Noch ein Quantencomputer-Startup

Ein neuer Weg – und was bisher falsch lief

26. Juli 2022, 5:58 Uhr | Heinz Arnold
Das Gründer von Atlantic Quantum: Die Priorisierung der Größe gegenüber der Qubit-Kohärenz habe den Fortschritt des Quantencomputing bisher geschadet – deshalb wollen sie einen neuen Weg beschreiten.
Die Gründer von Atlantic Quantum: Die Priorisierung der Größe gegenüber der Qubit-Kohärenz habe dem Fortschritt des Quantencomputing bisher geschadet – deshalb wollen sie einen neuen Weg beschreiten.
© Atlantic Quantum

450 bis 850 Mrd. Dollar Umsatz locken: Jetzt geht ein neues Quantencomputer-Startup ins Rennen – mit neuen Ideen.

Atlantic Quantum, in diesem Jahr mit Sitz in Cambridge, Massachussetts, und Göteborg, Schweden, gegründet, setzt auf einen neuen Typ von rauschgeschützten Qubits, die die Kohärenzzeit der Qubits gegenüber konventionellen Techniken um eine Größenordnung erhöht. Die Gründer des Unternehmens sind überzeugt, dass sie in Kombination mit neuen Kontrollkonzepten einen Quantenprozessor bauen können, der genau die richtige Größe hat, um Probleme der realen Welt lösen zu können. 

Dann könnte sich die Prognose der Boston Consulting Group erfüllen, dass der Markt für Quantencomputing in den nächsten 15 bis 30 Jahren auf 450 bis 850 Mrd. Dollar wachsen wird. Das wird aber nicht so einfach.

Denn bisher leiden Quantencomputer unter folgenden Problemen:

  • Hohe Fehlerraten 
  • Der Overhead an klassischer Kontrolllogik
  • Beschränkte Skalierbarkeit
  • Zu kurze Kohärenzzeiten, die bestehende Quantenbit-Architekturen erreichen
  • Auf mehr als 1000 Qubits zu kommen, ist derzeit kaum möglich

Allerdings wären 1 Million Qubits erforderlich, um einem Quantencomputer die Leistungsfähigkeit zu verleihen, die er benötigt, um nützliche Aufgaben bewältigen zu können, Industriestandards zu erreichen und die hohen Erwartungen in der Praxis tatsächlich erfüllen zu können. 

Auf die Qualität statt auf die Anzahl der Qubits kommt es an

Anders als die überwiegende Mehrheit der existierenden Quantencomputing-Unternehmen, ist Atlantic Quantum zuerst auf die Qualität und nicht auf die Größe fokussiert«, sagt Milo Werner, Board Member von Atlantic Quantum. »Bisher hat die Priorisierung der Größe gegenüber der Qubit-Kohärenz dem Fortschritt des Quantencomputing geschadet. Wir sind auf einem neuen Weg, auf einem Weg, der uns dem realen Quantencomputing näher bringen wird.«

Mitgründer und CEO Bharath Kannan formuliert es so: »Wir sind überzeugt davon, dass der Schlüssel für signifikante Fortschritte im Quantencomputing darin liegt, fehlertolerante Hardware zu realisieren.«

Die Erfahrung dafür ist vorhanden: Sein Führungsteam – Dr. Simon Gustavsson (President and CTO), Dr. Tim Menke (COO), Dr. Youngkyu Sung (CSO), Prof. Jonas Bylander (Director, European Office), and Shereen Shermak (CBO) – kommt aus der Engineering Quantums Systems Group (EQuS) des MIT, die Prof. William D. Oliver und Principal Research Scientist Simon Gustavsson leiten. Diese Gruppe hatte bereits einige bedeutende Durchbrüche erreichen können. Dazu zählen die Verlängerung der Kohärenzzeit, Rekordwerte für Quantengate-Güten und die Systemintegration im großen Maßstab. Ziel ist es, auf Basis der reichhaltigen Erfahrung Quantengates mit bisher nicht gekannten Güten zu erreichen – mit einem skalierbaren Kontrollsystem.  

Atlantic Quantum arbeitet mit einem Quantenprozessor auf Basis von supraleitenden Qubits. Derzeit setzen die meisten Hersteller wie IBM und Google sogenannte Transmon-Quantenschaltkreise ein, weil sie sehr schnell schalten. Atlantic Quantum setzt dagegen auf Fluxonium-Quantenschaltkreise. Sie sind langsamer, erreichen dafür aber längere Kohärenzzeiten. Offenbar ist es Atlantic Quantum gelungen, die Kohärenzzeiten so weit auszudehnen, dass die längeren Schaltzeiten nicht mehr ins Gewicht fallen – und in absehbarer Zeit die Fluxonium- gegenüber den Transmon-Typen einen Vorteil gewinnen werden. Laut Kannan liegt ein entscheidender Vorzug der Luxonium-Typen darin, dass sie nicht nur längere Kohärenzzeiten erreichen, sondern sich mit einer einfacheren Kontrolllogik realisieren lassen.  

»Ich freue mich, dass so viele EQuS-Forscher dabei sind. Das ist ein Dream-Team, das darauf eingeschworen ist, die Technik aus dem Lab in den Markt zu bringen«, sagt Prof. Oliver. »Wir sind voll darauf fokussiert, die Techniken zu entwickeln, die erforderlich sind, um das einzulösen, was die Quantencomputer versprechen.« 

Darüber freuen sich offenbar auch die Investoren. Ein Seed-Investment in Höhe von 9 Mio. Dollar hat Atlantic Quantum bereits eingesammelt. Geführt wird es von The Engine, ein Capital-Venture-Unternehmen, das aus dem MIT hervorgegangen ist. Zu den weiteren Investoren gehören: Thomas Tull, Glasswing Ventures, Future Labs Capital, and E14. 
 


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