieren. Deshalb erhöht Infineon die Umsatzprognose leicht auf 11 Mrd. Euro für das Finanzjahr 2021. Erstens, weil sich die Liefersituation bei den Foundries im zweiten Halbjahr etwas verbessern werde, zweitens weil die starke Nachfrage anhalte. So würde sich der Automobilmarkt rasch erholen und es bestünde Nachholbedarf, der so richtig 2022 einsetzen werde.

Deshalb ist er auch für die nähere Zukunft optimistisch: Für das dritte Quartal rechnet er mit einem Umsatz zwischen 2,6 und 2,9 Mrd. Dollar – trotz des Effekts durch den Ausfall der Fab in Austin. Und auch trotz der Knappheit der Foundry-Kapazitäten. Denn der daraus resultierende Umsatzrückgang könnten die Segmente von Infineon, die hauptsächlich auf Basis der im eigenen Hause gefertigten Leistungshalbleiter und Automotive-Chips arbeiten, mehr als kompensieren.  

Knappheit wird noch länger das beherrschende Thema bleiben

Doch im Moment ist die Knappheit noch das beherrschende Thema. Davon ist innerhalb Infineon das Segment Connected Security Devices (CSS) besonders betroffen, weil der Anteil der ICs, die von Foundries gefertigt werden, hier besonders hoch ist. Darunter fallen beispielsweise Controller und Chips für die Vernetzung. Der Umsatz von CSS fiel im zweiten gegenüber dem ersten Quartal von 335 auf 329 Mio. Euro, das Ergebnis fiel um 9,1 Prozent. Gerade umgekehrt ist es im Segment Industrial Power Control (IPC) und Power & Senor Systems (PSS), in denen praktisch nur die im eigenen Hause gefertigten Komponenten wie Leistungshalbeiter Verwendung finden.  

Besonders erfreulich hat sich im zweiten Quartal das Segment Automotive entwickelt, dessen Umsatz um 6 Prozent auf 1,219 Mrd. Euro gegenüber dem ersten Quartal gestiegen ist und das damit 43 Prozent zum Gesamtumsatz beiträgt. Die Marge erreichte 16,2 Prozent, der Book-to-Bill-Wert 2,3. Besonders die Nachfrage aus den Sektoren E-Autos und ADAS bleibt stark. Weil in diesem Segment rund 55 Prozent der in eigenen Fabs gefertigten Komponenten zum Einsatz kommen, können die Ausfälle wegen Lieferschwierigkeiten der Foundries teilweise kompensiert werden.

Und noch ein Grund zur Freude gibt es für Ploss im Automotive-Segment: »Die SiC-Komponenten wachsen sogar noch schneller als vorhergesagt.« Satt von einem Plus um 70 Prozent geht Infineon jetzt von einer Verdoppelung des Umsatzes in diesem Jahr aus. Hier werde das starke Wachstum über die kommenden Jahre anhalten, nicht nur wegen des Bedarfs aus dem Automobilsektor sondern auch wegen einer anhaltend starken Nachfrage aus der Industrie.

Hersteller überdenken Just-in-Time

Wird die schwierige Situation der Automobilhersteller sich auswirken? Dass die Situation für die Autohersteller wegen des Chipmangels so angespannt ist – im ersten Quartal dürften 1,5 Mio. weniger Autos als geplant die Bänder verlassen haben, im zweiten Quartal 1 Mio. Autos – werde laut Ploss zu einem Umdenken bei den Herstellern sorgen: Sie würden sich nun überlegen, bei welchen Produkten es sinnvoller ist, nicht mehr auf reine Just-in-Time-Lieferungen zu setzen, um flexibler auf Marktentwicklungen reagieren zu können.

Dass die Knappheit nicht so schnell beendet sein wird, liegt daran, dass erstens ein wirklicher Bedarf vorhanden ist. Es handelt sich in diesem Zyklus nicht um eine Bestellblase. Zweitens haben die großen Foundries vor alle in die neusten Prozesstechniken investiert, in denen die neusten Prozessoren für den Einsatz in PCs, Servern und Smartphones hergestellt werden. ICs, die in Autos und weiten Teilen der Industrie gebraucht werden, erfordern dagegen Strukturgrößen zwischen 20 und 90 nm. In diesen für sie weniger lukrativen Sektor hatten die Foundries kaum investiert. Das ist nicht über Nacht nachzuholen: Stünden bisher nicht genutzte Reinräume bereit, so dauere es laut Jochen Hanebeck, COO von Infineon, ein bis eineinhalb Jahre, bis sie mit Equipment ausgerüstet sind und die Produktion starten kann. Müssten neue Module gebaut werden, verstrichen über zwei Jahre, bis die Produktion am Markt sichtbar werde. 

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